Trine Dyrholm ist gerade in ihrem Zuhause in Kopenhagen. Für das Interview hat sich die dänische Schauspielerin („Beginnings“, „Die Erbschaft“) ins Zimmer ihres Sohnes an den Schreibtisch gesetzt. „Er liebt Instrumente“, sagt sie und schwenkt die Kamera. Diverse Gitarren zieren die Wand. „Und er ist ein guter Musiker.“ Dass auch Trine Dyrholm eine enge Bindung zur Musik pflegt, wird am Ende des Gesprächs deutlich. Bei ARTE ist die 53-Jährige in der neuen Miniserie „The Danish Woman“ des isländischen Regisseurs Benedikt Erlingsson zu sehen. Sie spielt darin die dänische Ex-Geheimagentin Ditte Jensen, die sich der Probleme ihrer Nachbarn im isländischen Reykjavík annimmt – meist ungefragt und mit fragwürdigen Mitteln.
ARTE Magazin Frau Dyrholm, gibt es so etwas wie eine typisch dänische Frau?
Trine Dyrholm Nein, die gibt es nicht. Aber natürlich gibt es Stereotype, wie in jedem Land, die auf einer gewissen Wahrheit beruhen. Und mit genau diesen Stereotypen spielt „The Danish Woman“ – aus Sicht des isländischen Regisseurs Benedikt Erlingsson.
ARTE Magazin Welche Stereotype sind das?
Trine Dyrholm Die Protagonistin Ditte Jensen redet offen über Sexualität, sie ist frei und feministisch und hält auch mal eine kleine Rede übers Fahrradfahren. Das ist schon alles in gewisser Weise dänisch. Ich mag das Wort „typisch“ aber einfach nicht. Wir alle haben so viele Facetten. Ich kämpfe schon immer gegen Schubladendenken an.
ARTE Magazin Benedikt Erlingsson beschreibt Jensen als Mischung aus Napoleon, Pippi Langstrumpf und Rambo. Können Sie das näher erklären?
Trine Dyrholm Zum einen ist sie eine mächtige Diktatorin, alles muss nach ihrem Willen gehen – eine Anspielung auf die Kolonialgeschichte Dänemarks. Island ist erst seit 1944 vollständig unabhängig von Dänemark, die Isländer lernen noch heute Dänisch in der Schule. Zum anderen ist sie die Nachbarin, die nebenan wohnt und Kuchen backt. Und im nächsten Moment ist sie absolut kompromisslos und räumt auf wie Rambo. Sie hat eine sehr feministische Einstellung dazu, was richtig und falsch ist. Sie glaubt fest an viele Dinge, hat eine Menge zu sagen. Ihr Idealismus ist verständlich – ihre Methoden hingegen sind fragwürdig.
ARTE Magazin Die Rolle des Ex-Geheimagenten, der aus dem Ruhestand zurückkehrt, kennt man eher entweder männlich à la Liam Neeson oder sexy à la Charlize Theron. Ditte Jensen ist weder noch. Ist „The Danish Woman“ in dieser Hinsicht modern?
Trine Dyrholm Ditte kehrt ja eher unfreiwillig ein letztes Mal zurück. Eigentlich will sie mit dem Geheimdienst nichts mehr zu tun haben. Aber sie ist nun mal, wie sie ist – und wie sie ihr Leben als Geheimagentin geprägt hat: Du hast ein Problem? Ich bringe das in Ordnung für dich! Das ist ihre Lebensaufgabe. Und ich mag es, dass es eine Frau ist, die das verkörpert. Sie ist nicht sexy und auch nicht immer cool, sondern geradezu tollpatschig. Das ist für mich definitiv modern.
ARTE Magazin Würde die Serie mit einem Mann in der Hauptrolle funktionieren?
Trine Dyrholm Ich glaube nicht, dass es in diesem Fall funktionieren würde, nein. Es musste eine Dänin sein – auch, weil es einige Dinge gibt, die schockierender sind, gerade weil sie eine Frau ist. Diese Kombination aus gewalttätiger männlicher Energie und Fähigkeiten, die eher zur weiblichen Seite gehören, wie Fürsorglichkeit, finde ich sehr spannend. Obwohl es für mich schwierig ist, über Geschlechter zu sprechen.
ARTE Magazin Warum?
Trine Dyrholm Weil ich schon immer dafür gekämpft habe, Geschlechter nicht in einem kulturell eingeschränkten System festzuschreiben. Ich möchte, dass alle Charaktere in gewisser Weise alles tun können. So bin ich auch immer alle Figuren angegangen, die ich dargestellt habe. Es gefällt mir, Frauen aus Perspektiven zu zeigen, aus denen man bisher nur Männer gesehen hat. Ich mag es, Rollenbilder herauszufordern.
ARTE Magazin Sie haben gesagt, es sei eine große Ehre, „in meinem Alter noch eine so herausfordernde und coole Rolle zu bekommen“. Sind die Angebote sonst eher mau?
