Schöner Schein

Der Diamant gilt seit der Antike als Machtsymbol und Luxusobjekt. Künstliche Verknappung und cleveres Marketing stützen den Wert bis heute.

Diamant
Von den Diamantenvierteln in Antwerpen und New York bis zu den Laboren, in denen künstliche Diamanten hergestellt werden: Wie die glänzenden Juwelen zu einem Milliardenmarkt wurden. Foto: Francesco Zerilli / Zerillimedia / Science Photo Library / Getty Images

Die meisten Menschen erscheinen in dezenter Kleidung zu einem Gerichtstermin. Mit hohem Kragen, unauffälligen Accessoires: amtlich und ein bisschen langweilig. Nicht so Kim Kardashian. Als die Influencerin und Unternehmerin in einem Pariser Prozess gegen Diebe aussagte, die ihr einen Diamantring im Wert von vier Millionen Dollar geraubt hatten, kam sie großzügig ausgestattet. Mit Diamanthalskette, Diamantarmband, Diamantfußkettchen und Diamantohrringen – Steinen in Millionenwert. Man kann das als Masche einer Frau deuten, die keine Gelegenheit für den großen Auftritt auslässt. Oder als Machtgeste. Schließlich gehört sie, die oft Belächelte, längst zum elitären Kreis der Superreichen. Ein paar Karat mehr oder weniger machen da wenig Unterschied.

Diamanten – Mythos und Marketing

Dokumentarfilm

Samstag, 20.12.
— 20.15 Uhr
bis 19.3.26 auf arte.tv   

 

 

Der Diamant als Kräfteschau? Das passt, gilt der Stein doch als Zeichen von Wohlstand und Glamour. Kein anderer Edelstein löst so viele Assoziationen aus, vom Schaufensterbummel in „Frühstück bei Tiffany“ (1961) bis zu den gestohlenen Kronjuwelen aus dem Louvre. Diamanten waren Kriegsbeute, sie haben Vermögen begründet und Leben gekostet. In Ringform stehen sie für Liebe und kerzenlichternde Romantik. Doch ihr Faszinosum ist nicht selbsterklärend. Denn ganz so rar, wie man denkt, sind sie nicht.

Diamanten – das sind zunächst Klumpen aus reinem Kohlen­stoff. Entstanden sind viele von ihnen vor Hunderten Millionen Jahren im Erdmantel, mehr als 150 Kilometer tief unter der Erdoberfläche. Von dort wurden sie durch vulkanische Eruptionen Richtung Oberfläche geschleudert. Weil ihr Kohlenstoff in einer kubischen Kristallstruktur angeordnet ist, sind sie das härteste Material der Welt. „Wegen dieser Härte gilt der Diamant seit der Antike als Symbol für Macht und Unbesiegbarkeit“, sagt ­Suzanne van ­Leeuwen, Schmuck­kuratorin und Konservatorin am Rijks­museum in Amsterdam, im Gespräch mit dem ­ARTE ­Magazin. „Die alten Griechen nannten ihn ‚adámas‘: ‚unbezwingbar‘.“ Kein Wunder also, dass Herrscher aller Epochen sich mit ihm schmückten.

In „Diamonds Are a Girl's Best Friend“ besingt Marilyn ­Monroe Hochkarätiges.
Gute Freunde: In „Diamonds Are a Girl's Best Friend“ besingt Marilyn ­Monroe Hochkarätiges. Foto: picture alliance / Collection Christophel / RnB / Twentieth Century Fox Film Corporation

Angebot künstlich verknappt

Ab rund 800 v. Chr. fand man Diamanten vor allem in Indien, etwa in Flussbetten um die Stadt Golkonda. Maharadschas trugen sie als Talismane. Im späten Mittelalter kamen die Steine vermehrt nach Europa, in Städte wie Brügge oder Antwerpen, wo man sie schliff und weiterverkaufte. Gerade der Schliff sorgt für den berühmten Regenbogeneffekt: Die Facetten brechen und spiegeln Licht und zerlegen es in seine Spektralfarben. Ohnehin haben Diamanten eine hohe Brechzahl, sie lenken Licht etwa doppelt so stark ab wie Wasser. Wer heute die Qualität eines Diamanten bemisst, blickt auf die vier Cs: Schliff (Cut), Farbe (Colour), Reinheit (Clarity) und Gewicht (Carat).

Zur Industrie wurden die Steine im späten 19. Jahrhundert, als man in Südafrika auf große Vorkommen stieß. Seitdem ist das Geschäft vor allem mit einem Namen verknüpft: De Beers. Das Unternehmen, gegründet vom Briten Cecil Rhodes, kontrollierte zwischenzeitlich rund 90 Prozent des Welthandels. In Südafrika, wo nun im großen Stil abgebaut wurde, hatte es zahlreiche Minen aufgekauft. Doch wegen der neuen Verfügbarkeit war der Markt schnell überschwemmt, und der Boom ließ die Preise fallen. Um das zu ändern, schloss sich De Beers mit anderen Förderern zusammen. Das Monopol verknappte künstlich das Angebot und gab hohe Preise vor, um ein Gefühl von Exklusivität zu erzeugen. Mittlerweile dominieren neben De Beers die Konzerne Alrosa aus Russland und Rio Tinto aus Australien das Geschäft. „Und bis heute steuert man die Menge an Diamanten, die auf den Markt gelangt“, so die Kunsthistorikerin Heide Rezepa-Zabel im ARTE-Dokumentarfilm „Diamanten – Mythos und Marketing“. „Und damit auch die Preise.“ Je seltener die Ware, desto wertvoller der Stein.

