ARTE Magazin Denkt man an Ermittlerinnen in Krimiserien, hat man schnell spröde Charaktere mit düsterer Vergangenheit im Kopf. Warum trifft das auf Ihre Protagonistin Judith Mohn nicht zu?
Christina Hecke Als ich zum ersten Mal von „In Wahrheit“ hörte, saß ich gerade in einem Shuttle auf dem Weg zu einem anderen Dreh. Das Skript hielt ich in Händen und konnte es nicht mehr weglegen. Ich wusste sofort: Das ist meine Aufgabe. Das berührt mich. Judith hat mich als Frau von Anfang an fasziniert – sie beobachtet aufmerksam, urteilt nicht vorschnell und ist dabei unkonventionell, ein wenig wild sogar.
Christina Hecke Zu Beginn habe ich mit einer befreundeten Kriminalkommissarin telefoniert, habe mich von Polizisten ausbilden lassen – und erfuhr: Eine gewisse Dosis Galgenhumor ist unerlässlich. Ich tausche mich am Set viel mit den echten Beamten aus, mit denen wir zusammenarbeiten. Gleichzeitig versuche ich, mich vollständig auf Judith einzulassen. Mit der Zeit kann ich mir genau vorstellen, wie sie in bestimmten Situationen reagiert– auch wenn das völlig anders ist, als ich selbst handeln würde.
ARTE Magazin Die Geschichten hinter „In Wahrheit“ sind von realen Kriminalfällen inspiriert. Welchen Effekt hat das auf die Serie?
Christina Hecke Es verleiht den Geschichten eine enorme Eindringlichkeit. Dabei geht es nicht um Sensationslust, wie etwa bei True-Crime-Formaten, sondern darum, gesellschaftliche Realitäten sichtbar zu machen. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass man reale Fälle nicht eins zu eins darstellen kann – aus Rücksicht auf die Betroffenen. Ein Beispiel: Im Saarland gab es den Fall eines Jungen, der mutmaßlich missbraucht und ermordet wurde. Ein brutaler Fall, die Wunden sind noch nicht verheilt, der Fall ist nicht gelöst. Solche Themen müssen ganz besonders respektvoll verarbeitet werden. Deshalb setzen wir unsere Fälle aus Versatzstücken zusammen.
ARTE Magazin Erklärt das auch den Titel der Reihe?
Christina Hecke Ja, „In Wahrheit“ signalisiert, dass wir die Realität als Ausgangspunkt nutzen. Zugleich spiegelt der Titel wider, dass Wahrheit einfach ist, wir sie aber oft komplex machen, verdrehen, und dass mehrere Wahrheiten nebeneinander bestehen können – juristische und persönliche zum Beispiel.
ARTE Magazin Manchmal führen die Fälle ja auch über die Landesgrenze nach Frankreich. Was bedeutet dieser Setting-Wechsel für die Geschichten?
Christina Hecke Es gibt durchaus Unterschiede in der deutschen und französischen Strafverfolgung. Es gibt hier Straftaten, die dort straflos bleiben und umgekehrt. Das Saarland ist dabei ein besonderer Landstrich. Deutsche und Franzosen leben dort sehr eng zusammen. Zweisprachigkeit ist weit verbreitet, und ich erlebe viel Offenheit. Eine Anwohnerin erzählte mal von alten französischen Straßenschildern, die sie noch im Keller hat – wer weiß, ob man sie noch einmal braucht! Solche Orte zeigen Europa im Kleinen und verdeutlichen, wie nah wir uns eigentlich sind. Grenzen, Nationalitäten, sind menschengemacht. Kriminalität kennt keine Grenzen, und sie ist auch nicht an Nationalitäten gebunden. Das macht das Setting der Reihe so spannend.
ARTE Magazin Die Episode „In Wahrheit – Die Liebe und der Tod“ verhandelt etwa die Verletzbarkeit auf Social Media. Hatten Sie selbst damit schon Berührungspunkte?
