Am 4. Juli werden die USA 250 Jahre alt. Doch das Land ist tief gespalten, und mit Donald Trumps zweiter Amtszeit treten die Risse im Fundament der ältesten modernen Demokratie offen zutage. Kaum jemand kann ihre Widersprüche so anschaulich aufschlüsseln wie Jill Lepore. Die Historikerin und Autorin des New Yorker hat mit „Diese Wahrheiten“ (2019) eine monumentale Geschichte der Vereinigten Staaten geschrieben. In ihrem jüngsten Buch „We the People“ (2026) knöpft sie sich die Verfassung vor. Ihr Fazit: Die Maschine ist kaputt – und keiner traut sich, sie zu reparieren.
ARTE Magazin Frau Lepore, steht Ihnen angesichts des großen Jubiläums der Sinn nach Feiern?
Jill Lepore Für viele Amerikaner dürfte es ein 4. Juli wie jeder andere sein. Ein schöner Sommertag, an dem man Hot Dogs isst. Doch wenn ich mich an den 200. Jahrestag erinnere, das war 1976, ich war neun: Damals gab es deutlich mehr Tamtam. Die Ambivalenz über den Zustand der Nation ist heute erheblich größer – das dürfte die Erwartungen vieler Menschen gedämpft haben.
ARTE Magazin Donald Trump plant ein Wrestling-Turnier im Garten des Weißen Hauses. Gleichzeitig gehen Millionen unter dem Motto „No Kings“ auf die Straße. Wie gespalten ist das Land?
Jill Lepore An den politischen Rändern ist das Land sicher furchtbar polarisiert. Aber man sollte nicht vergessen: Es gibt in den USA eine ziemlich breite Mitte, die kaum sichtbar ist – Leute, die nicht den ganzen Tag auf TikTok herumschreien. Diese Mitte ist unter unseren gewählten Repräsentanten sehr schlecht vertreten.
ARTE Magazin Von außen wirkt es fast, als würden zwei verschiedene Länder denselben Raum bewohnen: zwei gegensätzliche Faktenlagen, zwei Geschichtsbilder, zwei Moralsysteme.
Jill Lepore Wir wissen, dass die Spaltung in den USA seit etwa 1968 wächst. Noch in den 1950er und 1960er Jahren war die Standardkritik an den amerikanischen Parteien, sie seien nicht voneinander zu unterscheiden – „Tweedledum und Tweedledee“, sagten die Leute. Es folgte eine Art Neuordnung, vor allem im Zuge der Bürgerrechtsbewegung. Weiße Südstaaten-Demokraten, die gegen Bürgerrechte waren, verließen die Demokratische Partei und wechselten zu den Republikanern. Ab Anfang der 1970er Jahre definierten dann die Themen Abtreibung und Waffen zunehmend die Parteien. Politische Berater nutzten sie, um Wähler an die Urnen zu treiben: Beides wurde als Frage von Leben und Tod dargestellt, von Freiheit und Tyrannei. Es spitzte die Rhetorik enorm zu. Die Republikaner rückten weiter nach rechts, die Demokraten nach links. Wichtig ist: Die Spaltung ist kein Produkt von Donald Trump. Er ist ein Produkt dieser Entwicklung.
ARTE Magazin Ist das Neue an Trump, dass er nicht einmal mehr so tut, als wollte er Gräben überbrücken?
Jill Lepore Ich überlege, ob das ihm gegenüber unfair ist – ob es andere Präsidenten gab, denen Amerikaner, die sie nicht unterstützt haben, ähnlich gleichgültig waren. Nixon hatte privat nichts übrig für seine politischen Gegner und betrachtete sie als Feinde, wie man auf den Nixon-Tapes hören kann. Aber das hätte er nie öffentlich gesagt. Und er hat durchaus mit Demokraten gearbeitet, um Gesetze zu verabschieden. Ob irgendjemand an Trumps Bereitschaft herankommt, im Grunde zu Gewalt gegen seine Gegner aufzurufen? Nein. Da kommt niemand auch nur in die Nähe.
ARTE Magazin Wenn der Präsident einen Flügel des Weißen Hauses abreißt, um sich einen vergoldeten Ballsaal zu bauen, einen Triumphbogen zu seinen Ehren errichten lassen will – ist das die Bildsprache eines Diktators?
Jill Lepore Es ist tatsächlich eine ziemlich etablierte Ästhetik: die riesigen Kronleuchter, das Gold. Ein Stil, den ich persönlich geschmacklos und protzig nennen würde, wie in einem Casino in Las Vegas. Es gibt aber noch andere Bezüge, etwa faschistische Denkmäler aus den 1930er Jahren. Das ist keine schrullige persönliche Vorliebe. Es ist seine vorhersehbare Zuneigung zur Ästhetik eines Diktators. Und er tut nicht einmal so, als ginge es ihm um etwas anderes als seinen eigenen Triumph: Sein Gesicht ist überall, seine Unterschrift ist überall.
ARTE Magazin Sie sind in einer Kleinstadt in Massachusetts aufgewachsen, als Enkelin italienischer Einwanderer aus den Abruzzen. Existiert das Versprechen noch, das Ihre Großeltern nach Amerika gelockt hat?
Jill Lepore Mein Vater war der Erste in seiner Familie, der in den USA geboren wurde. Seine Eltern gaben ihm den zweiten Vornamen Amerigo – nach Amerigo Vespucci, aber natürlich auch nach diesem Land. Ich schätze mich glücklich, dass meine Großeltern eingewandert sind. Die USA bieten weiter Chancen, im Vergleich zu vielen anderen Ländern gibt es politische Meinungsfreiheit, es gibt Jobs. Aber viele Amerikaner haben Angst, dass der American Dream im Sinne eines wirtschaftlichen Aufstiegs längst unerreichbar geworden ist.
