Eine Zeit lang zählte Shere Hite zu den bekanntesten Feministinnen der Welt. 1976 hatte die Sozialwissenschaftlerin den „Hite Report“ veröffentlicht: ein Buch, das, basierend auf Tausenden Fragebögen, das Thema Sex aus weiblicher Perspektive aufrollte. Und offenlegte, dass es zwischen Männern und Frauen, gelinde gesagt, einige Missverständnisse auszuräumen galt. Damit traf Hite einen Nerv: Das Werk wurde über Nacht zum Bestseller, bis heute gehört es zu den 30 meistverkauften Büchern aller Zeiten. Trotzdem ist seine Autorin praktisch vergessen. Hite, die bis in die 1980er Jahre Dauergast in Talkshows war, hatte sich größtenteils aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Zu heftig waren die Anfeindungen, die ihr vor allem in den USA entgegenschlugen. Sie ging nach Deutschland, dann nach England, wo sie 2020 starb. Die Filmemacherin Nicole Newnham erzählt Hites Geschichte in einem prämierten Dokumentarfilm, den ARTE im Mai zeigt.
ARTE Magazin Frau Newnham, vielen ist Shere Hite heute kein Begriff. Wie sind Sie auf sie gestoßen?
Nicole Newnham Es ist erschütternd, wie gründlich man sie vergessen hat. Ich selbst habe den „Hite Report“ als junges Mädchen entdeckt. Meine Mutter besaß ein Exemplar, das sie in einer Truhe neben dem Bett versteckte, in der ich an Regentagen stöberte. Das Buch aufzuschlagen war, wie durch ein Portal zu treten. Man bekam damals kaum Informationen über den weiblichen Körper. Im „Hite Report“ zu lesen, dass Dinge, die ich selbst empfand, für andere Frauen normal waren, war schlicht radikal. Deshalb war mir bewusst, wie wichtig das Buch war. Nach Shere Hites Tod lautete die Überschrift ihres Nachrufs in der New York Times: „Shere Hite entdeckte den weiblichen Orgasmus und wurde dafür gehasst“. Wie bitte? Das veranlasste mich, ihrer Geschichte nachzugehen.
ARTE Magazin Zunächst war sie populär und ständig im Fernsehen zu sehen. Brachte sie den Feminismus in den Mainstream?
Nicole Newnham Schon. Eine Zeit lang war sie eine Figur, mit der Frauen sich identifizieren konnten. Darum bekam sie so viele ausgefüllte Fragebögen zurück, mit intimen Antworten. Die Handschriften und Kassetten lagern im Archiv der Harvard-Universität. Man spürt, wie viel Zeit die Menschen sich dafür genommen hatten. Auf manchen Kassetten hört man im Nebenzimmer den Ehemann, während die Frau gedämpft redet – sie spricht mit Shere. Ich glaube, viele haben ihr ihre Geheimnisse gebeichtet.
ARTE Magazin Irgendwann kippte die Stimmung. Die Presse machte sie lächerlich, sie bekam Drohanrufe. Warum war die Reaktion derart extrem?
Nicole Newnham Die wohl größte Angst, die der „Hite Report“ bei Männern schürte, war die Vorstellung, überflüssig zu sein. Es gab damals den weitverbreiteten Mythos, dass es das Problem der Frau sei, wenn sie keinen Orgasmus hatte. Viele Frauen erlebten nie einen Höhepunkt beim Sex. Sie schämten sich, dachten, dass etwas mit ihnen nicht stimmte. Das war das größte Tabu, das Shere brach. Für Männer war das erschreckend: Denn wenn das Problem nicht bei den Frauen lag, lag es vielleicht bei ihnen.
ARTE Magazin Spielte eine Rolle, dass sie nicht dem damaligen Klischee der typischen Feministin entsprach? Sie interessierte sich für Mode, war als Model auf James-Bond-Plakaten und im Playboy zu sehen.
Nicole Newnham Unbedingt. Sie war kompromisslos: Sie beanspruchte Haute Couture für sich, sie beanspruchte ihre Attraktivität. Darin war sie ihrer Zeit voraus. Wir haben ein frühes Fernsehinterview gefunden, da trug sie Karohemd und kein Make-up. Es wirkt, als hätte sie das kurz probiert. Dann wurde sie immer mehr sie selbst. Sie war die Protagonistin ihrer eigenen Geschichte. In der half sie, die Kultur zu verändern, die Menschen von den Schmerzen des Patriarchats zu befreien – auch die Männer. Sie sah aufrichtig, wie die Gesellschaft Männer daran hinderte, ihre Gefühle auszudrücken. Aber sie wollte auch eine Heldin sein. Wie in ihren Lieblingsfilmen, den Hollywood-Noirs der 1930er Jahre, in denen die Frauen echte Powerfrauen waren.
ARTE Magazin Wie relevant ist Shere Hites Arbeit heute, angesichts von Debatten über Abtreibungsrechte und die Manosphere?
Nicole Newnham Es ist verlockend zu sagen, Shere wäre schockiert über die Kultur, die vor allem in den USA herrscht. Zwar sind viele ihrer Ideen heute akzeptiert. Doch zugleich ahnte sie schon den Rückschlag. Sie sah, wohin die Medienkonzentration führte, und sie war sehr besorgt über den Aufstieg des christlichen Nationalismus. Ihr war klar, wie diese Dinge miteinander verflochten sind. Ich arbeitete am Film, als das Urteil „Roe v. Wade“ gekippt wurde, das das Recht auf Abtreibung etabliert hatte. Es fühlte sich unwirklich an. Darum halte ich es für wichtig, das Wissen, das uns vorangegangen ist, nicht zu verlieren. Sich mit ihrer Arbeit zu beschäftigen, ist relevanter denn je.
Zur Person
Nicole Newnham, Regisseurin
Die US-amerikanische Filmemacherin und Drehbuchautorin ist spezialisiert auf Dokumentarfilme. Mit „Crip Camp“ war sie 2021 für den Oscar nominiert.





