Wie geht’s uns denn so?

Viele Tierarten denken und fühlen, das steht fest. Wie sie Emotionen zeigen, führt aber im Verhältnis zum Menschen schon mal zu Missverständnissen.

Schwarz-Weiß-Foto von einem Leoparden mit geschlossenen Augen.
Säugetiere wie Leoparden denken und fühlen in gleichen Hirnstrukturen. Foto: Sebastian Mast/Connected Archives

Der Legende nach verstand sich Franz von ­Assisi auf die Sprache der Tiere. Bildnisse zeigen den mittel­alterlichen Ordensgründer und Heiligen im Austausch mit Vögeln und einem Wolf. Für die Verhaltens­forschung wären derlei Fähigkeiten geradezu ideal, um mit einem Fell oder Federn tragenden Gegenüber wichtige Fragen zu klären: Wie geht’s? Was geht dir so durch den Kopf? Allein, kein moderner Franziskus dolmetscht zwischen Wissenschaft und ­Kreatur, seine Darstellungen versinnbildlichen Schöpfungsliebe – nicht Übersinnliches. Fortschritte macht die Forschung dennoch. Sogar so sehr, dass alte Gewissheiten im Verhältnis von Mensch und Tier ins Wanken geraten sind.

Empfinden Tiere Trauer? Neues aus der Verhaltensforschung

Wissenschaftsdoku

Samstag, 13.12. — 21.45 Uhr
bis 11.4.26 auf arte.tv  

Von einer regelrechten „Revolution im Tierbild“ spricht der Verhaltensbiologe Norbert ­Sachser, der den Paradigmenwechsel sowohl in seinem Fach als auch in der Gesellschaft insgesamt mehr als 50 Jahre lang miterlebt und mitgestaltet hat. Der Seniorprofessor an der Universität Münster erinnerte im Rahmen einer Gesprächsreihe der Hochschule daran, was er einst im Biologiestudium gelernt habe: Tiere können nicht denken, und die Wissenschaft kann keine Aussagen über Gefühle von Tieren treffen. Inzwischen beweist ein fundierter Forschungsstand das Gegenteil. Neurobiologische Untersuchungen zeigen, dass Wirbeltiere durchweg ähnliche Hirnareale zum Denken und Fühlen benutzen – also auch Fische, Vögel und Reptilien. Mit unserer vermeintlichen Alleinstellung ist es erst recht vorbei, wenn man den Fokus auf Säugetiere legt: Deren limbisches System – jene Strukturen des Gehirns, die für Gefühle, aber auch für Lernen und Gedächtnis zuständig sind – gleiche „eins zu eins dem des Menschen“, so ­Sachser. Den sogenannten basalen Emotionen wie etwa Furcht oder Freude lägen dieselben neuronalen, molekularen und zellulären Prozesse zugrunde  – „egal ob bei Mensch oder Maus“.

Zu diesen Grundemotionen gehört auch die Trauer. Auf welche Weise sich das Leiden am Verlust im Tierreich ausdrückt, ist Gegenstand einer noch jungen Disziplin: der vergleichenden Thanatologie. Die ARTE-­Dokumentation „Empfinden Tiere Trauer? Neues aus der Verhaltens­forschung“ zeigt die Vielfalt der Rituale, mit denen Tiere auf das Sterben von Artgenossen reagieren. Elefantenherden etwa beruhigen sich gegenseitig durch Berührungen mit den Rüsseln. Ungestüme Schimpansen versinken angesichts eines toten Gruppenmitglieds in Stille. Schimpansenmütter tragen den Leichnam ihres Jungen tagelang umher, Meeresbiologen beobachteten Ähnliches bei ­Delfin-­Weibchen mit toten Kälbern.

