»Ein Irrsinn wie im Mittelalter«

Judenfeindlichkeit hat eine lange Tradition. Die Berliner Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel kämpft gegen uralte Stereotype im Internet – und an Universitäten.

Die beschädigte Tür des antisemitischen Anschlags auf die Synagoge von Halle im Jahr 2019.
Die beschädigte Tür erinnert an den antisemitischen Anschlag auf die Synagoge von Halle im Jahr 2019. Foto: picture alliance/Georg Hochmuth/Apa/picturedesk

Die Geschichte der Judenfeindlichkeit ist zwei Jahrtausende alt. Was mit der Ächtung einer Religion durch christliche Kirchenväter begann, zieht sich seither durch alle Epochen der abendländischen Kultur, bis zum israelbezogenen Antisemitismus unserer Tage – tief verankert im kollektiven Bewusstsein. Der unerschütterliche Glaube an das Böse im Judentum sei einzigartig, sagt die Berliner Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel im Interview mit dem ARTE Magazin.

ARTE Magazin Frau Schwarz-Friesel, worin wurzelt die über viele Epochen hinweg fortgesetzte Feindschaft gegen Juden?

Monika Schwarz-Friesel Es gibt zwei Erklärungen, die letztlich zusammenlaufen. Die christliche Verdammnis des Judentums sollte Konkurrenz ausschalten und den wahren Glauben manifestieren. Das war ein religiöses und ein weltliches Phänomen, schaut man sich die Machtstrukturen der Kirche bis weit ins 19. Jahrhundert in Politik und Gesellschaft an. Und: Menschen tendieren dazu, die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Im Antijudaismus standen alle, die nicht jüdisch waren, auf der richtigen Seite. Juden dienten über Jahrhunderte als Sündenböcke, egal, ob die Ernte verhagelt war, Kinder verschwanden oder ein Krieg verloren wurde.

Weltkarriere einer Lüge: Die Protokolle der Weisen von Zion

Geschichtsdoku

Montag, 26.1.
— 23.35 Uhr
bis 25.1.27 auf arte.tv  

ARTE Magazin Warum wurde viel Aberglaube überwunden, nicht aber diese Feindseligkeit?

Monika Schwarz-Friesel Judenfeindlichkeit ist keine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit unter vielen, sondern ein Glaubens- und Weltdeutungssystem. Weder Aufklärung noch Rationalismus haben es durchbrochen. Voltaire, obwohl antireligiös, griff auf uralte judenfeindliche Stereotype zurück – und mit ihm die ganze Riege der großen Philosophen. Bei Hegel und  Fichte finden sich einschlägige Zitate. Auch später ist das tief im kommunikativen Gedächtnis und kollektiven Bewusstsein verankert.

ARTE MagazinWie fügen sich da die vor 120 Jahren in Russland erschienenen „Protokolle der Weisen von Zion“ ein?

Monika Schwarz-Friesel Das gesamte antijudaistische – und seit dem 19. Jahrhundert antisemitische – Gedankengut wurde darin zu einer wirkmächtigen, einflussreichen Verschwörungsfantasie zusammengetragen. Das reicht von der mittelalterlichen Blutkultlegende, nach der Juden christliche Kinder entführen und rituell schlachten würden, bis zur Behauptung, Juden wollten die Welt regieren. Dieses Narrativ mündet letztlich in solchen Widersprüchlichkeiten wie jener, die Juden zeitgleich mal als bolschewistisch, mal als kapitalistisch zu beschimpfen. Ein entscheidender Punkt dabei ist die Affektlogik, das Zusammenwirken von Fühlen und Denken. Antisemiten glauben unerschütterlich an das Böse im Judentum und passen ihre Strukturen immer der Epoche, ihrem Befinden oder der jeweiligen Situation an. Nach 1945 war die Hoffnung groß, dass die Shoah eine Zäsur ist. Sie war es nicht. Wenn nicht einmal das Wissen um sechs Millionen bestialisch umgebrachte Menschen dem Phänomen den Boden entzieht, sieht man, wie schwer es ist, dieses Glaubenssystem zu zertrümmern.

ARTE Magazin Der Holocaust ist als Menschheitsverbrechen beispiellos. Gilt das auch für das Phänomen des Antisemitismus?

Monika Schwarz-FrieselJa, seit 20 Jahren ist eine meiner stärksten Hypothesen, dass ich sage: So wie die Shoah singulär war, so ist es auch mit Judenhass und Antisemitismus. Anders lässt sich nicht erklären, warum trotz Aufklärung, trotz Auschwitz, trotz aller Bemühungen nach den Auschwitz-­Prozessen der Antisemitismus jetzt so schlimm lodert wie lange nicht mehr.

ARTE Magazin Sie meinen den Antisemitismus, der sich vor allem mit dem Krieg in Gaza an vielen Stellen Bahn gebrochen hat?

