Dick durch Hormone

HEISSHUNGER Ohne chemische Botenstoffe geht nichts in unserem Körper. Sie steuern nicht nur den Stoffwechsel, sondern auch den Appetit. Sind sie verantwortlich für das Übergewicht so vieler Menschen?

Foto: Carol Yepes/Getty Images

Die Deutschen sind zu dick. Mehr als die Hälfte der Bundesbürger ist übergewichtig, stellte das Robert-­Koch-­Institut fest. Und von dieser Hälfte soll sogar jede dritte Person ein Fall für die Adipositas-Therapie sein. Der Grund klingt einfach: Die Betroffenen essen und trinken mehr, als es ihrem Kalorienbedarf entspricht. Doch warum tun sie das? Eine neue Antwort darauf fanden Forscher in einer Stoffgruppe, ohne die unser Körper nicht funktionieren würde: die Hormone. Die ARTE-Doku „Auf der Suche nach dem guten Fett“ schaut sich die Botenstoffe genauer an.

Leptin
Besonders steht bei Wissenschaftlern derzeit das Leptin unter Beobachtung. Ein Hormon, das während der Mahlzeiten vom Fettgewebe abgegeben wird und dann mit dem Blut zum Gehirn gelangt, wo es am Hypothalamus andockt und für ein Gefühl der Sättigung sorgt. Das könnte darauf hinweisen , dass Übergewichtige eher niedrige Leptinwerte haben. Doch tatsächlich sind diese sogar überdurchschnittlich hoch. Das fand ­Rafi ­Mazor von der University of California heraus. „Das Problem liegt nicht bei dem Hormon selbst“, so der US-amerikanische Zellbiologe, „sondern bei den Leptinrezeptoren im Gehirn.“
Diese Rezeptoren sind, wie ­Mazors Forscherteam herausgefunden hat, bei Übergewichtigen regelrecht geköpft, sodass sie nicht mehr auf das Hormon ansprechen können. Verantwortlich dafür ist ein Enzym namens MMP-2, das der Körper umso mehr bildet, je größere Mengen an tierischem Fett ihm zugeführt werden. Der Schluss, den die Wissenschaftler daraus ziehen: Leptin bleibt als Appetitbremse aktiv, sofern man sich nur wenig Fleisch und Wurst auf den Teller legt. Auch mit gesundem Schlaf kann man Leptin beeinflussen. Forscher an der Stanford University fanden heraus, dass der Leptin­pegel um bis zu 15,5 Prozent steigt, wenn auf regelmäßigen Schlaf geachtet wird. Wir sind unseren Hormonen also nicht komplett ausgeliefert.

Ghrelin
Auch Ghrelin ist an der Gewichtsregulation beteiligt. Das Peptid wird vor allem in der Magenschleimhaut und der Bauchspeicheldrüse produziert. Eine seiner Aufgaben: den Appetit fördern. Eine andere: die Wärmeproduktion im Körper hemmen. Die Aufnahme von Kalorien wird durch Ghrelin also einerseits angeregt, andererseits werden aber gleichzeitig weniger von ihnen verbrannt. Das klingt nicht gerade nach einer Erfolgsformel für die Gewichtsreduktion. Ghrelin wird übrigens nicht von vollen, sondern von leeren Mägen produziert. Wer abspecken will, sollte also nicht zu radikal fasten. Und außerdem – mal wieder – viel schlafen. Denn laut einer Studie der Stanford University steigt durch permanenten Schlafmangel das Ghrelin um bis zu 14,9 Prozent.

Cortisol
Und noch ein Hormon macht hungrig: das Cortisol aus den Nebennieren. Betroffen sind vor allem Frauen, denn bei ihnen wird es bei Entzündungen und bei psychischem Stress vermehrt ausgeschüttet.

Östrogen
Kurz vor dem Eisprung bekommen viele Frauen kaum einen Bissen herunter, weil der Körper appetithemmendes Östrogen produziert. Kurz vor Einsetzen der Monatsblutung entsteht allerdings akuter Östrogenmangel, der oft mit Heißhunger einhergeht.

Testosteron
Männer mit hoher Testosteron-Konzentration können sich freuen, dass das Sexualhormon sowohl den Stoffwechsel als auch den Abbau von Fettdepots anregt. Deswegen sollten sie mit zunehmendem Alter regelmäßig Sport treiben, weil das die Testosteronproduktion fördert. Hormonpräparate können zwar eine ähnliche Wirkung haben, doch überdurchschnittlich hohe Testosteronwerte senken wiederum den Leptinpegel – und das macht permanent hungrig.

Insulin
Ein weiteres mächtiges Hormon: Insulin. Diabetespatienten kennen das; sie nehmen oft einige Kilogramm zu, wenn sie beginnen, Insulin zu spritzen. Die Ursache: Das Bauchspeicheldrüsenhormon sorgt dafür, dass der Organismus mehr Kalorien aus dem Zucker in der Nahrung gewinnt. Dennoch sollten sie keinesfalls auf ihre Insulintherapie verzichten.
Gesunde Menschen mit funktionierender Bauchspeicheldrüse sollten hingegen ihre Insulinwerte nicht nach oben treiben. Etwa durch Softdrinks und andere zuckersüße Lebensmittel, die genau das bewirken. Sie enthalten nicht nur viele Kalorien, sondern vermehren auch das Depotfett im Bauchbereich, welches auch das „böse“ Fett genannt wird, da es die Anfälligkeit für Infarkte und Schlaganfälle erhöht.

Die Forschung zeigt also vor allem: Das Hormonsystem ist komplex – doch was immer hilft, ist ausreichender Schlaf und regelmäßiger Sport.

Auf der Suche nach dem guten Fett

Wissenschaftsdoku
Samstag, 17.10. • 22.00 Uhr
bis 15.12. in der Mediathek