Zugzwang

Debatte Ist das Weltwirtschaftsforum beim Kampf gegen den Klimawandel auf dem richtigen Weg?

Illustration: Zeloot
Illustration: Zeloot

Ja

Es gibt eine Klimakrise, und die Wissenschaft lässt keinen Zweifel daran, dass wir handeln müssen, um innerhalb der 1,5-Grad-Erderwärmung zu bleiben. Die Frage ist: Wie nutzt man dabei eine Plattform wie das Weltwirtschaftsforum (WEF)? Wir sind weder eine gesetzgebende Organisation noch ein politisches Gremium. Im zurückliegenden Jahrzehnt ist schon viel passiert, etwa mit der Gründung der „Alliance of CEO Climate Leaders“.

Die Sendung auf Arte

Den Dokumentarfilm „Das Forum – Rette Davos die Welt?“ gibt es am Samstag 14.1.2020 um 20:15 Uhr bei ARTE und bis 13.3.2020 in der Mediathek.

Auch Führungskräfte aus dem Finanzsektor sehen ein, dass wir einen Wandel brauchen. Wir können diejenigen, die von dieser Notwendigkeit überzeugt sind, mit denen zusammenbringen, die es noch nicht sind. Und wir benötigen geeignete Instrumente, um die politische Umsetzung von Ideen voranzutreiben. Im Vorfeld der Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 und vor dem G20-Treffen 2010 hat es bereits gute Ansätze gegeben. Damals haben Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft in einer Task-Force für CO₂-vermindertes Wachstum Vorschläge zum Umdenken erarbeitet. Das hat die Agenda der Klimakonferenz 2015 in Paris deutlich verändert. Wir setzen auf Private Public Partnership, also das Zusammenwirken von Regierungen und Unternehmen. Dabei ist es wichtig, Vertrauen aufzubauen, um Vorhaben mit der Unterstützung aller Beteiligten umsetzen zu können. Und man braucht Prüfsteine, die beweisen, dass Dinge funktionieren. Nehmen wir zum Beispiel ein Projekt für nachhaltigen Palmöl-Anbau mit Kleinbauern in Indonesien: Dort ist die Abholzungsrate 2017/18 gegenüber dem Durchschnitt des vorherigen Jahrzehnts um 30 Prozent gesunken. Unsere größte Herausforderung bei alledem ist das nötige Tempo angesichts des verbleibenden zeitlichen Rahmens. Dafür braucht es den Druck von Akteuren wie Greenpeace. In Davos treffen Vertreter von NGOs und Gewerkschaften auf Manager wie Mark Carney, der zur G20-Expertenkommission der „Task Force on Climate-related Financial Disclosures“ gehört und das Thema in die Wirtschaft zurückspielt. Es geht darum, die wirtschaftlichen Risiken des Klimawandels aufzuzeigen. Wir dürfen nicht vergessen, es ist das Weltwirtschafts-, nicht das Weltumweltforum – das es vielleicht auch geben sollte.

Wir benötigen geeignete Werkzeuge für die politische Umsetzung von Ideen.

Dominic Waughray, Managing Director Weltwirtschaftsforum
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Nein

Wenn man eine Plattform wie das Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums hat, dann darf man dort nicht nur Einzelinteressen besprechen. Man sollte dazu beitragen, globale Probleme zu lösen! So stehen alle Beteiligten in der Verantwortung, Davos zu nutzen, um die Klimaziele zu erreichen. Oder zumindest dazu beizutragen, Fortschritte zu machen. Das hat Greenpeace gegenüber Professor Klaus Schwab bereits mehrfach zum Ausdruck gebracht. Etwa in einem Brief direkt nach dem IPCC-Sonderbericht, der erstmals vor den Auswirkungen einer globalen Erwärmung von über 1,5 Grad gewarnt hatte. Bei Greenpeace sehen wir nicht, dass das WEF in den vergangenen Jahren diesbezüglich zu irgendwelchen entscheidenden Verbesserungen beigetragen hätte. Wir befinden uns hier und jetzt in einem Klimanotstand – und müssen entsprechend handeln. Sogar das Europaparlament hat das vor Kurzem anerkannt. Da wäre es wirklich wünschenswert, wenn sich Professor Schwab und die anderen Organisatoren des Forums vor die versammelten Staatschefs, CEOs und NGO-Vertreter stellen und sie ungeschönt mit dieser Tatsache konfrontieren würden. Von diesem Standpunkt aus könnte man dann zum Beispiel mit dem Finanzsektor – den Zentralbanken, den Privatbanken und unabhängigen Experten – konkrete Maßnahmen diskutieren, um eine CO₂-freie Wirtschaft bis zum Jahr 2050 zu entwickeln. Entscheidende Fragen sind noch offen: Was bedeutet dieses Ziel überhaupt? Was sind die Schritte, um es zu erreichen? Welche Regularien brauchen wir? Man müsste die Macht, die in Davos zusammenfindet, dafür nutzen, um weitreichende politische Forderungen zu formulieren. Das wäre eine wichtige Stütze für die nationalen Regierungen, die für die Beschlüsse und Umsetzung von klimafreundlichen Gesetzen verantwortlich sind. Was wir stattdessen erleben: immer neue, auf Freiwilligkeit beruhende Deals und Partnerschaften zwischen der Wirtschaft und der Politik. Angesichts des Klimanotstandes haben wir dafür aber keine Zeit mehr. Statt Kapitalismus ohne Kontrollfunktionen brauchen wir ein grundsätzlich verändertes Wirtschaftssystem.

Wir haben einen Klimanotstand – und keine Zeit mehr für freiwillige Deals.