»Der Islam braucht ein Update«

EMANZIPATION Das allgemeine Bild von der unterdrückten Muslima hat mit der Realität wenig zu tun. Eine Kurskorrektur mit Autorin Sineb El Masrar.

Foto: Daniel Hofer

Über den Islam wird in Deutschland viel gesprochen – vor allem über Frauen im Islam. Mit ihnen wird hingegen viel zu wenig gesprochen, findet ­Sineb El ­Masrar. Deshalb hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, dafür zu sorgen, dass Muslimas gehört werden. Seit 2006 nutzt sie dafür das von ihr gegründete Frauenmagazin Gazelle, das migrantische Perspektiven in den Mittelpunkt stellt. Diese Arbeit setzt sie auch anderweitig fort – in Talkshows und Büchern, auf Podien und als Teil der ARTE-Dokumentation „Der Islam der Frauen“. El ­Masrar zeigt, wie muslimischer Feminismus aussehen kann. Beim Interview mit dem ARTE Magazin in einem Café im Berliner Stadtteil Neukölln erzählt sie, was sie zur Feministin gemacht hat.

ARTE MAGAZIN Frau El Masrar, wieso benötigen wir in Deutschland ein Magazin wie Gazelle?
Sineb El Masrar Alle haben Geschichten zu erzählen: geflüchtete Frauen, Migrantinnen und ihre Nachkommen, ausländische Studentinnen. Diese Bandbreite wurde medial zuvor kaum abgedeckt. Wenn von Frauen mit Migrationshintergrund gesprochen wird, dann vornehmlich von muslimischen Frauen. Und dann geht es immer um dieselben Themen: Zwangsehe, Genitalverstümmelung, Ehrenmord und natürlich das Kopftuch.

ARTE MAGAZIN Das absolute Lieblingsthema …
Sineb El Masrar Ja, da treten wir wirklich auf der Stelle. Frauen mit Kopftuch sind so etwas wie die Litfaßsäule des Islam. Die Diskussion wird auf muslimischer und nicht-muslimischer Seite immer noch einseitig geführt.

ARTE MAGAZIN Woher kommt diese Fixierung?
Sineb El Masrar Der Islam wird vor allem über reaktionäre Muslime wahrgenommen, weil sie polarisieren. Das bekommen Frauen mit Kopftuch zu spüren; das wird oft mit islamistisch gleichgesetzt, was Quatsch ist. Es gibt durchaus verschiedene Glaubensrichtungen innerhalb des Islam.

ARTE MAGAZIN Gibt es auch verschiedene feministische Strömungen innerhalb des Islam?
Sineb El Masrar Es gibt mindestens drei unterschiedliche Strömungen. Auf der einen Seite stehen die einfachen Feministinnen, die sich von ihrer Religion gelöst haben. Das sind unter Umständen keine Muslimas mehr. Sie haben sich nicht im, sondern vom Islam emanzipiert. Es gibt aber auch muslimische Feministinnen, also Frauen, die feministische Positionen vertreten und Muslimas sind. Dann gibt es noch islam-feministische Muslimas – Frauen, die ihren Feminismus mit Koranstellen zu belegen versuchen. Sie wollen eine feministische Lesart des Korans finden.

ARTE MAGAZIN Geht das denn?
Sineb El Masrar Es gibt Interpretationsspielraum, aber manche Stellen sind problematisch, wie man es auch dreht oder wendet. Selbst wenn frau alles sehr wohlwollend interpretiert: Polyandrie, also Vielmännerei, ist im Koran nicht vorgesehen. Die Vielehe gibt es nur für Männer. Das bleibt patriarchal, daran kann auch keine Neuinterpretation etwas ändern.

Der Islam der Frauen

Gesellschaftsdoku
Mittwoch, 1.4. • 21.45 Uhr
bis 30.4. in der Mediathek.

ARTE MAGAZIN Aber prinzipiell gehen Islam und Feminismus zusammen?
Sineb El Masrar Natürlich kann eine Frau gläubig und Feministin sein. Es gibt aber auch islamistische „Feministinnen“. Und da würde ich auf jeden Fall Anführungszeichen verwenden, genau wie bei rechten „Feministinnen“. Das rechte Denken ist per se antifeministisch wie das islamistische auch. Diese Frauen unterstützen die bestehenden patriarchalen und faschistischen Strukturen, indem sie für sich Teilhabe im Islamismus schaffen wollen.

ARTE MAGAZIN Warum verschreiben sich Frauen einer solchen Ideologie?
Sineb El Masrar Es ist ein fauler Kompromiss. Wer wirklich feministisch ist, müsste mit dieser Ideologie brechen. Die wenigsten Frauen haben aber die Kraft und die Möglichkeit, das zu tun. Sie müssten immer auch mit ihrer Familie brechen, ihrem Umfeld. Das ist schwer. Sich mit der Ideologie des Islamismus zu arrangieren ist deshalb oft die scheinbar bessere Option. So können sie Anerkennung ernten als Hausfrau und Mutter, sogar studieren, solange sie sich an die Vorgaben halten. Sie werden für ihre fraulichen Fähigkeiten wertgeschätzt, solange sie in diesem kleinen Aktionsradius bleiben.

ARTE MAGAZIN Ursprünglich brachte der Islam Frauen mehr Rechte …
Sineb El Masrar Als der Islam im 7. Jahrhundert aufkam, waren seine Gebote und Regeln großes Kino für Frauen auf der arabischen Halbinsel. Die Mehrzahl der Frauen war damals sehr schlecht gestellt. Der Islam hat ihnen immerhin ein paar Rechte gebracht. Plötzlich gehörten Frauen nicht mehr zur Erbmasse, sondern waren erbberechtigt. Sie bekamen zwar nur die Hälfte, aber immerhin – besser als nichts. Auch Unterhalt wurde geregelt.

ARTE MAGAZIN Wie konnte der Islam ein Instrument der Unterdrückung werden?
Sineb El Masrar Um es ganz platt zu sagen: Andere Gesellschaften haben sich weiterentwickelt, die islamischen größtenteils nicht. Der Islam braucht ein Update. Das heißt nicht, dass er überholt ist. Man sollte den Gedanken der Gleichberechtigung theologisch ins 21. Jahrhundert transportieren. Die Frage sollte sein: Wenn der Islam heute offenbart würde, wie würde er sich zu den heute relevanten Fragen von Gleichberechtigung verhalten?

ARTE MAGAZIN Was ist Ihrer Meinung nach die Antwort auf diese Frage?
Sineb El Masrar Meinem Buch „Emanzipation im Islam“ habe ich einen Teil einer Sure vorangestellt, die besagt, dass Frauen nicht unterwürfig sein sollen in ihrem Reden. Der Koran ruft die Frauen des Propheten dazu auf, sich einzubringen. Das sind Vorbilder. Eine wichtige Botschaft. Von Anfang an spielten Frauen im Islam und auch im Koran eine wichtige Rolle, das dürfen wir nicht vergessen. Jede Frau hat eine Stimme und jede Frau hat etwas zu sagen. Die muslimische Gesellschaft muss lernen, zuzuhören.