Tanz mit der Kamera

TALENT Maria Dragus glänzt auf ARTE im Drama „Licht“. Über eine Spielwütige, die mit dem Körper spricht und für Dialog plädiert.

Foto: Christian Schulz

Wer nicht sehen kann, wird nicht gesehen. Und wer nicht gesehen wird, wird nicht gehört. Der lebt nicht.“ Mit diesen Worten beschreibt die 18-jährige ­Maria ­Theresia ­Paradis, genannt „Resi“, ihr Schicksal als blindes Klavierwunderkind im Wien von 1777. Resi ist die Protagonistin im Drama „Licht“ (2017) von ­Barbara ­Albert, das auf der Biografie der bedeutenden Pianistin und Komponistin ­Maria ­Theresia ­Paradis (1759–1824) beruht.
Verkörpert wird sie von einer Schauspielerin, die seit vielen Jahren in der europäischen Filmbranche nicht nur sehr aufmerksam gesehen und gehört, sondern auch gefeiert wird: ­Maria ­Dragus, European Shooting Star bei der Berlinale 2014. Die 25-Jährige hat sich mithilfe eines Blindenverbands und zweier sehbehinderter Frauen so empathisch und akribisch auf ihre Rolle vorbereitet, dass für den Zuschauer klar zu sein scheint: Die junge Pianistin, deren schielende Augen unter den zuckenden, halb geöffneten Lidern in alle Richtungen hin und her rollen, muss tatsächlich blind sein. Spricht man mit ­Dragus, hört man das heraus, was auch vor der Kamera ihr Markenzeichen ist: diszipliniert und dabei unbeschwert zu wirken. Wer das Spiel in opulenten Rokoko-­Kleidern und unter einer Haarpracht, die wie ein Zementturm anmutet, für eine Strapaze hält, der irrt. Die Kostüme seien für die Rolle hilfreich gewesen, die Zwei-Kilo-Perücke zwar „krass schwer“, doch perfekt für die Glaubwürdigkeit ihrer Bewegungen, sagt sie im Gespräch mit dem ARTE Magazin. Authentisch klingt aus dem Mund der gebürtigen Dresdenerin auch die manierierte Sprache der feinen Wiener Gesellschaft. Wie schafft sie das? „Ich habe als Tochter eines Cellisten und einer Tänzerin früh ein musikalisches Ohr entwickelt. Für mich ist es nur Geräuschimitation.“
Dragus ist ein Theaterkind. Sie wird vor, auf und hinter der Bühne groß. Bei Auftritten und Proben der Eltern sind sie und ihre Geschwister immer dabei. Mit sechs tritt sie als Kinderstatistin und Solistin in Opern auf. Später lernt sie an der ­Palucca Hochschule für Tanz in Dresden ihr wichtigstes Rüstzeug: mit dem Körper zu sprechen. „Tanz ist der Stall, aus dem ich komme. Er ist mein Ausdrucksmittel“, erklärt sie. So ist jedes Spiel vor der Kamera auch ein Tanz mit ihr. Ihr Spiel wirkt oft ruhig. Dann hebt sie eine Augenbraue an, verzieht den Mundwinkel und schon wird aus einer verzweifelten oder demütigen Frau eine tobende.

Licht

Historiendrama
Mittwoch, 29.4. • 20.15 Uhr
bis 5.5. in der Mediathek.

Foto: Natacha Lamblin, Christian Schulz

„Ich fühle mich als Europäerin“
Ihren Durchbruch als Schauspielerin feiert die zu dem Zeitpunkt 15-Jährige im Jahr 2009 in ­Michael ­Hanekes „Das weiße Band“. Sie spricht beim Casting als allererstes Kind vor – mit der Nummer A1. Nach ihr kommen weitere 7.000 Kinder. ­Maria ­Dragus bekommt die Rolle. Immer wieder sagt ­Haneke ihr, wie lange sie wohin schauen und wie sie sich bewegen soll. Für die Darstellerin, die direkt vom Ballettsaal kommt, eine stark körperliche und somit zugängliche Arbeitsweise. „Herr ­Haneke hat durchschnittlich zwischen 35 und 60 Takes gemacht. Das war erfüllend und hat in mir eine regelrechte Spielwut ausgelöst.“ Für ihre Darstellung der Pfarrerstochter ­Klara erhält sie den Deutschen Filmpreis als beste Nebendarstellerin, der Film gewinnt die Goldene Palme.
Es ist der Beginn einer steilen Karriere. Sie spielt in ­Emily ­Atefs „Töte mich“ (2012), in „Bacalaureat“ (2016) des rumänischen Filmemachers ­Cristian ­Mungiu und Jan-­Ole ­Gersters „Lara“ (2019). Besonders die intensive Zusammenarbeit mit ­Mungiu berührt sie. Die Hauptrolle in „Bacalaureat“ schreibt er eigens für sie. Endlich kann die Tochter eines Rumänen in ihrer zweiten Muttersprache spielen – und ihre rumänische Familie ihre Arbeit verstehen. Wie wichtig dieser Teil ihrer Identität ist, hört man heraus, wenn sie in Erinnerungen an die Heimat ihres Vaters schwelgt, von ihrer Oma spricht und von der Herzlichkeit der Menschen schwärmt.
Ländergrenzen sind ­Dragus fremd. „Ich fühle mich als Europäerin.“ Der zunehmende Rechtsextremismus beschäftigt sie sehr. „Für mich ist das keine Einstellung, sondern eine Krankheit.“ Dennoch glaubt sie an den Dialog. Man müsse die „Infizierten“ zurückholen. Auch vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen wagt sie sich zurzeit an eine Rolle, von der sie bisher fürchtete, sie würde ihr zu nah gehen: In der Serie „Wild Republic“ spielt sie eine Extremistin, die der Gesellschaft den Rücken kehrt. Die Dreharbeiten dauern bis Juli. Und dann? Ihr Appartement in Berlin hat sie kürzlich aufgelöst. Das neue Ziel? Paris. Frankreich ist ein Land, dessen Kultur sie liebt und Sprache sie akzentfrei spricht. Wohl auch nur Geräuschimitation? In jedem Fall möchte sie dort neue Impulse suchen. Mehr verrät sie nicht. Sicher ist: Man wird ­Maria ­Dragus bald wieder sehen und hören.