Wie im Märchen

Gezeichnet von Krankheit und Verlust kehrte Karen Blixen nach 20 Jahren in Ostafrika in ihre Heimat Dänemark zurück – und avancierte zur populärsten Autorin des Landes.

Schwarz-Weiß-Foto der Dänin Karen Blixen.
Erst stürzte sie tief – dann wurde die Dänin Karen Blixen Bestsellerautorin. Mit Zigarettenspitze, aufwendiger Kleidung und kultiviertem Auftreten inszenierte sie sich als Teil der weißen kolonialen Elite. Foto: Hulton Archive/Staff/Getty Images

Es ist das Jahr 1931 – in Kopenhagen steigt eine Frau aus dem Zug. Sie ist erschöpft, mittellos, krank. In ihren Koffern: Notizbücher voller Erinnerungen. Aus ihnen entsteht schon bald das Buch „Afrika – dunkel lockende Welt“ („Out of Africa“), Karen ­Blixens (1885-1962) autobiografische Erzählung über ihre Zeit in Kenia. Das Werk wird ein internationaler Bestseller und machte die Dänin zu einer der einflussreichsten Autorinnen ihrer Generation. Zum Nachruhm trug auch die Hollywood-Verfilmung „Jenseits von Afrika“ (1985) mit Meryl ­Streep bei.

The Dreamer – Becoming Karen Blixen

Serie

ab 19.12.25 auf arte.tv  

Wie die dänische Serie „The ­Dreamer – Becoming ­Karen ­Blixen“ zeigt, war das Leben der Autorin von Beginn an von Widersprüchen geprägt. ­Blixen, Tochter eines Offiziers, der sich das Leben nahm, als sie zehn war, wuchs ab 1885 in der Nähe von Kopenhagen auf – in einer von strengen bürgerlichen Konventionen und Religiosität geprägten Welt. Als Reaktion darauf suchte sie irgendwann das große Abenteuer: Zusammen mit ihrem Mann Bror von Blixen-­Finecke, einem Adeligen, zog sie 1914 nach Britisch-­Ostafrika, was weitgehend dem heutigen Kenia entspricht, um eine Farm zu leiten. Doch das Projekt scheiterte nach wenigen Jahren – vor allem wegen der mangelnden landwirtschaftlichen Sachkenntnis des Paars. Hinzu kam, dass ­Blixen und ihr Mann an Syphilis erkrankten. Nach einer kurzen Heimkehr nach Dänemark wagten sie 1916 einen zweiten Versuch mit einer Farm in Kenia. Es folgten viele Jahre, in denen sich ­Karen Blixen hartnäckig als Plantagenbesitzerin behauptete – trotz widriger klimatischer Bedingungen und der Gängelung der Behörden.

Als ihr Geliebter Denys Finch Hatton 1931 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam und ihre Ehe endgültig in die Brüche ging, stürzte die hoch verschuldete ­Blixen in eine schwere Krise. Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch kehrte sie 1931 schließlich verarmt nach Dänemark zurück. Und begann zu schreiben. Oder vielmehr: zu erzählen. Ihre Sammlungen „Sieben phantastische Geschichten“ (1935) und „Wintergeschichten“ (1942) zeigen anhand märchenhafter Parabeln Figuren, die in existenziellen Krisen Schönheit und Würde suchen. Für ihre Werke nutzte sie meistens Pseudonyme, etwa ­Isak ­Dinesen oder – wie in Deutschland – ­Tania ­Blixen.

Projektionsfläche westlicher Sehnsüchte

Karen Blixen war als Schriftstellerin keine bloße Chronistin ihrer Erlebnisse, vielmehr verwandelte sie in ihrer Literatur Afrika in eine Projektionsfläche westlicher Sehnsüchte. Zugleich inszenierte sie sich im realen Leben bewusst als Teil der weißen kolonialen Elite, die sich in Ostafrika eine europäische Welt schuf. Ihr öffentliches Auftreten in Dänemark – samt Zigarettenspitze, aristokratischem Pathos und beherrschter Stimme – entsprach mehr diesem Selbstbild als ihrer bürgerlichen Herkunft. Während ­Ernest ­Hemingway und ­Truman Capote zu ihren Fans zählten, warfen ihr afrikanische Autoren immer wieder Rassismus und eine eurozentristische Weltsicht vor. In Interviews sprach ­Blixen gerne über Themen wie Schicksal und göttliche Ordnung, nie aber über Politik oder die Gleichstellung der Frau. Und doch gilt sie als eine Pionierin weiblicher Selbstbestimmung, in einer Zeit, in der Frauen kaum als ernstzunehmende Autorinnen galten. Allein indem sie ihr Leben zum Kunstwerk erhob, stellte sie das patriarchale Ideal der bescheidenen Frau infrage. „Alle Sorgen lassen sich ertragen“, sagte sie einmal, „wenn man eine Geschichte daraus macht.“

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