ARTE Magazin Wie äußert sich das?
Jill Lepore Seit Ende der 1960er Jahre wächst die Kluft zwischen Arm und Reich. Das Vermögen, das einer winzigen Gruppe gehört – das sind fast schon feudale Zustände. Vom Tellerwäscher zum Millionär, die Idee gilt nicht mehr. Ein Studium ist absurd teuer, und nach dem Abschluss findet man keinen Job. Wohneigentum ist unerschwinglich. Die Programme, die den Wohlstand in der Mitte des 20. Jahrhunderts ermöglicht haben – wie die GI Bill, die Veteranen kostenlose Bildung und Hilfe beim Wohneigentum bot –, gibt es in dieser Form nicht mehr. Und die marktliberalen Reformen unter Ronald Reagan haben die Mittelschicht abgehängt. Im Grunde haben wir zunehmend zwei Klassen: sehr Reiche und Menschen, die wirklich kämpfen.
ARTE Magazin Sie beschreiben, wie die Linke in den USA seit den 1970er Jahren die Nation als Erzählung aufgegeben hat, zugunsten von Identitätspolitik. War das der Fehler, für den die Liberalen noch heute zahlen?
Jill Lepore Ja, das denke ich. Was oft vergessen wird: Das wurde erst möglich durch gezielte Marktforschung, sogenanntes Microtargeting. Damit ließ die Wählerschaft sich nach Identitäten einteilen: Sie sind eine 47-jährige katholische Mutter von vier Kindern, verheiratet mit einem Schweißer in Detroit. Also bekommen Sie eine maßgeschneiderte Kampagne, die eine Person mit genau dieser Identität überzeugen soll. Die Demokraten sind darauf angesprungen, weil es zu ihrem politischen Verständnis passte: dass Amerikaner am besten als Gruppen zu verstehen seien – nach Ethnie, Hautfarbe, Geschlecht. Und dass die Demokratische Partei eine Art Sammelsurium dieser Identitäten ist, deren gemeinsame Politik vor allem darin besteht, nicht mit den Republikanern übereinzustimmen. Der Wahlkampf von Kamala Harris hat stark auf solches Targeting einzelner Gruppen gesetzt – ohne eine verbindende Botschaft. Sie selbst verkörperte eine Reihe von Identitäten: eine schwarze Amerikanerin, eine asiatisch-amerikanische Amerikanerin, eine Frau – das waren irgendwie Bestandteile der Demokratischen Partei. Aber eine politische Botschaft hatte sie nicht. Beim Parteitag der Demokraten 2024 hing hinter ihr, wenn ich mich recht erinnere, ein riesiges Banner, auf dem einfach nur „Freedom“ stand. Das Motto des Parteitags war Freiheit. Und man muss sich schon fragen: Wer ist denn bitte die Anti-Freiheits-Partei? Es gab keine Ideen.
ARTE Magazin Inwiefern ist die aktuelle Situation vergleichbar etwa mit den politischen Unruhen der 1960er Jahre?
Jill Lepore Zahlenmäßig gab es in den 1960er Jahren mehr politische Gewalt. Mit fast 2.000 Bombenanschlägen und den politischen Morden an John F. Kennedy, Robert F. Kennedy, Martin Luther King Jr. und Malcolm X. Dennoch leben wir heute in einem völlig anderen politischen Moment, in dem es schwer ist, sich eine Rückkehr zu Ruhe und Gleichgewicht vorzustellen – vor allem wegen Social Media. Der öffentliche Raum ist in Privatbesitz, er gehört im Grunde drei Männern. Wenn Konzerne an politischer Aufwiegelung verdienen, darf man sich nicht wundern, dass die demokratischen Institutionen verfallen. Das unterscheidet diese Zeit für mich von früheren Epochen.
ARTE Magazin Ist angesichts dieser Umstände auch die Idee eines Bürgerkriegs denkbar?
Jill Lepore Ich glaube, die Sorge vor politischer Gewalt ist berechtigt. Und ich glaube, es ist nicht falsch, sich sogar Sorgen über ein Auseinanderbrechen der Nation zu machen.
ARTE Magazin Halten Sie es für möglich, dass einzelne Bundesstaaten sich von den USA abspalten?
Jill Lepore Es gibt andere Wege, wie ein Land auseinanderbrechen kann, als Sezession. Die wirklichen Gräben verlaufen zwischen Arm und Reich und zwischen Stadt und Land, nicht zwischen den Bundesstaaten. Ein Auseinanderbrechen passiert anders als ein Bürgerkrieg. Es ist eher ein langsames Aufgeben des Besten, was die Vereinigten Staaten ausmacht, und ein Umarmen des Schlechtesten. Und dann sind es keine Vereinigten Staaten mehr.
ARTE Magazin Kann das Ideal der USA, wie wir sie kannten, gerettet werden?
Jill Lepore Ich glaube: Wenn die amerikanischen Institutionen wieder hergestellt würden, dürfte es Jahre dauern, bis sie wieder richtig funktionierten. Und nicht Monate. Ich meine damit die Gewaltenteilung, die Begrenzung der Präsidentschaftsmacht, die Handlungsfähigkeit des Kongresses. Niemand sollte erwarten, dass man einfach bremst, den Rückwärtsgang einlegt und wendet. Es ist ein beschwerlicher Weg. Und ein langer.
Zur Person
Jill Lepore, Historikerin
Die Professorin lehrt in Harvard und gehört zu den einflussreichsten intellektuellen Stimmen der USA. Zuletzt erschien ihr Buch „We the People“ im C. H. Beck Verlag.
Einfach den Rückwärts-gang einlegen und wenden – das geht nicht







