Die Darstellung von Kindern in der Kunst spiegelt auch die Werte einer Gesellschaft und deren Wandel. Wie sich das Verständnis vom Kindsein über die Jahrhunderte entwickelt hat, zeigt die Ausstellung „Kinder, Kinder! Zwischen Repräsentation und Wirklichkeit“ im Bucerius Kunst Forum in Hamburg. Für ein Gespräch mit dem ARTE Magazin schaltete sich die Kuratorin Katrin Dyballa zu.
ARTE Magazin Frau Dyballa, was bedeutet Kindheit?
Katrin Dyballa Kindheit ist ein ganz persönliches Thema, weil sich jeder angesprochen fühlt, ob noch klein oder groß. Ich fand es spannend, die größere zeitliche Perspektive ins Auge zu fassen – um zu sehen, was sich an der Kindheit verändert hat. Das geht mir ja schon so: Ich war glücklich, auf dem Dorf aufzuwachsen, mit vielen Kindern. Wir haben uns vor allem draußen im Freien auf Wiesen und Feldern herumgetrieben. Das hat sich in den vergangenen Jahren stark geändert, seit Kindern Computer, Tablets und Telefone zugänglich sind. Die Medienwelt hatte in dieser kurzen Zeit einen massiven Einfluss. Ich fand es interessant, den Blick zurückzuwerfen: Wie war es früher? Warum gibt es überhaupt Kinderbildnisse? Interessant ist, dass gegen Ende des 15. Jahrhunderts vermehrt Kinderporträts entstanden, im dynastischen Kontext.
ARTE Magazin Kinder wurden zu der Zeit als kleine Erwachsene dargestellt. Was hieß es da, Kind zu sein?
Katrin Dyballa Herrschende waren darauf aus, ihre Legitimität und Ansprüche zu untermauern. Das tat man am einfachsten, indem man seinen Nachwuchs präsentierte. Auch wenn es bereits das Bewusstsein für die Phase der Kindheit gab, waren die Freiheiten enger gefasst. Kinder mussten früh eine Rolle einnehmen, auf eine Herrschaft oder den Kriegsdienst vorbereitet werden: Darstellungen zeigen 12-Jährige in Rüstung, im Harnisch, mit Kommandostab und Schwert oder in aufwendigen Kostümen, wodurch ihr Stand vermittelt wurde. Für uns sehen sie aus wie kleine Erwachsene, weil sie schon früh eine große Verantwortung übernehmen mussten.
ARTE Magazin Wurden Kinder in der Kunst früher also idealisiert?
Katrin Dyballa Genau, es gab einen Drang, sie vor allem gesund darzustellen – mit rosigen Bäckchen und einer Botschaft: Mein Kind ist vital und proper und verfügt, wenn es darum geht, das Land zu verteidigen oder zu regieren, über die nötigen Kräfte und Mittel. Dies wurde im Bild schon früh in Form von Attributen vermittelt. Die Habsburger etwa waren auch Meister darin, ihre Töchter im Bild festzuhalten.
ARTE Magazin Inwiefern?
Katrin Dyballa Durch eine geschickte Verheiratung ließen sich politische Interessen steuern. Das früheste Werk unserer Ausstellung, von 1502, zeigt drei Kinder aus dem Hause Habsburg: Der zweijährige spätere Kaiser Karl V. wird flankiert von seinen Schwestern. Er ist mit dem höchsten Ritterorden vom Goldenen Vlies ausgestattet, quasi prädestiniert, das Haus anzuführen. Über den Schwestern sind die Wappen zur Hälfte leer gelassen, weil dort die Wappen der späteren Ehemänner eingefügt werden sollten. Andere Werke stellen junge Mädchen mit Mohn, Kirschen oder Granatäpfeln dar – Symbole für Fruchtbarkeit. Solche Kinderporträts konnten sich nur Vermögende leisten. Ärmere Kinder wurden in der Genremalerei abgebildet, wie die bekannten Bettler-Kinder in Sevilla von Bartolomé Esteban Murillo oder später die sogenannten Fancy Pictures von Joshua Reynolds in England. Trotz ihrer Armut und der schmutzigen Füße oder auch der Kinderarbeit sind ihre Gesichter schön anzusehen – sonst wären die Bilder nicht so beliebt gewesen und gekauft worden.
ARTE Magazin Wie entwickelte sich die künstlerische Auffassung von Kindheit weiter?
Katrin Dyballa Schon im 16. Jahrhundert forderte der niederländische Philosoph Erasmus von Rotterdam, dass Kinder, egal welcher Herkunft oder welchen Geschlechts, ein Recht auf Bildung haben und im Freien spielen sollen, um ihren Charakter zu formen. Die Philosophen John Locke und Jean-Jacques Rousseau setzten dann mit ihren reformpädagogischen Texten in der Breite der Gesellschaft ab 1693 neue Maßstäbe. Es hat bis ins 18. Jahrhundert gedauert, bis sich das auch im Bild verankert hat. In Thomas Lawrences „Die Kinder des Lord George Cavendish“ von 1790 spielen Kinder in einem Birkenwäldchen. Bei Joshua Reynolds verkleidet sich ein kleiner Junge mit seinem Hund als Heinrich VIII., wir haben ein Bild von James Tissot, in dem drei Kinder im Park einer Löwenjagd nachgehen und sich dafür rausputzen.
ARTE Magazin Was hat sich heute mit den sozialen Medien und der Möglichkeit der Selbstinszenierung für Kinder verändert?
Katrin Dyballa Auch heute gibt es das Bedürfnis, den Nachwuchs vorzustellen. Aber das passiert nicht in Öl auf Leinwand, sondern meist mit Fotos in Portalen wie Instagram. Es ist natürlich die Frage, inwieweit Eltern die Bilder ihrer Kinder über soziale Medien verbreiten sollten, und wenn Jugendliche ihre eigenen Bilder streuen, geht es auch um Repräsentation und schafft eine ganz andere Wahrnehmung. Heute ist alles extrem schnelllebig, es wird viel Persönliches preisgegeben. Mit Smartphone-Kameras wird jeder zum Künstler.
Zur Person:
Dr. Katrin Dyballa, Kuratorin Bucerius Kunst Forum Hamburg
Bis zum 6. April läuft die von der Kunsthistorikerin kuratierte Ausstellung „Kinder, Kinder! Zwischen Repräsentation und Wirklichkeit“.







