Grüne Fassade

Mit CO₂-Zertifikaten wollen viele Unternehmen belegen, dass sie klimabewusst handeln. Kritiker halten das für Greenwashing, da die Emissionen nicht sinken.

Illustration Atomkraftwerk
Illustration: Stuart McReath

Mit dem schlechten Gewissen der Menschen lässt sich viel Geld verdienen. Vor allem beim Thema Klima­schutz. In Zeiten, da Konsumen­tinnen und Konsumenten – zumal in Indus­trienationen – bei Kaufentscheidungen zunehmend auf die Klimaverträglichkeit achten, geben sich Unternehmen gern einen grünen Anstrich und behaupten, sie böten CO₂-neutrale Produkte oder Dienstleistungen an. Die könnten dann zwar teurer sein, schützten aber das Klima.

Ein Grund für die höheren Preise: Klimarelevante Emissionen, die sich nicht vermeiden lassen, werden durch Erwerb von CO₂-Zertifikaten kompensiert. Dahinter steckt die Idee: Wenn Emissionen mithilfe der Förderung nachhaltiger Projekte im Globalen Süden reduziert werden, kann man sie etwa in Europa getrost verursachen. Die Idee verfängt offenbar; allein in Deutschland liegt das Markt­volumen für die gewissensberuhigenden Verschmutzungsfreibriefe im zweistelligen Milliardenbereich.

Die CO₂-Lüge: Was die Kompensationsgeschäfte wirklich für das Klima bringen

Gesellschaftsdoku

Dienstag, 11.6.
— 23.15 Uhr
bis 8.9. in der
Mediathek

Viele Zertifikate halten indes nicht, was sie versprechen. Das zeigt die ARTE-Dokumentation „Die CO₂-Lüge: Was die Kompensationsgeschäfte wirklich für das Klima bringen“. Darin stellt die Klimawissenschaftlerin ­Barbara ­Haya von der University of California, Berkeley, klar: „Anbieter von CO₂-Zertifikaten lügen auf drei Arten. Bei den aus den Verkäufen finanzierten Projekten kommt erstens oft nur ein Bruchteil des eingenommenen Geldes an. Zweitens wird suggeriert, dass der Kauf der Zertifikate gleichwertig sei mit der Verringerung von Emissionen – was freilich nicht stimmt. Und drittens: Durch den relativ niedrigen Preis der Zertifikate entsteht der Eindruck, Emissionen seien billig. Auch das ist Unsinn.“

Derlei Kritik verhallt oft ungehört, und die Werbeparolen vieler Firmen zur vermeintlichen Klimaneutralität entpuppen sich bisweilen als „dreiste Verbrauchertäuschung“ und „Greenwashing“. So jedenfalls lauten die Vorwürfe der Deutschen Umwelthilfe (DUH) gegenüber der ­Lufthansa. Das Kompensationsprogramm der Airline berücksichtige „nur einen Bruchteil der von Flügen verursachten Klimawirkung“, sagt DUH-Bundesgeschäftsführer ­Jürgen Resch. Lufthansa werbe aber damit, dass Passagiere durch den Kauf von CO₂-Zertifikaten alle durch den Flug verursachten Klimaauswirkungen kompensierten. „Das ist schlichtweg falsch“, so Resch, „deshalb haben wir Klage eingereicht.“ Die hat durchaus Aussicht auf Erfolg; in ähnlichen Fällen hatten KLM und Austrian Airlines schon 2023 vor Gericht das Nachsehen. Auch die EU prüft derzeit, ob Fluggesellschaften mit Kompensations-­Claims Greenwashing betreiben.

André Thess, Direktor des Instituts für Technische Thermodynamik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Stuttgart, hatte bereits 2020 in einer Studie ermittelt, dass CO₂-Kompensation „allenfalls minimalen Nutzen für den Klimaschutz“ habe. Die praktische Effizienz der mit den Zertifikaten finanzierten Nachhaltigkeitsprojekte liege „weit unter der theoretisch möglichen“. Zudem habe keines der untersuchten Projekte, darunter auch Angebote des Marktführers Atmosfair, „das Kriterium der öffentlichen Verifizierbarkeit erfüllt“, so Thess im Gespräch mit dem ARTE Magazin.

EMISSIONSHANDEL AUSGETRICKST

Völlig nutzlos sind die CO₂-Zertifikate gleichwohl nicht. In der EU tätige Unternehmen müssen für die von ihnen verursachte Verschmutzung Emissionsrechte erwerben – und die sind gedeckelt. Bei der hierzulande dafür zuständigen Deutschen Emissionshandelsstelle können allerdings auch Privatpersonen und Vereine die Papiere kaufen. Der Berliner Verein Compensators macht sich das zunutze. Er sammelt Spenden und erwirbt davon Zertifikate, um sie dadurch der CO₂-ausstoßenden Wirtschaft zu entziehen. „Inzwischen haben wir Verschmutzungsrechte für mehr als 17.000 Tonnen des Treibhausgases dauerhaft aus dem Verkehr gezogen – Tendenz steigend“, sagt Compensators-Vorstandsmitglied Hendrik Schuldt.

Die Methode habe für ihn noch einen weiteren Vorteil: „Da die Gesamtmenge der Zertifikate EU-weit gesetzlich begrenzt ist, führt die Verknappung zu steigenden Preisen. Firmen müssen also immer mehr Geld ausgeben, um weiter CO₂ in die Atmosphäre ausstoßen zu dürfen.“ Das erhöhe den Druck auf die Wirtschaft, fossilfreie Methoden zu entwickeln. „Um die Klimaschutzziele in Europa zu erreichen“, so Schuldt, „ist das der beste Weg.“