Mit kühnem Pinselstrich

Zum 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker widmet ARTE einer der bedeutendsten deutschen Malerinnen des frühen Expressionismus ein Porträt.

Die Künstlerin Paula Modersohn-Becker (M.) auf der Veranda ihres Wohnhauses in Bremen
Paula Modersohn-Becker (M.) auf der Veranda ihres Wohnhauses in Bremen. Foto: picture alliance/dpa/Ingo Wagner

Sie steht halb nackt vorm Spiegel, nur mit einer Bernsteinkette und einem Unterrock bekleidet. Mit wohlwollendem Lächeln betrachtet sie ihre Brüste und umgreift liebevoll ihren gewölbten Bauch, als sei sie schwanger. Ihr „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ vom 25. Mai 1906 ist als erster weiblicher Blick auf den eigenen Körper in die moderne Kunstgeschichte eingegangen. Ein Tabubruch in mehrfachem Sinne. Wollte man die Malerin Paula Modersohn-­Becker, ihren Mut, ihr Talent und ihre Persönlichkeit mit all ihren Widersprüchen und ihrer Tragik mit nur einem Bild auf den Punkt bringen wollen, dann mit diesem.

Paula Modersohn-Becker. Keine Kompromisse

Porträt

Sonntag, 8.2.
— 16.45 Uhr
bis 9.3. auf arte.tv   

Weder war sie zu dem Zeitpunkt schwanger noch feierte sie ihren Hochzeitstag. Sie war 30 Jahre alt, hatte ihren Mann Otto Modersohn verlassen und sich bei einem Aufenthalt allein in Paris mit kühnem Pinselstrich als Künstlerin neu erfunden, unterstützt von den regelmäßigen Geldüberweisungen ihres ihr weiterhin wohlgesonnenen Ehemannes. Ihre Werke sind ein Akt der Selbstermächtigung und der weiblichen Schöpfung, die über die biologische Mutterschaft hinausgeht. Signiert hat sie dieses Bild nur mit „P. B.“, Paula Becker, ihrem Mädchennamen.

Selbstporträt von Modersohn-Becker aus dem Jahr 1906.
Selbstporträt von Modersohn-Becker aus dem Jahr 1906. Foto: Sepia Times/Universal Images Group/Getty Images

Den flehenden Briefen Otto Modersohns, zu ihm zurück nach Worpswede zu kommen, antwortete sie zur selben Zeit: „Bitte halte Deine Hände noch eine Weile über mir und verurteile mich nicht. Ich möchte jetzt auch gar kein Kind von Dir haben.“ Im Oktober dann die Rolle rückwärts: Sie bittet ihren Mann, doch zu ihr nach Paris zu kommen. Ihrer besten Freundin, der Bildhauerin Clara Westhoff, Gattin des Poeten Rainer Maria Rilke, gesteht sie in einem Brief: „Ich habe diesen Sommer gemerkt, daß ich nicht die Frau bin alleine zu stehen … Ob ich schneidig handle, darüber kann uns erst die Zukunft aufklären. Die Hauptsache ist: Stille für die Arbeit und die habe ich auf die Dauer an der Seite Otto Modersohns am meisten.“ Das Paar findet wieder zusammen, sie wird schwanger und stirbt eineinhalb Jahre später in Worpswede, im November 1907, kurz nach der schweren Geburt ihrer Tochter Mathilde. Große Kunst und große Liebe, sie wollte beides – und überlebte es nicht.

Gelbes Haus mit Gartenzaun.
In diesem Haus im niedersächsischen Worpswede wohnte die Künstlerin. Foto: picture alliance/dpa/Focke Strangmann

Paula Becker, am 8. Februar 1876 in eine gutbürgerliche und liberale Dresdner Familie hineingeboren, wurden Bildung und Selbstbewusstsein in die Wiege gelegt. Boris von Brauchitschs neue Biografie „Paula Modersohn-Becker“ (Insel Verlag) betont die Entschlossenheit, die sie schon als Jugendliche prägte. Mit 16 notierte sie: „Alle unterwarfen sich mir […]. Ich fand es auch in der Schule selbstverständlich, daß mein Wort das durchschlagende war.“ Ihr Weg führte sie zunächst an eine Londoner Kunstschule. Den Eltern zuliebe schloss sie in Bremen ein Lehrerinnenseminar ab, setzte jedoch parallel ihre Malerei fort. So kam sie im Sommer 1897 zum ersten Mal in die Worpsweder Künstlerkolonie – ein Erlebnis, das sie ebenso prägte wie die Arbeiten Otto Modersohns. Sie studierte weiter im Verein der Berliner Künstlerinnen, einer der nur drei Institutionen in Deutschland, die seinerzeit Frauen überhaupt eine professionelle Kunstausbildung anboten.

Paula Modersohn-Beckers Werk „Barmherziger Samariter“
Paula Modersohn-Beckers Werk „Barmherziger Samariter“ aus dem Jahr 1907 entstand mit Öl auf Papier. Foto: picture alliance/akg-images

Dennoch haderte sie mit ihrem kompromisslosen künstlerischen Anspruch und inneren Konflikten. Brauchitsch bedient jedoch nicht nur den Mythos eines „tragischen, weiblichen Genies“, sondern beschreibt eine komplexe Persönlichkeit mit einem ebenso widersprüchlichen wie reflektierten Verhältnis zu ihrer Epoche und ihrer Rolle als Frau und Malerin, was sie heute noch zur Inspirationsfigur und zum Vorbild für viele zeitgenössische Künstlerinnen macht.

Männliche Aneignung

Denn in der Moderne – auch der modernen Kunstgeschichtsschreibung, so modern sie sich selbst stets empfand – wurden Frauen noch fast ein ganzes Jahrhundert lang kaum ernst genommen. Am Bauhaus durften sie höchstens mit Textil, Keramik und vielleicht noch mit Möbeln arbeiten, ihrem vermeintlich angestammten Universum, aber bitte bloß keine Architektur! Legendär die Anekdote, wie der französisch-schweizer Maler und Designer Le Corbusier nackt in einem Akt männlicher Aneignung 1938 die Wände der Villa E-1027 von Eileen Gray in Roquebrune-Cap-Martin an der Côte d’Azur übermalte, um ihren Beitrag zur Architekturgeschichte mit seiner Signatur zu überschreiben. Oder noch später Jackson Pollock, der in den späten 1940er Jahren mit der Tropftechnik der ukrainischen Malerin und Autodidaktin Janet Sobel berühmt wurde, die er in der Galerie von Peggy Guggenheim entdeckt, aber zusammen mit dem Kunstkritiker Clement Greenberg als primitive Hausfrauenkunst verächtlich gemacht hatte. Paula Modersohn-Becker, die erste deutsche moderne Malerin, lächelt auf ihrem Selbstbildnis auch in die Zukunft.

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