Porträt eines Orang-Utans.
Orang-Utans und andere Primaten sind Menschen am nächsten – auch bei Gefühlen. Foto: Dale Fehr/500px/Getty Images

Gehört zum Trauern ein grundlegendes Begreifen des Phänomens Tod? Und wie ausgeprägt ist das bei Tieren? Damit beschäftigt sich die spanische Philosophin ­Susana ­Monsó in ihrem ­dieses Jahr erschienenen Buch „Das Schweigen der Schimpansen“. Die Wissenschaftlerin an der Nationalen Fernuniversität Uned Madrid spricht vom „Minimalkonzept“ vieler Arten, zu dem das Erkennen der „Nichtfunktionalität“ toter Tiere und „Irreversibilität“ – die Unumkehrbarkeit dieses Zustandes – gehören. Kritisch beurteilt sie die in der Forschung verbreitete Kopplung von Verständnis und Empfinden: „Genau wie es Trauer ohne ein Konzept vom Tod geben kann, kann es auch ein Konzept vom Tod ohne Trauer geben.“

Menschliche Eigenschaften übertragen

Oft steht sich der Mensch bei der Betrachtung der Tierwelt selbst im Weg. Neben dem Anthro­pomorphismus, der Übertragung menschlicher Eigenschaften auf andere Spezies, macht Monsó einen weiteren, als Anthropektomie bezeichneten Grundirrtum aus: Tieren Fähigkeiten abzusprechen, die angeblich nur Menschen haben. Beides wurzele in der Angewohnheit, sich als Nabel der Welt zu sehen. Tatsächlich stoße auch der Homo sapiens trotz kognitiver Bestleistungen beim Thema Tod an intellektuelle Grenzen. ­Susana ­Monsó zitiert dazu ihren Landsmann und Fachkollegen ­Miguel de ­Unamuno: „Wir können uns nicht als nicht existent vorstellen“, schrieb der Philosoph 1925 in einem Essay.

Porträt von einem schwarzen Mops.
Hunde werden in ihren Empfindungen häufig vermenschlicht. Foto: Charles Deluvio/Unsplash

Nicht nur bei grundlegenden Fragen zu Leid und Lebensende ziehen sich Fehleinschätzungen und Missverständnisse durch das Verhältnis von Mensch und Tier. Der Umstand, dass Haustiere mehr und mehr als individuelle Persönlichkeiten und Teil der Familie wahrgenommen werden, führt zu stärkerer Vermenschlichung. Eine Studie unter niederländischen Katzenhaltern kam vor zwei Jahren zu dem Ergebnis, dass den Tieren besonders häufig komplexe Emotionen wie Eifersucht, Reue oder Rache zugeschrieben wurden, wenn die Besitzer sie als „Kinder“ oder „beste Freunde“ ansahen.

Nicht selten stehe dahinter die Projektion eigener Gefühlslagen auf die Katzen, so Esther Bouma, Marsinah Reijgwart, Pim Martens und Arie Dijkstra in der Zeitschrift Applied Animal Beaviour Science. Dabei ahnen wohl die wenigsten Halter, zu wie vielen Gesichtsausdrücken ihre Vierbeiner fähig sind, um Befindlichkeiten mitzuteilen. Es sind 276, fanden die US-Amerikanerinnen Lauren Scott und Brittany Florkiewicz mithilfe von Videoaufnahmen 2021 in einem Katzen­café in Kalifornien heraus. Allerdings kommunizierten die Katzen in dieser Vielfalt vorzugsweise untereinander, berichten die Forscherinnen im Fachmagazin Behavioural Processes.

Im Umgang mit dem Menschen hat ein anderes Haustier seine Mimik perfektioniert: der Hund. Eine 2019 von der ­National Academy of the Sciences in den Vereinigten ­Staaten veröffentlichte Studie der englischen University of Portsmouth ergab, dass der sprichwörtliche Hundeblick Ergebnis jahrtausendelangen Zusammenlebens ist. Weder vermögen Wölfe ihre Augenbrauenmuskeln entsprechend zu bewegen, noch agieren Hunde auf diese Weise untereinander.

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