Auf Sand gebaut

Vom römischen Amphitheater bis zur saudischen Megastadt: Wie Herrscher ihre Macht in Stein meißeln – und nicht selten an der eigenen Hybris scheitern.

Das römische Kollosseum.
Das römische Kolosseum entstand zwischen 70 und 80 n. Chr. Foto: picture alliance/Amazing Aerial Agency/Simon Heather

Die Morgensonne brennt. Zehntausende Menschen drängen in die steilen Ränge des Amphitheaters. Kinder verteilen Feigenkuchen; Diener zerstäuben parfümiertes Wasser. Volksfeststimmung – bis sich plötzlich im sandigen Boden Luken öffnen. Zwei Löwen, eigens aus Nordafrika herangeschifft, schießen aus den Gängen ins Licht, wo kampfbereite Gladiatoren sie erwarten. Ein Moment des Schreckens, dann brandet Jubel auf. Das Kolosseum in Rom, die modernste Arena ihrer Epoche, bot solche blutigen Spektakel im Überfluss. Während der 100-tägigen Eröffnungsfeier des Kolosseums sollen Tausende Tiere getötet worden sein; antike Quellen berichten für Feierlichkeiten unter Kaiser ­Trajan (53–117 n. Chr.) sogar von bis zu 11.000 Tieren.

Das Kolosseum, Arena der Macht

2.-tlg. Geschichtsdoku

Samstag, 17.1.
— 20.15 Uhr
bis 16.3. auf arte.tv  

Bauwerke wie das Kolosseum waren und sind politische Statements: unübersehbare Symbole von Macht. Errichtet zwischen 70 und 80 n. Chr. unter ­Vespasian (9–79) und seinem Sohn ­Titus (39–81), entstand das Amphitheater auf dem Gelände von Neros (37–68) „Domus Aurea“ – jenem luxuriösen Palastkomplex, den der umstrittene Kaiser sich im Herzen Roms hatte bauen lassen. ­Vespasian ließ dort öffentliche Thermen, ein neues Forum und schließlich das Kolosseum errichten. Mit einem Programm des Friedens und der Prosperität versprach er, nach politischen Krisen die wirtschaftliche Stabilität wiederherzustellen. Der Bau des Amphitheaters sollte diesen Politikwechsel unterstreichen, wie die ARTE-Dokumentation „Das ­Kolosseum, Arena der Macht“ zeigt.

Wo Nero sich einst einen künstlichen See zur Selbstverherrlichung anlegen ließ, schenkte ­Vespasian dem Volk nun öffentlichen Raum – finanziert und errichtet mit der Beute und den Arbeitskräften aus dem ersten Jüdischen Krieg. Die Arena, 48 Meter hoch, elliptisch geschwungen und mit einem ausgeklügelten Zugangssystem, das die Massen in Minuten ein- und ausschleusen konnte, gilt als architektonisches Meisterwerk. Die Spiele dienten zudem der Staatspropaganda: Sie belohnten Loyalität, dämpften Unmut und transportierten das römische Selbstbild bis in die Randgebiete des Reiches. So erhielten entlegene Provinzen wie Britannien, Nordafrika oder Judäa kleinere Amphitheater. Doch mit der Zeit bröckelte die Inszenierung: Wirtschaftskrisen, innere Instabilität und schließlich die Christianisierung beendeten die Gladiatoren-Spektakel. Theodosius I. (347–395), der letzte Kaiser, der das gesamte Römische Reich regierte, verbot 393 alle heidnischen Kulte. Heute steht das Kolosseum wie ein Symbol für Glanz und Zerfall des Imperiums im historischen Zentrum Roms.

Machtarchitektur im Wandel der Jahrtausende

Auch in der Gegenwart projizieren Herrschende noch ihre Visionen in Stein, Glas und Stahl. Die Archäologin ­Marlies Heinz beschreibt monumentale Architektur als ein fünffach wirksames Instrument: Sie solle die Sichtweise der Herrschenden gesellschaftsfähig machen, emotionale Bindungen schaffen, Identitäten formen, Loyalität stiften – und so bestehende Machtverhältnisse stabilisieren. Dabei erreiche sie jedoch teils das Gegenteil. So schreibt sie es in einem Sammelband der Universität Freiburg.

Grafik der futuristischen Wüstenstadt The ­Line in Saudi-Arabien.
Der Bau der futuristischen Wüstenstadt The ­Line in Saudi-Arabien ist ins Stocken geraten. Foto: picture alliance/abaca/Balkis Press

Ein aktuelles Beispiel für solch politisch aufgeladene Vorhaben ist Saudi-Arabiens Mega-Projekt „The Line“. Die futuristische Stadt sollte eine Art gläserner Korridor durch die Wüste werden, 170 Kilometer lang und für neun Millionen Menschen konzipiert. Als Herzstück der geplanten Hightech-Region „Neom“ am Roten Meer, die rund 26.000 Quadratkilometer umfasst, sollte sie im Rahmen der von Kronprinz ­Mohammed bin ­Salman vorangetriebenen „Vision 2030“ das Image des autoritär regierten Königreichs modernisieren und dieses wirtschaftlich unabhängiger vom Öl machen. Doch die Realität sieht anders aus: In den drei Jahren seit Baubeginn wurden nach Medienberichten bislang rund 50 Milliarden US-Dollar investiert; große Teile des Projekts wurden inzwischen jedoch eingefroren oder stark reduziert. Die Diskrepanz zwischen politischem Anspruch und praktischer Umsetzbarkeit begleite viele Monumentalbauten, schreibt Heinz.

Ob römisches Amphitheater, saudische Megastadt oder Chinas monumentale Repräsentationsarchitektur – all diese Monumente eint ein Muster: Sie sollen die historische Bedeutung ihrer Erbauer verewigen. Doch sobald deren politische Unterstützung schwindet oder wirtschaftliche Realitäten sie einholen, verlieren die Bauwerke oft an Bedeutung – und der Anspruch auf Unantastbarkeit, den sie verkörpern sollen, geht verloren.

Architektur dokumentiert Aufstieg und Fall der Mächtigen

Marlies Heinz, Archäologin
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