schwarz-weiß Bild: Mit „Frühstück bei Tiffany“ machte ­Audrey Hepburn den New Yorker Juwelier weltberühmt
Glitzernde Deko: Mit „Frühstück bei Tiffany“ machte ­Audrey ­Hepburn den New Yorker Juwelier weltberühmt. Foto: picture alliance / Mary Evans / AF Archive

Das hat seit jeher das Image der Diamanten befördert. Doch auch die Werbung tat ihren Teil – und Hollywood. Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte De Beers die Werbeagentur Ayer aus Philadelphia. Das Ziel: Diamantschmuck zu einem Sinnbild von Erfolg und romantischer Bindung zu erklären. Die Werber verhandelten mit Filmproduzenten, um die Juwelen in Kinoszenen unterzubringen, und statteten Schauspielerinnen mit geliehenem Schmuck aus. Zum Coup wurde eine Werbung aus dem Jahr 1947: Ihr Slogan „A Diamond is Forever“, ein Diamant ist unvergänglich, gilt als der erfolgreichste der Werbegeschichte. Die zuvor eher unbekannte Idee, dass zu einer Verlobung ein Diamantring gehört, war in den USA schon wenige Jahre später etabliert. „Wir halten diese Tradition für selbstverständlich, als wäre sie so alt wie die Ehe selbst“, schreibt die Schmuckhistorikerin ­Aja ­Raden im Buch „Stoned: Jewelry, Obsession, and How Desire Shapes the World“. „Tatsächlich ist sie ungefähr so alt wie die Mikrowelle.“

Verkauft wurde eben nicht nur ein Stück Schmuck, sondern auch die Idee von Prestige und Ansehen. Aus der Popkultur ist der Diamant seitdem kaum wegzudenken. Unvergesslich etwa, wie ­Marilyn ­Monroe in „Blondinen bevorzugt“ (1953) die Vorzüge eines Hochkaräters zur Alterssicherung besingt. Auf roten Teppichen gehören glitzernde Colliers zur Grundausstattung. Und im Hip-Hop kann Diamantbesetztes kaum plakativ genug sein. Zugleich steht das Geschäft in der Kritik. Denn der Abbau von Diamanten ist wenig umweltfreundlich: Um ein Karat, also 0,2 Gramm, aus der Erde zu holen, müssen rund 250 Tonnen Gestein abgegraben und 500 Liter Wasser eingesetzt werden. Die Arbeitsbedingungen in den Minen sind oft schlecht. Und die Herkunft sogenannter Blutdiamanten, die Kriege finanzieren, lässt sich schwer zurückverfolgen, selbst wenn man versucht, sie mit Zertifikaten durchschaubar zu machen. Auch Kriminelle nutzen die Steine als Zahlungsmittel, weil sich so riesige Summen transportieren lassen – praktisch in der Hosentasche.

Der Verlobungsring ist bloß so alt wie die Mikrowelle

Aja Raden, Schmuckhistorikerin
Kim Kardashian vor Gericht
Kim Kardashian trug Diamanten in Millionenwert, als sie vor einem Pariser Gericht zu einem Diamantenraub aussagte. Foto: picture alliance / dpa / MAXPPP / Olivier Corsan

Labordiamanten drücken Preise

In den Diamanten-Zentren von Antwerpen bis New York sorgt seit einigen Jahren aber vor allem eins für Unruhe: das Aufkommen von im Labor gezüchteten Diamanten, die für einen Bruchteil dessen verkauft werden, was ein in der Mine geschürfter Diamant kostet. Hergestellt werden sie etwa, indem man einen winzigen Diamantsplitter mit einer Kohlenstoffquelle zusammenbringt und ihn extrem hohem Druck und hoher Temperatur aussetzt – ähnlich den Verhältnissen in der Erdkruste. In Wochen, mitunter sogar innerhalb von Stunden, wachsen so Diamanten, die Laien nicht von natürlichen Diamanten unterscheiden können. Produziert werden sie in Massen, meist in China und Indien. Seitdem fallen die Preise.

Gerade jüngere Kundinnen und Kunden mögen die günstigere Alternative, weil sie als nachhaltiger gilt. Fans althergebrachter Diamanten pochen darauf, dass den synthetischen Steinen der Zauber der Jahrmillionen fehlt. „Aber für manche Menschen ist ein Diamant einfach nur ein Diamant – ganz gleich, ob er synthetisch im Labor hergestellt wurde oder nicht“, sagt Suzanne van Leeuwen vom Amsterdamer Rijksmuseum. Erst vor Kurzem habe eine niederländische Ladenkette Silberanhänger mit einem Labordiamanten ins Angebot genommen. Der Preis: 29,99 Euro. Das Schmuckstück war ein Verkaufshit. „Innerhalb weniger Minuten war es ausverkauft.“

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