»Wie verletzlich Familie ist«

Die Reemtsma-Entführung war einer der spektakulärsten Kriminalfälle in der Geschichte der BRD. Doch wie ging es den Angehörigen dabei? Ein Film sucht nach Antworten.

Familie Reemtsma Entführung
Foto: Julian Krubasik/NDR

Am 25. März 1996 wurde der Hamburger Mäzen, Philologe und Multimillionär Jan ­Philipp ­Reemtsma auf seinem Grundstück in Hamburg-Blankenese gekidnappt. Die Entführer forderten 20 Millionen D-Mark Lösegeld, nach diversen fehlgeschlagenen Übergabeversuchen und Polizeipannen erhöhten sie auf 30 Millionen. Nach 33 Tagen kam ­Reemtsma frei, es folgte ein enormes Medienecho. Er verarbeitete seine Erfahrungen in dem Buch „Im Keller“, sein Sohn ­Johann ­Scheerer verschriftlichte seine Perspektive 22 Jahre später im Roman „Wir sind dann wohl die Angehörigen“. Für die gleichnamige Verfilmung, die 2022 ins Kino kam, ließ ­Scheerer dem Regisseur Hans-­Christian Schmid alle Freiheiten.

ARTE Magazin Herr Schmid, was hat Sie daran gereizt, einen Film über die Reemtsma-Entführung zu machen? 

Hans-Christian Schmid Mich hat die Familiengeschichte, die da drinsteckt, interessiert. Auf einmal ist der Vater weg, und seine Frau und sein Sohn wissen nicht, ob sie ihn jemals wiedersehen werden. Um den Kriminalfall an sich ging es uns eher weniger; unser Vorsatz war sogar, möglichst wenige Krimi-Elemente einzubauen. Das Wort „Ermittlung“ zum Beispiel fällt nicht ein einziges Mal.

ARTE Magazin Sie haben einmal gesagt, Sie bräuchten immer einen persönlichen Bezug, damit Sie ein Stoff interessiert. Welchen gab es hier?

Hans-Christian Schmid Den gab es nur ansatzweise, dennoch konnte ich emotional an die Ausnahmesituation anknüpfen. An die Erfahrung, selbst Vater zu sein und zu spüren, wie verletzlich eine Familie ist. Ein Elternteil ist entfernt, wie bewahrt man trotzdem den Zusammenhalt?

ARTE Magazin Sie stützen sich auf die Buchvorlage von Jan Philipp Reemtsmas Sohn Johann Scheerer, der bei der Entführung 13 Jahre alt war. Wie lief die Zusammenarbeit?

Hans-Christian Schmid Johann hat sein Buch geschrieben, um sich die Deutungshoheit über die Geschichte zurückzuholen. Er hat oft betont, dass nicht nur sein Vater Opfer der Entführung war, sondern die gesamte Familie. Als er gemerkt hat, dass uns eine sensible Erzählweise wichtig war, hat er uns vertraut. Ohne seinen Rückhalt hätten sich für uns viele Türen nicht geöffnet; so konnten wir vorab mit allen Beteiligten Gespräche führen: seiner Mutter, dem Anwalt und den sogenannten Angehörigenbetreuern von der Polizei, die damals bei ihnen eingezogen waren.

ARTE Magazin Das Kino wird dafür gefeiert, dass es „­larger than life“ ist. Ihre Filme sind eher minimalistisch. Warum?

Hans-Christian SchmidFür mich funktionieren spektakuläre Effekte oder eine dominante Kamera oft nicht so gut, wenn ich die Absicht dahinter erkenne. Bei diesem Film war es sogar noch spezieller, denn die Handlung spielt sich größtenteils an einem Esstisch ab. Deshalb haben wir beschlossen, nichts aufzublasen, sondern uns auf die Schauspielerinnen und Schauspieler zu fokussieren. Deren Gesichter und die Emotionen, die sich darin spiegeln, sind unser größtes Kapital.

ARTE Magazin Sie verzichten auch komplett auf innere Monologe oder Rückblenden. Warum?

Hans-Christian Schmid Im Buch gibt es großartige Szenen, etwa wie der intellektuelle Vater sogar beim Schlangestehen am Skilift ein Reclam-Heft aus dem Overall zieht. Dennoch war uns schnell klar, dass wir solche Charakterisierungen per Rückblende nicht im Film haben wollen. Anders als Literatur erzählt Film am besten nach vorne. Es gab aber noch mehr Herausforderungen: Uns wurde bewusst, dass unsere Hauptfigur, der 13-jährige Sohn ­Johann, wegen seines jungen Alters in viele Entscheidungsmomente gar nicht eingebunden war. Deshalb haben wir ­Johanns Mutter mehr ins Zentrum gerückt.

ARTE Magazin Ann Kathrin Scheerer ist es zu verdanken, dass die Übergabe des Lösegelds nach mehreren Fehl­versuchen und Pannen endlich klappte.

Hans-Christian Schmid Es ist interessant, dass Ann ­Kathrin ­Scheerer umgeben von Männern war, die so agierten, als wüssten sie genau, was zu tun ist. Ihr Anwalt ­Johann Schwenn etwa, der in meinen Augen eine tragische Figur ist, weil er in den entscheidenden Momenten überfordert war, hatte im Nachhinein immerhin eine realistische Selbsteinschätzung. Er sagte, dass bei diesem Fall für niemanden eine Heldengeschichte drin war – außer für Ann Kathrin Scheerer.

ARTE Magazin Hatten Jan Philipp Reemtsma und Ann Kathrin Scheerer in Ihren Augen eine funktionierende Familie?

Hans-Christian Schmid Absolut. Die Familienmitglieder stützen sich. Dabei gibt es eine gewisse Selbstbeherrschung und -kontrolle. Es wird versucht, sich nicht vor anderen gehen zu lassen. Da sind sie wohl hanseatisch-protestantisch geprägt.

ARTE Magazin Obwohl das Thema sehr ernst ist, ist der Film an einigen Stellen durchaus lustig. Eine Gratwanderung? 

Hans-Christian Schmid Wir haben den Humor fein dosiert. Es ist wichtig, das Publikum ab und zu durchatmen zu lassen. Wir haben nichts hinzuerfunden. Es wurde ­Harald Schmidt geguckt und es gab gelöste Momente. Anders wäre die Anspannung wohl auch nicht zu ertragen gewesen.

ARTE Magazin Haben Sie eigentlich ausgerechnet, wie viel 30 Millionen D-Mark in bar wiegen? 

Hans-Christian Schmid Etwa 30 Kilo – wir haben das mit Papierbündeln sogar nachgebaut, weil wir Sorge hatten, dass die Tasche zu schwer sein könnte, um sie bei der Übergabe-­Szene über den Zaun zu werfen. Ein Alptraum!

Zur Person
Hans-Christian Schmid, Regisseur

Mit Werken wie „23“ (1998) und „Requiem“ (2006) räumte der 1965 geborene Filmemacher zahlreiche Preise ab. Auch als Produzent
ist er erfolgreich.

Wir sind dann wohl die Angehörigen

Drama

Freitag, 12.4. — 20.15 Uhr
bis 11.5. in der Mediathek