»Verursacher benennen«

Öl- und Gaskonzerne haben die menschgemachte Erderwärmung jahrzehntelang verharmlost und blockieren weiter die Energiewende. Was muss sich ändern?

Eine Illustration zeigt den Erdball, der in Flammen steht.
Forschende warnen seit Langem vor den dramatischen Folgen der Erderwärmung. Doch ihre Erkenntnisse führen noch immer zu wenigen Verbesserungen – in erster Linie aus wirtschaftlichen oder geopolitischen Interessen. Illustration: Pilli/Getty Images

Dass die Fossilindustrie zu den mächtigen Treibern des Klimawandels zählt, ist Konsens unter Forschenden. Der Publizist und Medienwissenschaftler ­Christian ­Stöcker erläutert im Gespräch mit dem ­ARTE ­Magazin, wie Öl- und Gas­konzerne Politik und Gesellschaft seit Langem manipulieren.

Fuck the Planet! Ist unser Klima noch zu retten?

3-tlg. Dokureihe

Dienstag, 8.9
— ab 20.15 Uhr
bis 7.4.27 auf arte.tv  

ARTE Magazin Herr Stöcker, obwohl wir wissen, wie der Klimawandel funktioniert und welche Folgen er hat, steigen die Treibhausgasemissionen weiter und die Energiewende stockt. Woran liegt das?

Christian Stöcker Die Mechanismen des Klimawandels sind seit den späten 1970er Jahren bekannt. Den Ölkonzernen war schon damals klar, dass ihr Geschäftsmodell dafür sorgt, dass sich die Erde massiv erwärmt. Doch sie entschieden sich, mit Lobbyismus und Propaganda dafür zu sorgen, dass ihre Geschäfte weiterhin florierten.

ARTE Magazin In Ihrem Buch „Männer, die die Welt verbrennen“ nennen Sie Unternehmen, Lobbyisten und Politiker, die den Klimaschutz ausbremsen. Wie wichtig ist es, die Verantwortlichen konkret zu benennen?

Christian Stöcker Das ist zentral. Wenn Sie Debatten über Klimapolitik führen, wird irgendwann jemand sagen: „Das Problem ist, dass die Leute nicht weniger fliegen und immer noch Fleisch essen.“ Das ist nicht ganz falsch, aber es nimmt die tatsächlichen Treiber der Klimakrise, die Chefs der Fossilindustrie und die von ihnen beeinflussten Politiker, aus der Pflicht. Die Verursacher zu benennen, ist dringend erforderlich.

Ein Schwarz-Weiß-Foto des Publizist und Medienwissenschaftlers Christian Stöcker.
Der Publizist und Medienwissenschaftler Christian Stöcker ist Professor für Digitale Kommunikation an der HAW Hamburg. Dort forscht unter anderem zur Verbreitung von Desinformation. Foto: Martin Kraft

ARTE Magazin Wen zum Beispiel?

Christian Stöcker US-Präsident ­Barack ­Obama versuchte 2009, einen landesweiten CO₂-Preis einzuführen. Das Repräsentantenhaus hatte das Gesetz bereits ver­abschiedet, doch dann mobilisierte der Multimilliardär ­Charles Koch Mitglieder der vermeintlichen Graswurzelorganisation Americans for Prosperity, bezahlte Demonstranten, strich republikanischen Befürwortern des Gesetzes Spenden und schob den innerparteilichen Gegnern des Gesetzes große Geldsummen zu – unter der Voraussetzung, dass sie die Klima­krise leugnen. Damit sorgte er dafür, dass das Gesetz im Senat keine Chance hatte. So manipulierte ein einzelner Ölmilliardär die interne Debatte der Republikaner und verhinderte ein Gesetz, das allen geholfen hätte.

ARTE Magazin Welche Rolle spielt gezielte Desinformation bei solchen Kampagnen?

Christian Stöcker Eine sehr große, auch in Deutschland. Das wird deutlich, wenn man die Gerichtsakten eines Prozesses gegen RWE von vor 20 Jahren studiert. Darin ist unter anderem zu lesen, dass die Anwälte des Energiekonzerns behaupteten, der Zusammenhang zwischen CO₂-Emissionen und Erd­erwärmung sei wissenschaftlich nicht bewiesen. Das war schlicht gelogen.

ARTE Magazin Ein Einzelfall?

Christian Stöcker Mitnichten. Es gibt ein großes Netzwerk von Thinktanks, die von der Fossilindustrie finanziert werden. Sie haben die Positionen von Klimawandel­leugnern und -­skeptikern systematisch verbreitet. Seit dem Pariser Klima­abkommen von 2015 hat sich die Strategie dieser Organisationen verändert, denn heute können die Öl- und Gas­konzerne nicht mehr behaupten, es gäbe keine anthropogene Erderwärmung oder man wisse das nicht so genau. Desinformation läuft heute subtiler, etwa indem verbreitet wird, dass E-Autos schädlicher seien als Verbrenner. Auch das widerspricht den Fakten völlig.

Ein Klimaaktivist prangert mit einem Pappschild die unzureichende Bekämpfung gegen die Klimakatastrophe an.
Weltweit mahnen Menschen – vergeblich? Mit Lobbyismus und Propaganda sorgt die Fossilbranche dafür, dass ihre Geschäfte weiterhin florieren. Der technische Fortschritt – grüner Strom, Speicher, Elektromobilität, Wärmepumpen – gibt Forscher Christian Stöcker die Hoffnung, dass die Klimakrise doch noch überwunden werden kann. Foto: Stefan Boness/picture alliance/Ipon

ARTE Magazin Desinformation ist nur eines der Instrumente. Inzwischen erleben wir auch direkte politische Eingriffe gegen den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Christian Stöcker Das zeigt, wie verbissen die Branche um ihr Geschäftsmodell kämpft. US-Präsident ­Donald Trump setzt als vehementer Fürsprecher der Ölkonzerne um, was die ihm im sogenannten Project 2025 ins Aufgabenheft geschrieben haben: Er wickelt die Klimaforschung ab, setzt Klimawandelleugner als Wissenschaftsfunktionäre ein und sabotiert den Ausbau der Windkraft. Das alles geschieht, obwohl die erneuerbaren Energien weltweit boomen. Ihr Preisvorteil gegenüber fossilen Brennstoffen ist so groß, dass ihr Siegeszug nicht aufzuhalten ist – auch nicht von Trump.

ARTE Magazin Was gibt Ihnen Anlass zur Hoffnung, dass wir die Klimakrise doch noch überwinden können?

Christian Stöcker Der technische Fortschritt. Wir haben alles, was wir brauchen, um das Klima zu retten: grünen Strom, Speicher, Elektromobilität, Wärmepumpen. Noch aber sind wir Zeugen des erbitterten Todeskampfs der mächtigsten Industrie in der Geschichte der Menschheit: der Fossil­branche. Dieser Kampf wird noch viele Opfer fordern – wegen immer ver­heerenderen Unwetter­katastrophen und weil Teile des Planeten unbewohnbar ­werden.

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