Bis an die Zähne bewaffnet

Rechtsextreme Kampfbünde in den USA rekrutieren immer mehr Veteranen und Ex-Polizisten. Ihr Ziel: die Demokratie abschaffen. War der Sturm aufs Kapitol nur die Generalprobe für einen Umsturz?

Rechtsextreme bewaffnet USA
Martialisch: Bei einer Demonstration in Phoenix, Arizona, im Februar 2023 posiert ein Teilnehmer vor dem Regierungsgebäude. Foto: Christopher-Brown_ZUMA-Press-Wire_Picture-Alliance

Als Hatchet Speed, Militärveteran und Mitglied der Neonazi-Schlägertruppe Proud Boys, sich im Mai 2023 vor Gericht zu seiner Beteiligung am Sturm auf das Kapitol in Washington D. C. am 6. Januar 2021 äußerte, gefror den Anwesenden das Blut in den Adern. „Die Proud Boys von heute“, erklärte er laut Prozessakte, „sind wie die Nazi-Braunhemden in den 1920er Jahren. Sie bekämpfen die Linken auf der Straße.“ Dorthin wird Speed allerdings vorerst nicht zurückkehren: Richter ­Trevor ­McFadden schickte ihn für vier Jahre ins Gefängnis, weil er Dutzende schwere Waffen für die Aufrührer beschafft hatte.

Der Feind im Inneren – US-Veteranen gegen die Demokratie

Dokumentarfilm

Dienstag, 2.1. — 22.10 Uhr
bis 31.3. in der Mediathek

Militante Gruppen wie Oath Keepers, Patriot Front, Nationalist Social Club 131 oder eben die Proud Boys – um einige der bekannteren zu nennen – terrorisieren mit ihren Gewalttaten nicht nur Angehörige ethnischer Minderheiten, Afroamerikaner und nicht-heteronormative Personen. Längst drehen sie ein viel größeres Rad und wollen das demokratische System der USA zerstören. „Der Sturm auf das Kapitol war bloß ein Vorgeschmack“, sagt Kristofer Goldsmith, ehemaliger US-Army-­Sergeant und­­ ­Gründer des Task Force ­Butler Institute. Das landesweite Netzwerk antifaschistischer Aktivisten späht rechts­extreme Gruppen aus, deckt deren Pläne auf und gibt die Informationen an die Ermittlungsbehörden weiter. „Tausende Veteranen, darunter Elite­soldaten, gehören diesen Milizen an und könnten sich an einem Umsturzversuch beteiligen“, so ­Goldsmith im Gespräch mit dem ­ARTE ­Magazin. „Einige sind bis an die Zähne bewaffnet.“

Besonders beunruhigend: Aus den Ermittlungsakten der mehr als 1.000 Verfahren gegen die Aufrührer vom 6. Januar 2021 geht hervor, dass fast ein Fünftel der an den Unruhen Beteiligten frühere Militär- oder Polizeiangehörige waren. Viele von ihnen gehören rechtsextremen Organisationen an oder sympathisieren mit ihnen. Zu den knapp 550 bislang verurteilten Kapitolstürmern zählen neben dem Waffen­beschaffer Hatchet Speed auch der ehemalige Elitesoldat und Gründer der Oath Keepers, Stewart Rhodes, sowie Ex-Proud-Boys-Anführer Enrique­Tarrio. ­Rhodes musste nach seinem Schuldspruch für 18 Jahre hinter Gitter, Tarrio für 22 Jahre.

 

Pide Boys USA Boss Enrique ­Tarrio
Gewaltbereit: Im Septem­ber 2020 scharte Proud-Boys-Boss ­Enrique ­Tarrio (oben, 2. v. l.) mehr als 10.000 Anhänger um sich. Foto: Paula-Bronstein_The-Washington-Post_Getty-Images

ATTRAKTIVE SAMMELBECKEN

„Militante rechtsextremistische Vereinigungen entwickeln sich in den USA zunehmend zu attraktiven Sammelbecken für Veteranen und ehemalige Polizisten“, sagt Kathleen Belew, Historikerin an der Northwestern University, Chicago. „Sie wähnen sich in diesen Gruppen auf der richtigen Seite, um die Verfassung vor äußeren und inneren Feinden zu schützen – wie sie es einst bei ihrer Vereidigung geschworen haben“, erläutert Belew in Charlie Sadoffs Dokumentarfilm „Der Feind im Inneren – US-Veteranen gegen die Demokratie“, den ARTE im Januar zeigt.

„Die Gründe für den Beitritt der Veteranen zu gewalttätigen rechtsextremen Gruppen sind vielfältig“, sagt Anne Speckhard, Direktorin des weltweit tätigen International Center for the Study of Violent Extremism. Sie schlössen sich selten wegen ihrer politischen Gesinnung an, „sondern weil sie glauben, dass die Gruppe ihr Bedürfnis nach Heimat und Zugehörigkeit erfüllt.“ Erst später übernähmen sie deren antidemokratische Ideologien – „auch um ihr neu gewonnenes Gefühl von Bedeutung, Wichtigkeit und Akzeptanz nicht gleich wieder zu verlieren“, meint -Speckhard.

Dass die „faschistischen Rattenfänger“ dies ausnutzen,  steht für Kristofer -Goldsmith außer Frage: „Auf diese Weise rekrutieren sie militärisch ausgebildete, kampferfahrene Mitglieder.“ Klar sei, dass sie dabei oft ihre Gesinnung verschleiern: „Die Ziele von Feuerkrieg Division, White Lives Matter, Patriot Front und anderen Neonazi-Verbänden sind offensichtlich verfassungsfeindlich, antisemitisch und meist homophob geprägt“, sagt er. Mit diesen Attributen zu werben, mache sich beim Rekrutierungsprozess freilich nicht so gut. „Sie geben sich daher gern als patriotische Amerikaner aus. Das kommt bei Veteranen besser an, ist aber nur eine taktische Finte.“

Seinem Task Force Butler Institute haben sich rund zwei Dutzend Veteranen angeschlossen. Dass manchen von ihnen der Schritt schwerfiel, wundert Goldsmith nicht: Nach der Entlassung aus dem Militär war auch er zunächst einer rechtsextremen Gruppe beigetreten. Erst als er sah, dass deren Mitglieder Hitlers „Mein Kampf“ glorifizierten und regelmäßig paramilitärische Manöver durchführten, sei ihm bewusst geworden, wie gefährlich die Gruppe war. „In diesem Moment wurde mir klar“, so Goldsmith, „dass ich Nazi-Jäger werden muss.“

Der Sturm aufs Kapitol

Gesellschaftsdoku

Dienstag, 2.1. — 23.35 Uhr
bis 30.6.25 in der Mediathek