»Bloß keine Ruhe«

Immer in Bewegung Ulrich Tukur zählt zu den bedeutendsten Schauspielern Deutschlands, hat eine eigene Band und schreibt Bücher. Müde wird er nur dann, wenn er nichts tut. Ein Gespräch.

Identität: „Die Welt, in die ich hineingeboren wurde, war nie die meine“, sagt Ulrich Tukur. Der Schauspieler träumt sich gern in vergangene Zeiten. Foto: Andreas Hornoff
Identität: „Die Welt, in die ich hineingeboren wurde, war nie die meine“, sagt Ulrich Tukur. Der Schauspieler träumt sich gern in vergangene Zeiten. Foto: Andreas Hornoff

Ein großer, ungewöhnlich wuscheliger Hund rennt um die Ecke und schnuppert am Straßenrand. Er schaut wartend hinter sich. Als kurze Zeit später ein Mann in die kleine Seitenstraße im Berliner Stadtteil Schöneberg biegt, läuft er weiter. Geradewegs auf das vereinbarte Café zu. „Das ist meine Rüdin Peppina“, sagt Ulrich Tukur zur Begrüßung. Er nennt sie so, da sie „immer allen Rüden zeigt, wo’s lang geht“. Er trägt eine weite, knöchellange Stoffhose im Stil der späten 1920er Jahre, ein dunkelgrünes Hemd, dazu schwarze Lederstiefel und einen grünen Stoffrucksack. Zu seinem Cappuccino bestellt er sich – sehr zeitgemäß – ein Stück veganen Orangen-Bananen-Apfel-Nusskuchen. „Sind Sie etwa Veganer?“ – „Neee.“

Ulrich Tukur zählt zu den bedeutendsten Darstellern seiner Generation. Zu seinen bekanntesten Filmen gehören „Die weiße Rose“ (1982) und „Das Leben der Anderen“ (2006). Und auch als „Tatort“-Kommissar Felix Murot ermittelt er seit zehn Jahren. Mit seiner Band „Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys“ spielt und singt er Lieder vom Anfang des vorigen Jahrhunderts. Und er hat noch einen dritten Beruf: Schriftsteller. Nach einer Novelle und Geschichten aus seinem langjährigen Wohnort Venedig hat er jetzt seinen ersten Roman geschrieben: „Der Ursprung der Welt“.

Doch statt direkt über sein neues Buch zu sprechen, schwärmt der 62-Jährige von einem Schelllackplattenspieler, den er kürzlich in einem kleinen Laden entdeckt hat; fragt, was denn ein Podcast sei („Das ist eine Welt, mit der ich nichts zu tun habe“), und sinniert über die heutige Überflussgesellschaft: „Es ist im Wesentlichen so, wie Goethe es sagte: ‚Getretener Quark wird breit, nicht stark.‘“ Immer wieder spazieren Kleinkinder vorbei zum Spielplatz nebenan. „Unsere Zukunft, hallo!“, ruft Ulrich Tukur ihnen zu. Rüdin Peppina stellt er ihnen als wildes Tier vor. „Schaut mal, ein marokkanischer Zwerglöwe! Wiedersehen!“

Man ahnt es schon. Eine Verabredung mit Ulrich Tukur ist kein gewöhnlicher Interviewtermin. Aus einer geplanten Stunde werden vier. Kuchen wird geteilt, Zitronenwasser geschlürft, durch den Kiez geschlendert und sogar seine neue Berliner Wohnung besichtigt, in die der Schauspieler Anfang 2020 gemeinsam mit seiner Frau ziehen wird. Das Einzige, das an diesem Tag schnell vom Tisch ist: Ulrich Tukurs veganer Kuchen, den er noch vor der ersten Interviewfrage verputzt hat.

Die Sendung auf Arte

Das Porträt „Ulrich Tukur: Blick hinter den Showmenschen“ gibt es am Sonntag, 3.11.2019 um 22:20 Uhr bei ARTE und bis 3.1.2020 in der Mediathek.