»Die Geschichte neu schreiben«

Der Forscher Mike Lyons entdeckte in der Karibik mithilfe digitaler Technologie eine bis dato unbekannte Zivilisation. Ein Gespräch über eine Revolution in der Archäologie.

Honduras Dschungel La Mosquitia
Die Forschenden erkundeten den Dschungel in der Region La Mosquitia, um verschollene Siedlungen zu finden. Foto: Galyna Andrushko/picture alliance/Zoonar

Als die Forscher Markus Reindel und ­Mike ­Lyons 2016 zum ersten Mal in dem kleinen Fischerdorf Guadalupe auf einem Schulhof standen, rechneten sie nicht damit, dass hier eine der wichtigsten Expeditionen ihrer Karrieren ihren Anfang nehmen würde. In einem Haufen Schutt fanden sie eine ungewöhnlich aussehende Keramikscherbe und begannen zu graben. Vier Jahre später hatten sie durch gezielte Grabungen entlang der nahe gelegenen Küste bereits Dutzende verschüttete Siedlungen entdeckt, die den Blick auf die kulturhistorische Bedeutung von Honduras vollkommen verändern sollten. Bis heute arbeitet ­Mike ­Lyons an der Rekonstruktion einer indigenen Volksgruppe, die dort vor der brutalen Besetzung durch die spanischen Eroberer im Jahre 1502 einen fast 8.000 Quadratkilometer großen Wirtschaftsraum unterhielt.

ARTE Magazin Herr Lyons, was macht den Nordosten  von Honduras so spannend für Ihre Forschung?

MIke Lyons Leider können wir die Geschichten vieler Regionen im Globalen Süden oft nur bruchstückhaft rekonstruieren. Das gilt auch für die Nordostküste von Honduras: Während die sogenannten Hochkulturen der Maya und Azteken mit ihren imposanten Ruinenstätten im Westen des Landes bereits intensiv untersucht wurden, reichte unser Wissen über den Nordosten bislang nicht weiter als 2.500 Jahre zurück. Das hat auch mit der Kolonialgeschichte zu tun, in deren Verlauf viel kulturelles Erbe verloren gegangen ist. Heute sehen wir die Vielfalt der ­Keramikproduktion und die Komplexität der Handelswege, die es in der Region in der vorspanischen Zeit gegeben haben muss. Unser Team versucht diesen Schatz zu bergen.

ARTE Magazin Welche modernen archäologischen Methoden haben Sie dafür verwendet?

Mike Lyons Wichtig für das Projekt war eine Software, die mithilfe von 3D-Scans Keramikobjekte nachbilden und aus den Überresten von Gebäuden und Straßen ganze Siedlungen rekonstruieren kann. Diese Modelle haben wir in eine Datenbank eingestellt, damit Archäologinnen und Archäologen aus der ganzen Welt sie kommentieren und analysieren können – ein großer Schritt, um zum Beispiel besser zu verstehen, dass die Region einst als ein Knotenpunkt wichtiger Handelswege für Zentralamerika fungierte.

 

Ausgrabungen in Honduras Rollensiegel
Expedition: Die Forschenden erkundeten den Dschungel in der Region La Mosquitia, um verschollene Siedlungen zu finden. Ein solches Rollsiegel (Foto), mit dem Farbe aufgetragen wurde, bargen die Archäologen bei Ausgrabungen in Coraza Alta. Foto: Thomas Henkel/SR

 

ARTE Magazin Haben digitale Tools Ihnen auch bei der Entdeckung von wichtigen Grabungsorten geholfen?

Mike Lyons Ja. Mit der sogenannten Lidar-Technologie kann man mithilfe von Lasersensoren von einem Flugzeug oder einer Drohne aus das Gelände vermessen. Aus einem solchen 3D-Modell kann man dann die von Bäumen und Pflanzen stammenden Signale herausrechnen. Damit konnten wir das Blätterdach des Dschungels durchdringen und potenzielle Grabungsstätten erkennen, ohne drei Monate lang mit der Machete durch den Wald laufen zu müssen. Die Entwicklung der Technologie haben wir übrigens der Nasa zu verdanken.

ARTE Magazin Warum der Nasa?

Mike Lyons Lidar, wie wir es heute verwenden, wurde erstmals 1971 bei der Apollo-15-Mission zum Scannen und Kartieren der Mondoberfläche eingesetzt. Man kann sagen, dass die Technologie die Archäologie auf eine ähnliche Weise revolutioniert hat wie das Hubble-Weltraumteleskop die Astronomie. Ich gehe davon aus, dass in nicht allzu ferner Zukunft die gesamte Erdoberfläche kartiert sein wird – danach werden wir aber noch Jahrzehnte brauchen, um alle Daten zu sichten und einzuordnen. Es fühlt sich so an, als müsste die Geschichte vieler Regionen neu geschrieben werden.

ARTE Magazin Was bedeutet das für Ihr Berufsfeld?

Mike Lyons Die Archäologie macht seit zehn Jahren einen starken Wandel durch. Die Fähigkeit, digitale Modelle zu interpretieren, wird immer wichtiger. Natürlich haben wir Honduras auch zu Fuß und per Motorrad erkundet. Aber wir konnten unsere Wege zuvor gezielt planen. Auch der ständige Austausch mit Einheimischen ist heute in der Archäologie selbstverständlich. Sie haben uns Grabungen auf ihren Bauernhöfen oder in ihren Gärten ermöglicht.

ARTE Magazin Wie gehen die Menschen vor Ort mit den archäologischen Funden um?

Mike Lyons In Honduras leben Menschen, die ethnischen Minderheiten, wie den Garifuna oder den Pech, angehören. Ihre Vorfahren müssen teils durch die spanischen Eroberer unterdrückt worden sein. Heute zählen sie zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen des Landes. An ihrem Beispiel kann man sehen, dass Armut und Gewalt bis heute zum Leben der Menschen gehören. Gemeinsam mit ihren lokalen Verbänden haben wir auf dem Schulgelände in dem Ort Guadalupe ein Museum aufgebaut, in dem die bedeutendsten Fundstücke ausgestellt werden. Die Zeiten, in denen Archäologen die Funde aus den Herkunfsländern geraubt haben, sind zum Glück lange vorbei.

Zur Person
Mike Lyons, Archäologe

Der Amerikaner promoviert am Institut für Archäologie und Kulturanthropologie der Universität Bonn. Gemeinsam mit Markus Reindel leitete er die Expedition nach Honduras, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde.

Abenteuer Honduras: Reise in eine verschwundene Welt

Dokureihe

Freitag, 9.3. — 22.00 Uhr
bis 6.6. in der Mediathek