Die harte Realität

STEILE KARRIERE Musiker und Labelchef Parham Vakili ist mit Rap reich geworden. Es war ein langer Weg weg von der Straße – und doch lässt ihn die Vergangenheit immer noch nicht ganz los. Eine Begegnung.

Foto: Niklas Kamp

Ein Neubaugebiet etwa eine Viertelstunde außerhalb der Berliner Stadtgrenze. Hier entsteht ein weißer, hypermoderner Bau mit Flachdach und riesigen Panoramafenstern. Frisch verlegte Marmorplatten führen rund ums Haus. Vor der Tür stehen ein 8er BMW und ein paar Fendi-Latschen. Es öffnet ­Parham ­Vakili, besser bekannt als Rapper PA Sports. Der 30-Jährige wirkt etwas verschlafen. Bevor es mit dem Interview losgehen kann, muss er noch kurz einige Dinge erledigen: sich um seine Tochter kümmern, ein paar Nachrichten am Smartphone beantworten, schnell was essen. Trotz des übervollen Tagesplans, bei dem er versucht, die Erwartungen zu erfüllen, die an ihn als Vater, Rapper und Labelchef von „Life is Pain“ gestellt werden, wirkt er gelassen. Vielleicht liegt es daran, dass ­Vakili weiß, dass er es geschafft hat. Das imposante neue Haus erinnert ihn jeden Tag daran.
Genau wie der Dokumentarfilm „Another ­Reality“, der im August auf ARTE zu sehen ist. Über mehrere Jahre haben die beiden Regisseure ­Noël ­Dernesch und Oliver ­Waldhauer eine Handvoll junger Männer mit Migrationshintergrund im Alltag begleitet. ­Parham ­Vakili war einer von ihnen. Sie filmten den Deutschrapper, dessen Eltern aus dem Iran kommen, im Studio, beim Texten. Auf dem Weg, der, wie man heute sehen kann, nach oben geführt hat.
In wenigen Sätzen umreißt ­Vakili seine Lebensgeschichte. Dabei spricht er, wie er rappt: die Sätze dicht aneinandergepresst, aber trotzdem überdeutlich artikuliert. Sie sind voll griffiger, weil bekannter Bilder, aber nie abgedroschen. Er erzählt vom unangepassten Schüler, der sich mit Rap profilieren möchte. Nur am Rande erwähnt er, dass er schon mit 15, 16 Jahren mit Szenegrößen wie Eko Fresh zusammenarbeitete. Wichtiger ist ihm, zu erklären, wie aus ihm, dem ehrgeizigen Rapper, ein Krimineller werden konnte: „Meine Eltern dachten, ich übernachte bei einem Freund, aber ich hing bei Jams ab. Da siehst du dann zum ersten Mal, wie jemand einen Joint raucht. Und dann rauchst du auch mal einen. Du siehst, wie jemand dealt. Und dann fängst du auch an zu dealen.“ Schnell gerät man in die Abwärtsspirale: „Am Anfang machst du nur kleinkriminellen Scheiß. Du kennst ja das Milieu noch nicht. Du machst ein paar illegale Sachen, um auf der Straße anerkannt zu werden. Aber dann trennt sich die Spreu vom Weizen. Dann entscheidet sich, ob das nur eine kurze Phase ist oder dein Leben. Dadurch, dass mein Leben nie normal war, bin ich da immer weiter reingeraten.“ Es ist eine Geschichte, wie sie ­Dernesch und ­Waldhauer in „Another Reality“ mehrfach erzählen. Aber ­Vakilis Geschichte hat eine außergewöhnliche Fortsetzung: „Wenn ich zurückblicke, sehe ich: Der eine ist in einem Rockerclub, der andere in einer Gang, der dritte gehört zu einer Großfamilie, einer saß sechs Jahre im Knast, der andere ist fast gestorben. Ich habe Karriere gemacht.“ Er hat es geschafft. Sein letztes Album, ein Gemeinschaftsprojekt mit Rapper ­Kianush, landete auf Platz zwei der Charts. Auf YouTube haben seine Videos meist über fünf Millionen Klicks. Damit gehört ­Vakili schon zum gehobenen Deutschrap-­Mittelstand.

Der Straße den Rücken kehren
Ob es Rap war, der ihn von der Straße geholt hat? „Das war nicht Rap. Das war Geld“, sagt ­Vakili. „Hast du Geld, kannst du raus aus der Gegend, wo Sodom und Gomorrha herrscht.“ In seinem Fall heißt das: weg aus Essen, rein in den Speckgürtel Berlins. Doch so leicht ist es nicht, der Straße den Rücken zu kehren. Erst Mitte Juni haben Unbekannte das Auto seiner Eltern angezündet. Es stand direkt vor deren Haus. Das Feuer hätte leicht überspringen können, meint ­Vakili. Wenn er davon spricht, wirkt er nicht wütend oder ängstlich, eher abgeklärt: „Früher wollten Leute einfach nur am Ruhm teilhaben, heute geht es um Millionen.“ Es ist ein ungeschriebenes Gesetz: Man kann die Straße zwar hinter sich lassen, aber sie wird einen nicht loslassen.
Frühere Weggefährten seien neidisch. Sie versuchten ihn zu brechen, beschreibt ­Vakili. Ihre Missgunst kann er zum Teil sogar verstehen: Es sei nicht leicht, in Deutschland als Migrant seinen Weg zu gehen. Dennoch wehrt er sich natürlich: „Es bleiben mir ja nur drei Möglichkeiten. Entweder ich beuge mich diesen Leuten, oder ich führe Krieg auf ihrem Niveau. Dann riskiere ich, alles zu verlieren – meine Tochter, meine Familie, mein Unternehmen. Oder ich lasse das die Polizei regeln.“ Mehr gibt es für ihn dazu nicht zu sagen. Es gibt wichtigere Dinge, um die ­Vakili sich kümmern muss: seine Familie, seine Karriere, Rap.

Another Reality

Dokumentarfilm
Mittwoch, 5.8. • 22.05 Uhr
bis 2.11. in der Mediathek.