Alles Walzer, oder nicht?

Johann Strauss ordnete die Wirren der Zeit im schwankenden Dreivierteltakt. Zum 200. Geburtstag des Komponisten.

Illustration des Komponisten Johann Strauss.
Johann Strauss gilt als Wiener Walzerkönig. Bis heute hat er nur wenig von seiner Strahlkraft eingebüßt. Illustration: Sarah Matuszewski für ARTE Magazin

Die Popkultur ist in Wahrheit auch nur eine Fortsetzung der Klassik mit anderen Mitteln. Und wenn wir ehrlich sind, ist am Ende eh alles Walzer! Der österreichische Komponist und „Walzerkönig“ ­Johann Strauss genoss den Lebensstil eines Superstars: Als er 1872 gemeinsam mit seinem Orchester über den Atlantik in die USA gereist war, gab er ein Gastspiel in Boston, im gerade neu errichteten Coliseum. Ein gigantischer Holzbau, 168 Meter lang, 107 Meter breit, mit himmelblauer Decke und roter Seide an den Wänden. 8.000 Gaslampen sorgten für die Beleuchtung. 60.000 Menschen waren gekommen, um den Musiker aus Österreich zu hören, mehr als 200 Journalistinnen und ­Journalisten berichteten und 350 Polizisten sicherten die Lage und hielten die aufgeregten Groupies in Schach. Dennoch schlichen sich Hunderte Besucherinnen und Besucher heimlich in das Konzert.

Johann Strauss und die Frauen

Porträt

Sonntag, 28.12. — 17.00 Uhr
bis 27.3.26 auf arte.tv  

Das Coliseum war 30-mal so groß wie der zwei Jahre zuvor eröffnete Goldene Saal des Wiener Musikvereins, in dem Strauss’ Walzer bis heute zu Neujahr erklingen, und zehnmal so groß wie die ein Jahr später eröffnete ­Royal ­Albert Hall in London. Das Coliseum war ungefähr so einzigartig und ultramodern wie heute die mehrdimensionale LED-Arena Sphere in Las Vegas – und ­Johann Strauss war mit seiner Geige, seinem Frack, seinen dunklen Locken und seinem Koteletten-­Bart einer der weltweit angesagtesten Musiker des 19. Jahrhunderts.

Kunterbuntes Massenspektakel

An diesem Image hat sich bis heute, zu seinem 200. Geburtstag, nur wenig geändert: Die Walzer von ­Johann Strauss ordnen unsere wankende Welt noch immer mit ihrem flexiblen Gerüst aus Dreivierteltakten, Tanzveranstaltungen und Bälle sind en vogue wie schon lange nicht mehr, und Operetten wie „Die Fleder­maus“ inspirieren Regisseurinnen und Regisseure weiterhin dazu, über das Chaos unserer Welt nachzudenken. Über die Verführbarkeit des Menschen, über unseren ständigen Tanz auf dem Vulkan und darüber, ob am Ende nicht allein der Champagner schuld an unserer Misere ist: „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist!“ Das Stück „Die Fledermaus“, inspiriert von ­Jacques ­Offenbach, gilt unter Experten längst als „Mutter aller Operetten“. Dass die Strauss-Walzer ebenfalls noch immer ein kunterbuntes Massenspektakel sind, zeigt die Neuinszenierung von Strauss Operette „Cagliostro in Wien“ als Zirkusshow, die ARTE als Auftakt eines Schwerpunkts zu seinem 200. Geburtstag ausstrahlt.

Am Anfang des Jubiläumsjahres hatten die Wiener Symphoniker eine ganz besondere Idee: Sie schickten ­Johann Strauss’ wohl bekanntesten Walzer, den „Donauwalzer“, ins Weltall. Das Orchester ist offenbar überzeugt, dass ­dieses Werk 1977 auf den Goldenen Schallplatten zu Unrecht vergessen wurde, die an Bord zweier Voyager-Sonden ins All geschossen wurden. Und tatsächlich: Gibt es bessere Musik, um Außerirdischen zu erklären, dass wir Menschen eigentlich eine ganz umgängliche Spezies sind? Die Wiener Symphoniker sind im Rahmen des ARTE-Schwerpunkts mit ihrem Strauss-Konzert im Teatro Rossetti in Triest zu hören.

Illustration von einem Orchester.
Die Walzer von ­Johann Strauss ordnen unsere wankende Welt noch immer mit ihrem flexiblen Gerüst aus Dreivierteltakten. Illustration: Sarah Matuszewski für ARTE Magazin

Dass Johann Strauss überhaupt Musiker wurde, geschah gegen den Wunsch seines ebenfalls komponierenden Vaters. Der hatte seiner Familie den Rücken gekehrt und die Mutter mit dem Sohnemann – Spitzname: „Schani“ – sitzen lassen. Es war eher eine Art Racheakt der Mutter, dass sie ihrem Kind ebenfalls eine musikalische Ausbildung ermöglichte. Mit Erfolg: Schon früh bewies Strauss Junior im Casino Dommayer, einem Unterhaltungslokal in Wien-Hietzing, dass er den musikalischen Nerv seiner Zeit traf. Schnell überholte er die Popularität seines Vaters und übernahm nach dem Tod des Seniors auch dessen Orchester. Strauss Junior verwandelte die Walzermusik nun zum Geschäftsmodell und wurde zum Vorbild aller kommerziellen Musiker – von ­Michael ­Jackson über Madonna bis zu Taylor Swift.

