Hautnahe Begegnung

Im Politthriller „Stars at Noon“ von ­Claire ­Denis kämpft US-Schauspielerin Margaret ­Qualley als Journalistin in Nicaragua mit den Wirren eines drohenden Bürgerkriegs.

US-Schauspielerin Margaret ­Qualley
US-Journalistin Trish (Margaret ­Qualley) sitzt in Nicaragua fest: ohne Pass, ohne Geld, beobachtet von Polizei und Militär. Als sie den britischen Unternehmer Daniel (Joe ­Alwyn) kennenlernt, wittert sie eine Fluchtchance nach Costa Rica. Der Film wurde 2022 in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Foto: Iris Brosch

Ein elektrischer Plastikbaum erlischt, während die Schatten eines wolkenverhangenen Himmels über schwankende Palmen ziehen. Die erste Kameraeinstellung von „Stars at Noon“ (2022) lässt sich als Sinnbild für den Verfall Nicaraguas deuten. „Ich wollte die genauen Ausmaße der Hölle kennenlernen“, sagt die US-Journalistin Trish (Margaret ­Qualley), als sie dem britischen Geschäftsmann ­Daniel (Joe ­Alwyn) an der Bar eines internationalen Luxushotels ihren Aufenthalt erläutert. Das Problem, das beide teilen: Nicaragua befindet sich mitten in einem politischen Ausnahmezustand. Nachdem sie wegen eines kritischen Artikels bei den Behörden in Ungnade fiel, ist das Hotel für Trish die einzige Möglichkeit, an US-Währung zu kommen: Hier prostituiert sie sich für 50 Dollar und ein paar Stunden Klimaanlage mit Männern wie dem undurchsichtigen ­Daniel. Ihr Treffen mündet in einer hitzigen Affäre, und die beiden fliehen Richtung Costa Rica.

Stars at Noon

Thriller

Mittwoch, 6.5.
— 23.00 Uhr
bis 4.6. auf arte.tv   

 

Die renommierte französische Regisseurin ­Claire ­Denis („Der Fremdenlegionär“, 1999) gilt als eine der wichtigsten Vertreterinnen des modernen Autorenkinos und ist bekannt für ihren sinnlichen, körperlichen Erzählstil. Mit „Stars at Noon“ adaptiert sie den gleichnamigen Roman von ­Denis ­Johnson aus dem Jahr 1986, verlegt die Handlung aber von der Zeit der sandinistischen Revolution in Nicaragua in die Hochphase der Covid-­Pandemie. Dabei verleiht sie dem Film eine politisch undefinierte Situation, die als angespannte Ausgangslage auf die Charaktere wirkt: eine schwelende Gefahr, ohne verklärte Krisengebiets-Klischees. Vielmehr geht es um spürbare Nähe und zwischenmenschliche Begegnung – es fehlt nicht an nackter Haut, Schweiß, Zigaretten und Rum. Für einen Breitwand-Effekt filmte Kameramann ­Éric ­Gautier („Into the Wild“, 2007) mit riesigen Objektiven aus den 1970er Jahren: „Anfangs war ich skeptisch – das Ding war so groß wie eine Bazooka“, so ­Claire ­Denis in einem Interview mit ARTE. „Aber es funktionierte, man fühlte sich ihnen sofort hautnah.“

Getreu ihrem Ansatz von Sinnlichkeit zeigt ­Denis ihre Protagonistin höchst eindringlich als gestrandete Frau in einer männlich dominierten Welt. Die 1994 in Montana geborene Margaret Qualley wurde mit der Serie „The ­Leftovers“ (2014–2017) bekannt und stand schon für ­Quentin ­Tarantino als Hippie in „Once Upon a Time in ­Hollywood“ (2019) vor der Kamera. Ebenso für ­Ethan ­Coen, etwa als schlagfertige Privatdetektivin seiner Neo-Noir-Komödie „Honey Don’t!“ (2025). Spätestens seit sie im oscar­nominierten Bodyhorror-­Film „The Substance“ (2024) eine jüngere ­Demi Moore spielte, die als alternder Filmstar mit einer speziellen Substanz eine bessere Version ihrer selbst erschaffen will, ist ­Qualley einem breiten Publikum bekannt.

Filmszene aus Stars at Noon
Gestrandet: Trish (Margaret ­Qualley) und Daniel (Joe ­Alwyn) kämpfen sich gemeinsam durch die aufgeheizte politische Situation in Nicaragua. Foto: picture alliance / Collection Christophel / Curiosa Films / ARTE F

Eine Arthouse-typische Ambivalenz

Sie verkörpert prekäre Grenzgängerinnen und Randfiguren radikal verletzlich – und macht Debatten um ihren Familienhintergrund damit hinfällig. Als Tochter von US-Schauspielstar Andie MacDowell („Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, 1994) hat sich Qualley zwischen Hollywood-Erbe und Autorenkino eingerichtet: Mit ihrer Herkunft und Projekten wie Tarantinos Film bewegt sie sich zwar im Mainstream, entscheidet sich aber ebenso für riskantere, europäisch geprägte Werke. „Sie hat Rollen gespielt, die ich in ihrem Alter nicht gespielt hätte“, betonte MacDowell im Magazin Harper’s Bazaar. „Ich hatte weder den Mut noch die Freiheit.“

Indem sie den Raum bewusst durch ihre Bewegung füllt, entwickelt Qualley sich zur Gegenfigur des klassischen Hollywoodschauspiels. Ihre Ausbildung am American Ballet Theatre verleiht ihr ein Körperbewusstsein, das ihre Präsenz vor der Kamera maßgeblich prägt: In „Stars at Noon“ sind es ihr Gang, ihr Stolpern und ihr Schwitzen, die ihre politische Ausweglosigkeit besser erklären als jeder Monolog. Sowohl Qualley als auch Denis begreifen den Körper im Film als Ausdrucksmittel. „Anfangs fiel es mir schwer, Claire zu verstehen, sie geht an vieles ironisch heran, mit viel Herz“, resümiert Qualley die Zusammenarbeit. „Ich bin da anders: Ich sage direkt, was ich denke und fühle.“

Hinter ihrer fragilen Erscheinung verbirgt sich eine rohe Intensität: Qualley verkörpert eine Arthouse-typische Ambivalenz und entzieht sich moralischer Eindeutigkeit. Sie zwingt das Publikum förmlich, Unsicherheit auszuhalten. So ist auch ihre Figur Trish keine Heldin, sondern opportunistisch, betrunken und phasenweise unangenehm. Die Schauspielerin entgeht der Falle, sympathisch wirken zu wollen – vielmehr prägt sie das emotionale Klima des Films. Wie wenige andere Schauspielerinnen repräsentiert sie so den Widerspruch zwischen Selbstbehauptung und innerer Zerrissenheit. Ihre Figuren kämpfen nicht laut, aber mit fiebriger Entschlossenheit.

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