Es ist wohl einer der berühmtesten Sätze der Filmgeschichte: „Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann“ – gesprochen von Mafiaboss Don Vito Corleone (Marlon Brando) in Francis Ford Coppolas Romanverfilmung von „Der Pate“ (1972). Das Zitat steht sinnbildlich für die Macht und Skrupellosigkeit der italienischen Mafia: Ein vermeintlich faires Geschäft wird durch massive, oft tödliche Drohungen untermalt, die dem Gegenüber keine Wahl lassen. Kaum ein Werk hat die Vorstellung vom organisierten Verbrechen so geprägt wie das „Pate“-Epos des italienischen Autors Mario Puzo samt seiner Verfilmungen – es machte die Mafia zum Mythos. Sah man italienische Banden lange völlig zu Recht nur als gefährliche, gewaltbereite Verbrecherclans, nahm die Öffentlichkeit die Machenschaften der Mafia ab den 1970ern mehr und mehr romantisch verklärt wahr – als eine Art Untergrund-Subkultur.
In den Fokus rückten damals vor allem drei Verbrecherorganisationen: die sizilianische Cosa Nostra, die einst als Reaktion auf die Ausbeutung von Bauern durch Großgrundbesitzer entstanden war, sowie die Camorra, die sich in den Armenvierteln und Gefängnissen Neapels zusammenschloss, und die kalabrische ’Ndrangheta. Die Bosse dieser Familienclans erschienen als unnahbare Patriarchen, die allein ihrem eigenen Ehrenkodex folgten, Stichwort: Omertà. Das Image der glamourösen Ehrenmänner verschleierte das reale Alltagsgeschäft, das vor allem geprägt war von Drogenhandel, Prostitution und Entführungen. Gangster wie Francis „Engelsgesicht“ Turatello, Angelo Epaminonda oder Renato Vallanzasca, bekannt als „der schöne René“, deren Einfluss ARTE in der Dokureihe „Mailands kriminelle Vergangenheit“ zeigt, wurden nicht primär als kaltblütige Kriminelle betrachtet, sondern als schillernde, mächtige Persönlichkeiten. Sie gaben sich als Wohltäter, pflegten Kontakte zur High Society, veranstalteten Partys in Mailänder Nobelclubs.
Ihren legendären Ruf zementierten sie mit provokanten Aktionen: So gab Vallanzasca etwa während seiner Flucht von einem Gefangenentransport im Sommer 1987 dem Mailänder Sender Radio Popolare ein Interview, um die Behörden zu verspotten. Es gelang ihm insgesamt vier Mal, aus Gefängnissen auszubrechen; einmal kletterte er dafür durch das Bullauge einer Fähre im Hafen von Genua und mischte sich unerkannt unter die abreisenden Passagiere. Der am Stadtrand von Mailand aufgewachsene Epaminonda hingegen machte sich mit Drogendeals einen Namen; seine Gang war die wohl brutalste der Region und brachte in wenigen Jahren 60 Personen um. Besonders spektakulär: eine Schießerei im Restaurant „La Strega“ im Süden Mailands 1979. Den früheren italienischen Premierminister Bettino Craxi bestach er für ein geplantes Casino, indem er seiner Tochter ein Löwenbaby schenkte, wie die ARTE-Reihe zeigt. Epaminonda gestand später 17 Morde und verriet die in kriminelle Machenschaften verwickelten Politiker. Die hatten ihren Teil zum verklärten Mythos beigetragen: Als die Staatsanwaltschaft in Mailand in den 1980ern offenlegte, dass ihre Stadt zum finanziellen Hauptumschlagplatz der Kokain-Kartelle und Geldwäsche geworden war, reagierten viele Politiker beschwichtigend. Die Verstrickungen der Mafia in die legale Wirtschaft wurden lange Zeit als Diffamierung der florierenden Wirtschaftsmetropole abgetan. Epaminondas Aussagen führten zu einem Mammutprozess mit 122 Angeklagten, der schließlich das blutige Kapitel Mailands beendete. Zum Vergleich: In Italien ist die Anzahl vorsätzlicher Tötungsdelikte laut Statistikinstitut Istat seit 1991 um 83 Prozent zurückgegangen. In einem Anfang der 2020er abgehörten Telefonat sagte der dem Camorra-Clan Senese angehörende Angeklagte Giancarlo Vestiti: „Hast du bemerkt, wie sich alles verändert hat, ohne dass geschossen wurde?“
Die Mafia operiert heute im Schatten
Nun haben italienische Mafia-Organisationen ihren Helden-Status längst verloren. Gerade weil sie heute primär im Verborgenen als hochmoderne, internationale Unternehmen operieren, weitgehend ohne offene Gewaltexzesse, agieren sie offenbar erfolgreicher denn je: Allein in Italien erwirtschaftet die Mafia nach Berechnungen im Auftrag des Verbands Chartered Global Investment Analyst auf Grundlage der italienischen Notenbank pro Jahr einen Umsatz von 40 Milliarden Euro, was etwa zwei Prozent des italienischen Bruttoinlandsprodukts entspricht. Zu den wichtigsten Einnahmequellen gehören weiterhin Drogenhandel, Prostitution, Schutzgelderpressung, aber verstärkt auch Bau- und Immobiliengeschäfte. Der Studie zufolge sind etwa 150.000 italienische Unternehmen mit dem organisierten Verbrechen verstrickt. Die illegalen Einnahmen werden über diverse legale Unternehmensstrukturen gewaschen – etwa in der Gastronomie, über Reinigungsfirmen oder Parkplatzangebote. Klare Nummer eins der italienischen Kartelle ist laut Bundeskriminalamt heute die ’Ndrangheta aus Kalabrien – allein ihr weltweiter Umsatz wird auf mehr als 50 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Das Geschäft mit Kokain in Europa ist weitestgehend in ihrer Hand, auch in Deutschland. „Kriminelle Organisationen sind jetzt ein Untergrundaspekt der Wirtschaftsmaschinerie“, sagt die Regisseurin der ARTE-Produktion, Chiara Battistini, dem Magazin Vice. „Sie schießen nicht mehr und sind unsichtbar, was aber nicht heißt, dass sie nicht mehr da sind.“