Frontmann einer neuen Musikkultur

Strauss betrieb die Musik als globales Unterhaltungsgeschäft, organisierte Tourneen, große Open-Air-Konzerte und entwickelte eine professionelle Vermarktung. Er reiste mit der Russischen Eisenbahngesellschaft auf regelmäßige Gastspiele nach St. Petersburg und begeisterte die USA in Giga-Veranstaltungen wie in Boston. Er revolutionierte den Notendruck und expandierte seine Orchester bis zum Maximum. Strauss war ein Weltbürger der Musik, ein globales Massenphänomen und der charismatische Frontmann einer vollkommen neuen Musikkultur. Modern und damals unzeitgemäß war auch der Lebenswandel des Klassik-Pop-Stars: ­Johann Strauss war drei Mal verheiratet. Zunächst mit der Sängerin ­Jetty Treffz und dann mit der Schauspielerin ­Angelika ­Dittrich. Für seine dritte Frau, ­Adele Deutsch, fand er eine unkonventionelle Möglichkeit, sich – trotz der katholischen Gesetze in Österreich – einvernehmlich scheiden zu lassen.

Johann Strauss, der Walzerkönig, war zu Lebzeiten ein gefeierter, internationaler Popstar. Foto: Eye Ubiquitous/Getty Images

Strauss trat nicht nur aus der katholischen Kirche aus, sondern wechselte auch seine Staatsbürgerschaft. Aus dem verheirateten Österreicher wurde so ein geschiedener ­Bürger von Sachsen-Coburg. Gemeinsam mit seiner dritten Frau trat ­Johann Strauss der evangelisch-lutherischen Kirche bei. ARTE zeigt zu diesem Thema die Dokumentation „Johann Strauss und die Frauen“.

Also alles Walzer? Nicht nur! Strauss tanzte mitten in den Wirren seiner Zeit. Der Wiener Kongress hatte Österreich bereits gelehrt, dass Musik durchaus auch hohe Diplomatie sein kann. Dieses Wissen hatten sowohl Strauss selbst als auch sein Vater verinnerlicht. Während der alte Strauss 1848 den „Radetzky-Marsch“ komponierte, um den Sieg des 82-jährigen Feldmarschalls ­Josef Graf ­Radetzky über die Italiener zu feiern, widmete sein Sohn seine Musik der Demokratie­bewegung und verwandelte den Dreivierteltakt in einen Revolutionsmarsch, was die Aufmerksamkeit der Zensurbehörden auf sich zog.

Sprechblase.
Illustration: ARTE Magazin

Vor allen Dingen aber zeigte ­Johann Strauss, dass die Unterhaltungskultur, die er erfand, nicht nur an der Oberfläche stattfinden muss. Das eigentliche Genie des Komponisten liegt darin, dass er populäre Trends bediente, ohne die Kunst dabei zu verflachen. Es ist nicht überraschend, dass viele Komponisten-Kollegen in Strauss weit mehr sahen als den bloßen „Walzerkönig“. ­Johannes Brahms schwärmte: „Er ist der Einzige, den ich beneide – er trieft vor Musik, ihm fällt immer etwas ein.“ ­Giuseppe Verdi verehrte Strauss als „genialsten Kollegen“, und selbst ­Richard ­Wagner nannte ihn den „musikalischsten Schädel der Gegenwart“.

Sprechblase
Illustration: ARTE Magazin

Bis heute feiern Flugzeuge der Austrian Airline ihre Landungen mit seiner Musik, der Donauwalzer läutet traditionell das neue Jahr ein, und Künstler wie ­André ­Rieu touren mit seiner Musik noch immer als Klassik-Popstar durch die Welt.

Und was ist das Geheimnis seiner Klänge? Strauss’ Musik ist beschwingt melodisch, rhythmisch raffiniert und vielfältig und überraschend in ihren Klangfarben. Sie beginnt zu schweben, wenn man die zweite Achtel im Dreiviertel­takt leicht verzögert. ­Johann Strauss ist nie eindimensional. Seine Werke sehnen sich, lächeln, tanzen und weinen – und wenn man genau hinhört, zwinkert der Komponist uns auch 200 Jahre nach seiner Geburt ironisch zu und bittet uns, mit ihm auf den Boden eines Champagnerglases zu blicken, um die Welt nicht ganz so schwer zu nehmen.

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