Sie sind rekordverdächtige Leistungssportler, evolutionäre Ausnahmetalente – und stark gefährdet: Aale. Schon seit mehr als 15 Jahren steht der Europäische Aal, eine von drei nördlichen Arten, als „vom Aussterben bedroht“ auf der internationalen Roten Liste. Anders als Sympathieträger wie Panda oder Nashorn findet der glitschige, schlangenförmige Fisch nur schwer eine Beschützerlobby außerhalb von Expertenzirkeln. Nicht wenige Menschen denken eher mit Schaudern an Aspik-Kost oder Günter Grass’ Roman „Die Blechtrommel“, in dem sich Aale aus einem Pferdekopf-Köder winden – ein problematisches Image, das den Tieren nicht gerecht wird.
Allein ihr Lebenszyklus mit mehreren Metamorphosen und Zehntausenden Kilometern Wegstrecken durch Flüsse und Ozeane ist so faszinierend wie geheimnisvoll. Aale verändern Form und Farbe, leben in Salz- wie Süßwasser – und pflanzen sich nur ein einziges Mal fort.
Der Europäische Aal laicht in der Sargassosee, einem Meeresgebiet vor der Küste Floridas. Aus den Eiern schlüpfen millimeterkleine sogenannte Weidenblatt-Larven, die mit dem Golfstrom den Atlantik überqueren. Kurz bevor sie nach bis zu drei Jahren Europa erreichen, werden aus ihnen durchscheinende Glasaale. Die Winzlinge wachsen in Küsten- oder Binnengewässern zu teils kiloschweren Aalen heran, deren finale Entwicklungsstufe sie über 5.000 und mehr Kilometer wieder zurück ins Laichgebiet führt – die letzte Reise. Etliche Etappen sind bis heute vom Menschen unbeobachtet.
Während es in alten Schilderungen heißt, Bauern in norddeutschen Marschen hätten ob der Masse der Fische ihre Felder mit Aalen gedüngt, ging die Population seit den 1980er Jahren um 90 Prozent zurück. Die EU erließ eigens eine Aal-Verordnung. „Seit 2011 schwankt der Bestand auf niedrigem Niveau, der Rückgang ist gestoppt“, sagt Florian Stein vom Deutschen Angelfischerverband, der ein Bündel an Ursachen für den Schwund ausmacht: Verlust von Lebensraum, Hindernisse an Wanderwegen, Parasiten und nicht zuletzt Überfischung. Zählungen in Binnengewässern seien wenig aussagekräftig, so Stein, gemessen werde die Menge der an den europäischen Küsten ankommenden Glasaale. Für 2015 gaben Wissenschaftler, die auch der Aal-Arbeitsgruppe des Internationalen Rates für Meeresforschung angehörten, konkrete Zahlen an: 440 Tonnen, was 1,3 Milliarden Glasaalen entspricht.
Legal dürfen beispielsweise in Frankreich pro Saison 60 Tonnen der Baby-Fische kommerziell gefischt werden. Die Nachfrage ziele jeweils etwa zur Hälfte auf Besatz und die Aufzucht in Aquakultur, erläutert Aal-Spezialist Stein. Besatz heißt: Die Glasaale gehen zur Stabilisierung des Bestands in hiesige Gewässer. Gezüchtet wird für den Teller, als Speisefisch. Die Ausfuhr aus der EU ist verboten.
Global betrachtet spielt das Geschäft in Asien. Wichtigster Markt ist Japan, wo Aal als kostbare Delikatesse gilt. Die Aufzucht, eine reine Mast, geschieht ganz überwiegend in China. Die riesigen Anlagen brauchen Glasaal-Nachschub aus Wildfang, da eine Vermehrung in Gefangenschaft wegen des komplexen Lebenszyklus bis heute nicht möglich ist. Der Schmuggel blüht, es geht um enorme Gewinnmargen. Aus einigen Hundert Euro pro Kilo für die Glasaal-Fischer werden umgerechnet 30.000 Euro beim Verkäufer ausgewachsener Aale. In Europa läuft seit 2015 die Europol-Operation „Lake“ mit Millionen beschlagnahmter Aale und Hunderten Festnahmen. Ermittler schätzen, dass weltweit jährlich Aalprodukte im Gesamtwert von drei Milliarden Euro illegal exportiert werden.
Drogen und Aale
Die Bestände des Japanischen Aals aus dem Pazifik brachen als erste bereits in den 1970er Jahren ein. Nach dem Rückgang beim Europäischen folgte zuletzt der Amerikanische Aal, der ebenfalls in der atlantischen Sargassosee laicht und in Küstengebieten von Kanada bis Südamerika beheimatet ist. Gerade in der Karibik, etwa in der Dominikanischen Republik, hat die Glasaal-Fischerei in den vergangenen Jahren immense Bedeutung gewonnen. Das zeigt der Dokumentarfilm „Milliarden Dollar Babies – Große Gewinne mit kleinen Aalen“, den ARTE im März sendet. Der Fotojournalist Marvin del Cid recherchiert in dem von rivalisierenden Gruppen mitunter brutal betriebenen Geschäft. Es habe schon Morde gegeben, sagt er: „Drogen und Aale sind Cousins“, die Organisationen dahinter oft dieselben. Nur: „Bei Aalen ist es legal“, gefährlich mache es „das viele Geld“.
Tatsächlich unterliegen Japanischer und Amerikanischer Aal – anders als der Europäische – nicht den strengen Auflagen des Washingtoner Artenschutzübereinkommens. Ein Schutzantrag der EU für alle Aalarten scheiterte im vergangenen November – auch am Widerstand Japans. Dort wird seit Jahrzehnten an der Nachzucht von Aalen in Gefangenschaft geforscht. Noch sind die Erfolge unter Laborbedingungen weit von einer kommerziellen Nutzung entfernt. Fest steht: Es lockt ein gewaltiger Markt.






