Böse Onkel

Brauner Sumpf Hitlers Ideologie lebt bis heute unter deutschen Dächern weiter. In den Familien unverbesserlicher Nazis – und bei Rechtsextremen, die aus ihren Kindern kleine Führer machen wollen.

Früherziehung: Im Nationalsozialismus wurden schon kleine Kinder auf Linie gebracht. Diverse Jugendorganisationen vermittelten ihnen rassistisches Gedankengut – das viele auch nach dem Ende des Naziregimes pflegten. Foto: picture-alliance/dpa
Früherziehung: Im Nationalsozialismus wurden schon kleine Kinder auf Linie gebracht. Diverse Jugendorganisationen vermittelten ihnen rassistisches Gedankengut – das viele auch nach dem Ende des Naziregimes pflegten. Foto: picture-alliance/dpa

Wenn es um die deutsche Geschichte ging, hatte Onkel Karl immer ein passendes Buch zur Hand. Sein Spezialgebiet: der Nationalsozialismus. Die Bände zu dem Thema füllten Dutzende Regalmeter. Freilich bestand die imposante Bibliothek nicht aus Werken bekannter Historiker. Onkel Karl interessierte sich vielmehr für die Bücher jener Autoren, die das sogenannte Dritte Reich selbst erlebt und mitgestaltet hatten. Wie er, damals als Soldat im Führerbunker.

Das „Ende in Berlin“, so nannte er die Niederlage Nazideutschlands stets griesgrämig, lag zwar schon 30 Jahre zurück, und die Hoffnung auf den „Endsieg“ hatte er längst aufgegeben. Nachfolgenden Generationen wollte er aber doch aus erster Hand berichten, dass „Hitler gar nicht so schlimm“ und der „Holocaust bloß eine Erfindung der Siegermächte“ war. Andernorts hatte die Entnazifizierung wohl gewirkt – nur nicht bei Onkel Karl, dem Ewiggestrigen.

Mitte der 1970er Jahre verbrachte ich viele Nachmittage bei ihm und seiner Frau Magda. Weil es die beiden, selbst Kettenraucher, nicht störte, dass ich paffte. Und weil im Unterricht gerade die Nazis dran waren. Ich hatte die „Geschichte der Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg“ als Referatsthema gewählt. Onkel Karl kannte sie in- und auswendig. Zumindest jene Version, die den „heldenhaften Kampf der Piloten“ rühmte, die „trotz fliegerischen Könnens nur verloren hatten, weil ihnen der Sprit ausging“. Eifrig diktierte er mir den Text – für mehr als fünf Punkte reichte es nicht.

Die Sendung auf Arte

Den Dokumentarfilm „Kleine Germanen: Eine Kindheit in der rechten Szene“ gibt es am Dienstag, 19.11.2019 um 20:15 Uhr bei ARTE und bis 25.11.2019 in der Mediathek.