Der Himmel so leer

VÖGEL Umweltverbände und Tierschützer beklagen den massiven Rückgang der Bestände. Besonders betroffen: heimische Brutvogelarten. Wie lässt sich der Trend stoppen?

Foto: Stefan Haehnel

Die Menschen sind töricht, / sie können nicht fliegen. / Sie jammern in Nöten, / wir flattern gen Himmel“, schrieb der Romantiker ­Friedrich von ­Schlegel in seinem Gedicht „Die Vögel“. Wie imposant belebt der Himmel im 19. Jahrhundert noch war – wir können es heute nur erahnen. Denn das Flattern wird immer seltener und schuld daran ist allein der törichte Mensch.
Parallel zum dramatischen Rückgang von Insekten verzeichnen europäische Länder ein Vogelsterben, das nicht nur Ornithologen sorgenvoll stimmt. In Europa gibt es laut Studien eines Forscherteams der südenglischen Universität Exeter heute mehr als 400 Millionen Vögel weniger als noch vor 30 Jahren – ein Fünftel der Gesamtpopulation. Kamen in den 1980ern noch vier Vögel auf einen Menschen, sind es heute drei. Die ARTE-Dokumentation „Vermisst – Wo sind die Vögel?“ ergründet die Ursachen für den Rückgang und wirft ein Licht auf die weniger schillernden Vertreter, die oft übersehen werden: die ordinären Feld- und Wiesen­vögel. Denn sie sind es, die besonders betroffen sind. So ist der Bestand von heimischen Brutvogelarten wie Kiebitzen, Uferschnepfen, Feldlerchen und Rebhühnern in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 30 Prozent eingebrochen. Vereinzelte Arten oder Unterarten stehen bereits auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere.

Der Klang des englischen Sommers
Trotz der alarmierenden Zahlen kursiert noch immer der Irrglaube, den Vögeln gehe es insgesamt ganz gut. Ein Grund dafür könnte sein, dass sich in den vergangenen Jahren zumindest der Bestand mancher exotischer Vögel in Europa stabilisiert hat. „Die gewöhnlichen Arten haben dramatisch abgenommen. Funktioniert haben Schutzmaßnahmen vor allem für einige seltene Arten“, bestätigt ­Kevin ­Gaston von der Universität Exeter und nennt Kraniche oder Seeadler als Beispiele für eine positive Entwicklung.
Erst allmählich bekommen auch Brutvögel eine Lobby. „Bei der Feldlerche ist das inzwischen ein persönliches Anliegen von mir geworden. Sie ist der Klang des englischen Sommers“, sagt der britische Vogelschützer Paul ­Hopwood in der ARTE-Dokumentation. Zusammen mit anderen Freiwilligen fängt er Feldlerchen, die für ihre trillernden und zirpenden Töne während ihres sogenannten Singflugs beliebt sind, und markiert sie, um ihr Verhalten zu analysieren. Allein in Großbritannien habe der Bestand dieses musikalischen Brutvogels seit dem Jahr 1970 um 58 Prozent abgenommen, klagt Hopwood.
Sucht man nach den Ursachen für das Vogelsterben, landet man bei den gleichen Problemen, die Umweltschützer auch für den generellen Rückgang der Artenvielfalt verantwortlich machen. Das sind zum einen der Klimawandel und seine Folgen und zum anderen die industrielle Landwirtschaft. Vor allem der Einsatz von Düngern und Pestiziden und die immer intensiver werdende Bewirtschaftung von landwirtschaftlichen Flächen hätten großen Einfluss auf die heimische Tierwelt, heißt es dazu im Artenschutzbericht des Bundesamtes für Naturschutz (BfN). Empfohlen wird daher ein weiterer Ausbau von Schutzflächen und ökologisch orientierter Landwirtschaft. Denn es gilt: je schonender, desto besser.

Vermisst – Wo sind die Vögel?

Wissenschaftsdoku
Samstag, 4.4. • 21.45 Uhr
bis 2.7. in der Mediathek.

Besonders drastisch zeigt sich die Wechselwirkung von Vogelpopulation und Landwirtschaft am Beispiel des Rebhuhns. Der Wiesenbewohner und Feldvogel ist aus der Agrarlandschaft Deutschlands inzwischen fast verschwunden. Mit einem europaweiten Rückgang um 94 Prozent ist die Lage dramatisch. Auch hier wurden Pestizide und Monokulturen als Ursachen ausgemacht. Rebhühner sind Bodenvögel, deren Speiseplan stark saisonal geprägt ist. Im Sommer lieben sie Larven und Insekten. In den anderen Jahreszeiten ernähren sie sich von grünen Pflanzenteilen und Wildkräuter-­Samen, wobei genau diese Futterquellen bei stark bewirtschafteten Flächen wegfallen. Die Überlebenschancen junger Vögel werden dadurch offenbar stark beeinträchtigt, wie eine Studie der Universität Göttingen belegt. Das Experiment: Ausgesetzte Rebhuhn-­Küken hatten jeweils 15 Minuten Zeit, auf einer Blühfläche – einem Feld mit zahlreichen blühenden Pflanzen – und auf einer mit nur einer einzigen Nutzpflanzenart besäten Fläche Futter zu suchen. Danach wurden sie gewogen. Auf der Blühfläche hatten die Küken schnell Körner und kleinere Insekten verspeist und konnten so an Gewicht zulegen. Auf der Monokultur irrlichterten sie nur suchend umher und hatten nach 15 Minuten messbar an Gewicht verloren.
Des Menschen Effizienz ist so des Vogels Unheil. Schon ­Schlegel beendete sein Gedicht ganz in diesem Sinne: „Der Jäger will töten, / dem Früchte wir pickten. / Wir müssen ihn höhnen, / und Beute gewinnen.“ Wäre es da nicht endlich an der Zeit für ein weniger törichtes Zusammenleben?