Christina Hecke Wer hat das nicht? Nur ist der Begriff Social Media für mich irreführend. Die Plattformen sind nicht sozial. Der digitale Raum lebt vom Urteil, der Behauptung, Erwartung und Enttäuschung von anonymisierten „Persönlichkeiten“. Dabei sollten wir als Gesellschaft längst weiter sein. Mich beschäftigt besonders die Frage nach Verantwortung: Wie gehen wir miteinander um? Wie schnell urteilen wir? Die Episode zeigt, wie verletzlich wir alle im digitalen Raum sind.
ARTE Magazin In Ihrem Buch „Mal ehrlich – Mein Blick hinter unser Leben“ schreiben Sie unter anderem über eine Nahtoderfahrung nach einem Autounfall. Wie hat dieses Erlebnis Sie verändert?
Christina Hecke Das wurde ich schon oft gefragt, was mir zeigt, dass das Thema bewegt. Tod ist mit Angst verbunden, Ungewissheit – dem Ende. Meine Erkenntnis? Es gibt kein Ende in diesem Sinne. Zeit ist eine Lüge. Alles hier dreht sich im Kreis, die Erde um die eigene Achse – und die menschliche Existenz soll eine lineare sein? Wenn wir uns dieser Frage stellen, kommen wir der gemeinsamen Wahrheit vielleicht ein Stück näher. Mein Bewusstsein hat sich durch diese Erfahrung geschärft, auch wenn ich damit manchmal anecke.
Christina Hecke Es gibt durchaus Unterschiede in der deutschen und französischen Strafverfolgung. Es gibt hier Straftaten, die dort straflos bleiben und umgekehrt. Das Saarland ist dabei ein besonderer Landstrich. Deutsche und Franzosen leben dort sehr eng zusammen. Zweisprachigkeit ist weit verbreitet, und ich erlebe viel Offenheit. Eine Anwohnerin erzählte mal von alten französischen Straßenschildern, die sie noch im Keller hat – wer weiß, ob man sie noch einmal braucht! Solche Orte zeigen Europa im Kleinen und verdeutlichen, wie nah wir uns eigentlich sind. Grenzen, Nationalitäten, sind menschengemacht. Kriminalität kennt keine Grenzen, und sie ist auch nicht an Nationalitäten gebunden. Das macht das Setting der Reihe so spannend.
ARTE Magazin Die Episode „In Wahrheit – Die Liebe und der Tod“ verhandelt etwa die Verletzbarkeit auf Social Media. Hatten Sie selbst damit schon Berührungspunkte?
Christina Hecke Wer hat das nicht? Nur ist der Begriff Social Media für mich irreführend. Die Plattformen sind nicht sozial. Der digitale Raum lebt vom Urteil, der Behauptung, Erwartung und Enttäuschung von anonymisierten „Persönlichkeiten“. Dabei sollten wir als Gesellschaft längst weiter sein. Mich beschäftigt besonders die Frage nach Verantwortung: Wie gehen wir miteinander um? Wie schnell urteilen wir? Die Episode zeigt, wie verletzlich wir alle im digitalen Raum sind.
ARTE Magazin In Ihrem Buch „Mal ehrlich – Mein Blick hinter unser Leben“ schreiben Sie unter anderem über eine Nahtoderfahrung nach einem Autounfall. Wie hat dieses Erlebnis Sie verändert?
Christina Hecke Das wurde ich schon oft gefragt, was mir zeigt, dass das Thema bewegt. Tod ist mit Angst verbunden, Ungewissheit – dem Ende. Meine Erkenntnis? Es gibt kein Ende in diesem Sinne. Zeit ist eine Lüge. Alles hier dreht sich im Kreis, die Erde um die eigene Achse – und die menschliche Existenz soll eine lineare sein? Wenn wir uns dieser Frage stellen, kommen wir der gemeinsamen Wahrheit vielleicht ein Stück näher. Mein Bewusstsein hat sich durch diese Erfahrung geschärft, auch wenn ich damit manchmal anecke.
Christina Hecke, Schauspielerin
Christina Hecke studierte zunächst Jura und entschied sich später für eine Schauspielausbildung. Es folgten Engagements am Theater sowie zahlreiche Kino- und Fernsehrollen.






