Gräser retten in der Krise

Für einen Film über den Seegrasanbau auf der Insel Nusa Penida reiste Reporter Andreas Korn nach Indonesien. Einblicke in pandemiegeprägte Dreharbeiten.

Seegrasfarmer
Ein indonesischer Seegrasfarmer bei der Arbeit. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie sichert das Meergewächs vielen Menschen das Überleben. Foto: Michel Arnault_Shutterstock

ister Andreas, können wir eine Gebetspause einlegen?“, fragt mich mein balinesischer Übersetzer. Wir drehen gerade eine Schlüsselszene unseres Films in einem berühmten Höhlen-Tempel. Es heißt: Einmal im Leben sollte jeder balinesische Hindu hierher pilgern. Auch mein Team ist offenbar von dem Heiligtum angetan: „Wir hätten gerne 15 Minuten frei, um zu beten.“ Ich habe in meinem Leben schon aus den verschiedensten Gründen Drehpausen eingelegt – Hitze, Schwimmen im Meer, Bier –, aber dass ein Kamerateam sich geschlossen zum Beten zurückziehen möchte, habe ich noch nie erlebt.

Ich bin gerührt. „Ja, natürlich“, sage ich und bin dankbar, dass ich mit diesem rein balinesischen Team zusammenarbeiten darf, lerne ich doch auch hinter der Kamera so viel über die faszinierende Kultur des Landes. Ein Grund für das Engagement sind die pandemiebedingten Reisebeschränkungen. Normalerweise fliege ich meine Leute von Deutschland aus überall in die Welt zu den Dreharbeiten ein. Doch das ging dieses Mal nicht. Bali hatte sich von der Außenwelt abgeschottet. Ich war nach einer fünftägigen Quarantäne einer der vorerst letzten Ausländer, die ins Land kamen.

Angereist bin ich, um eine Dokumentation über die Seegrasbauern von Nusa Penida zu drehen. Nusa Penida ist eine Trauminsel, die 45 Minuten mit dem Schnellboot vom Festland entfernt liegt und zu Bali gehört. Trotzdem hat man an manchen Ecken der Insel das Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein. In dem Dorf der Seegrasbauern, in dem wir drehen, gibt es kein Handysignal; und auch auf Google Maps ist der Ort nicht eingezeichnet. Seit die Touristen wegen der Corona-Pandemie ausbleiben, baut hier fast jeder wieder Seegras an. So wie sie es früher gemacht haben. Indonesien ist der zweitgrößte Produzent der Welt. Die Power­pflanze, die anders als Seetang beziehungsweise Algen Wurzeln schlägt, wird vor allem exportiert und landet dann meist in Kosmetikprodukten. Seegras wird in flacherem Wasser angepflanzt, oft in Parzellen, ähnlich wie man es vom Reisanbau kennt. Bereits 30 Tage nach der Pflanzung kann es geerntet werden. Eine mühsame Arbeit und nichts für schwache Nerven, da die Bauern ständig den Elementen und dem Wetter ausgesetzt sind.

Der 68-jährige Wayan Lugra hatte genau deshalb alles auf den Tourismus gesetzt und einen kleinen Fahrdienst eröffnet. Doch dann blieben die Gäste aus. Seine Kredite kann er jetzt nicht mehr bezahlen. „Hier haben die Wagen bis vor Kurzem geparkt“, sagt er und zeigt auf den Platz vor seinem Haus. „Jetzt ist da nur noch eine große Lücke, so wie in meinem ganzen Leben.“ Die Rückkehr zur traditionellen Landwirtschaft bedauert Lugra: „Jetzt muss ich wieder im Dreck arbeiten. Früher habe ich mich morgens schick angezogen und Gästen meine Heimat gezeigt. Der Seegrasanbau ist hart und bringt wenig Geld. Ich kann gerade mal genug Reis für uns alle kaufen.“ Allerdings habe die Krise auch gute Seiten, findet seine 48-jährige Frau ­Ketut ­Sumiasih: Man helfe sich wieder mehr. „Als die Touristen noch da waren, hat jeder nur auf sich geschaut. Für sich allein arbeiten, heißt für niemanden arbeiten.“

Die Seegrasfarmer von Nusa Penida

Gesellschaftsdoku

Sonntag, 19.9. — 19.30 Uhr

Seegrasfarmer
ARTE-Reporter Andreas Korn (2. v. l.) mit seinem balinesischen Drehteam auf der indonesischen Trauminsel Nusa Penida. Foto: Andreas Korn_ARTE

Das Karma-Prinzip: Viel lächeln hilft
Mein balinesisches Kamerateam und ich haben ihre Worte verinnerlicht. Konflikte am Set gibt es keine. Wir arbeiten nach dem Karma-­Prinzip – auch bei 33 Grad. Selbst nach einem ungewöhnlich langen, anstrengenden und heißen Drehtag lächeln immer noch alle. Und meinen es auch so.

Der größte Unterschied zum Arbeiten in Deutschland ist, dass unglaublich viel kommuniziert wird. So viel, dass ich schon am zweiten Tag heiser bin. Alles – und ich meine wirklich alles – muss dreimal bestätigt werden. „Bitte die Drohne fertig machen.“ „Locationwechsel. Wir fahren weiter.“ „Bitte den Ton umbauen.“ Etwas einmal zu sagen, ist eine Art „Achtung!“. Zweimal bedeutet: „Oh, es könnte tatsächlich passieren.“ Und beim dritten Mal heißt es: „Es wird ernst.“ Dadurch werden die Drehtage nicht gerade kürzer. Aber dafür wird gelächelt.

Mein Spitzname im Dorf der Seegrasbauern ist „Gelbes Haar“, weil ich der einzige Blonde weit und breit bin. Immer wieder werde ich von den Inselbewohnern gefragt, ob ich zufrieden sei mit den Dreharbeiten. Das bin ich! So sehr, dass ich nun vielleicht öfter vor Ort nach lokalen Drehteams suchen werde.