Trine Dyrholm Nein, im Gegenteil. Ich bin sehr dankbar für alle Rollen, die ich derzeit bekomme. Ich lehne auch einige Angebote ab, weil ich sie für zu einfach oder zu ähnlich halte. „The Danish Woman“ war etwas Besonderes, weil die Rolle an sich sehr herausfordernd war, inklusive Kampfszenen und diverser Sprachen, die ich sprechen musste. Ich habe wirklich noch nie so viele seltsame Dinge innerhalb einer Serie ausprobieren können. Das ist mit Sicherheit nicht für alle Schauspielerinnen mittleren Alters so, aber ich habe seit meinem 40. Lebensjahr noch viel mehr Spaß an meiner Arbeit als vorher.
ARTE Magazin Was glauben Sie, woran das liegt?
Trine Dyrholm Ich habe sehr früh angefangen, mit Regisseurinnen zu arbeiten, mit denen ich aufgewachsen bin. Heute besteht mein Portfolio zu etwa zwei Dritteln aus Projekten von Filmemacherinnen, was sehr ungewöhnlich ist. Von Anfang an ging es viel um komplexe weibliche Charaktere, die wir gemeinsam entwickelt haben. Und von dieser jahrzehntelangen Zusammenarbeit profitiere ich heute. In den zurückliegenden Jahren habe ich außerdem großartige Erfahrungen mit Regisseuren gemacht, die zum ersten Mal Regie geführt haben. Vielleicht kann man sagen, dass ich bisher immer das Glück hatte, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die daran interessiert waren, Nuancen zu schaffen.
ARTE Magazin Haben sich die weiblichen Filmcharaktere in jüngster Zeit verändert?
Trine Dyrholm Mein Eindruck ist, dass es zum einen mehr weibliche Figuren in einem Film gibt – mehr als eine Frau zu sehen, war sehr ungewöhnlich, als ich aufwuchs. Das ist heute ein bisschen besser geworden. Zum anderen gibt es zunehmend die Tendenz, komplexe, widersprüchliche Frauencharaktere zu zeigen, die nicht unbedingt gefallen müssen. Manche Menschen sind irritiert, wenn die weibliche Hauptfigur unsympathisch ist. Ich sage dann: „Ist das nicht super? Warum sollte sie sympathisch sein?“ Das hat auch viel mit Eitelkeit zu tun.
ARTE Magazin Inwiefern?
Trine Dyrholm Wer schauspielert, muss seine Eitelkeit beiseitelassen. Du musst durch die Augen der Figur schauen und die Welt aus dieser Perspektive betrachten. Bist du zu eitel, siehst du dich selbst von außen, und dann geht es nicht um die Geschichte oder die Rolle, die du spielst, sondern um dich. Natürlich ist es schwierig, nicht eitel zu sein, in einer Gesellschaft, die Schönheit über alles stellt – auch ein Thema, für das ich kämpfe! Die Leute können natürlich machen, was sie wollen, aber ich finde es wichtig, verschiedene Körperformen und nicht nur makellose Gesichter ohne Falten zu sehen. Am Ende des Tages geht es doch um Empathie. Wenn wir uns irgendwann gegenseitig ansehen und nur Falten zählen oder einen Körper kritisieren, wäre das sehr traurig. Genau hier liegt der Grund, warum ich diesen Job überhaupt mache: Ich möchte all die existenziellen Dinge vermitteln, über die wir nicht wirklich sprechen können. All das zu teilen und das Gefühl zu haben, mit anderen Menschen verbunden zu sein – deshalb gehe ich auch selbst ins Kino oder lese Bücher.
ARTE Magazin Auch die Musik spielt in Ihrem Leben eine wichtige Rolle. Was viele nicht wissen …
Trine Dyrholm … dass ich mit 14 Jahren beim dänischen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest „Danse i Måneskin“ („Dancing in the Moonlight“) gesungen habe. Der Song wurde ein riesengroßer Hit – und ist es immer noch.
ARTE Magazin Für „The Danish Woman“ haben Sie den Soundtrack selbst eingesungen. Eine Rückkehr zu Ihren Wurzeln?
Trine Dyrholm Fünf Tage lang war ich mit dem Regisseur und dem Komponisten im Studio in Kopenhagen. Das war großartig! Der Soundtrack erscheint jetzt sogar als Album. Ich habe mich aber nie als große oder bedeutende Sängerin gesehen, sondern eher als Schauspielerin, die singen kann.
ARTE Magazin Im Vor- und Abspann jeder Folge sieht man Ditte Jensen in den isländischen Bergen singen und tanzen.
Trine Dyrholm Auf Island gibt es wunderschöne Berge; die Leute wandern viel und verbringen dort viel Zeit. So auch Ditte Jensen. Das sind ihre privaten Momente. Übrigens steckt in der Musik auch wieder der schwarze Humor des Regisseurs: Ditte Jensen nimmt sich diese nordische Musik – und singt das meiste davon auf Dänisch.
ARTE Magazin Sie haben für den Dreh dreieinhalb Monate auf Island gelebt. Könnten Sie sich vorstellen, dorthin auszuwandern?
Trine Dyrholm Ich glaube nicht, dass ich dort dauerhaft leben könnte, trotz der beeindruckenden Natur und der tollen Menschen. Ich lebe gerne in Dänemark mit meiner Familie – und fahre gerne Fahrrad. Das geht in Island nicht so gut.
Wer schauspielert, muss seine Eitelkeit beiseitelassen