Monika Schwarz-FrieselSeit der Gründung Israels 1948 gab es antisemitische Projektionen auf den Staat. Meine Forschung konzentriert sich auf die Veränderungen des Israelbilds in den vergangenen 25 Jahren. Wir sprechen da von einer Israelisierung des Antisemitismus.

ARTE Magazin Wo endet Kritik an Israel, wann ist es Antisemitismus?

Monika Schwarz-FrieselMan kann das anhand eines 4-D-Modells unterscheiden. Über allem steht die De-Realisierung, der Widerspruch von Sprache und Realität. Phantasmen, antijudaistische Stereotype, werden eins zu eins auf Israel übertragen. Daraus ergeben sich die drei anderen „D“: die Dämonisierung des Landes, etwa durch NS-Vergleiche; seine Delegitimierung, indem die Existenz infrage gestellt wird; und schließlich Doppelstandards: Israel gilt demnach jetzt als das schlimmste Weltenübel. Besonders bedrückend ist die weltweite kollektive Schuldzuweisung: Alle Jüdinnen und Juden werden dafür verantwortlich gemacht, was im Nahostkonflikt geschieht. Juden können ihre Kippa nicht tragen, werden aus dem Kulturbereich gedrängt. Campus-­Antisemitismus wird als pro-palästinensische Debattenkultur verbrämt.

ARTE Magazin Wie erleben Sie das im akademischen Bereich?

Monika Schwarz-Friesel Vor dem Glaubenssystem Antisemistismus sind auch hochgebildete Menschen nicht gefeit. Sie machen sonst bei jeder Diskriminierung den Mund auf, sagen aber kein Wort zu volksverhetzenden Texten, die gerade an deutschen Universitäten verbreitet werden.

ARTE Magazin Das Internet und Social Media geben Antisemitismus zusätzlich Raum. Kommen Sie dagegen noch an?

Monika Schwarz-Friesel Ich habe das Gefühl, seit 20 Jahren Sisyphosarbeit zu leisten, aber aufgeben kommt nicht infrage. In erster Linie gehe ich gegen den Unsinn im Akademischen vor. Antisemitismus ist kein Schmuddelphänomen gesellschaftlicher Ränder. Er kam immer aus der gebildeten Mitte, der man zuhört; das ist besonders gefährlich. Kontrafaktische Positionen werden dort vehement vertreten. Man kämpft gegen einen Irrsinn an, von dem man gehofft hatte, er wäre nach dem Mittelalter verschwunden.

Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel
Am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus warnte ­Monika Schwarz-­Friesel 2024 im Wiener Parlament vor „Feuilleton-Antisemitismus“. Foto: picture alliance/dpa-Zentralbild/Stephan Schulz

Antisemitische Mythenbildung

Von QAnon bis Corona: Judenfeindliche Stereotype sind Bestandteile etlicher Verschwörungstheorien.

QAnon gegen den Deep State

Der Deep State, ein „Staat im Staat“, ist ein festes Feindbild rechter Verschwörungsgruppen wie der QAnon-Bewegung. Aus den USA breitet sich das vor fast zehn Jahren auf Online-Plattformen entstandene informelle Netzwerk weltweit aus. Die Anhänger sehen geheime Eliten am Werk, die Diktaturen und eine „Neue Weltordnung“ errichten wollen – mit deutlichen Bezügen zur „jüdischen Weltverschwörung“. Andere antisemitische Mythen wie rituelle Kindstötung und Blutkulte gehören ebenfalls zu QAnon-Überzeugungen.

Der große Austausch

Auch hinter der bei Rechtsextremen und Neuen Rechten verbreiteten Theorie vom „Großen Austausch“ stehen nach Meinung vieler Verfechter sogenannte jüdische Geldeliten – ein häufig wiederkehrendes antisemitisches Narrativ. Deren Ziel sei es, die weiße, christliche Bevölkerung in europäischen Ländern durch gesteuerte Migration etwa aus Afrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten zu ersetzen. Das solle globalen -Profit- und Kapital-interessen dienen, so der französische Autor und Austausch-Vordenker Renaud Camus.

Reptiloide, Chemtrails und 5G

Rechtsesoterik und Antisemitismus bilden auch die Basis für den Glauben an Reptiloide, Echsenwesen, die die Welt beherrschen. Der britische Autor David Icke hat damit seit 1999 Erfolg – und reichlich Follower. Einen vorläufigen Höhepunkt erlebten Verschwörungstheorien wie diese oder die Annahme, Flugzeug-Kondensstreifen seien in Wahrheit sogenannte Chemtrails, Chemikalien zur Beeinflussung der Bevölkerung, während der Corona-Pandemie. Auch deren Entstehung, Impfmaßnahmen und die Kontrolle von Menschen über das 5G-Netz zählen dazu – nicht selten wiederum gepaart mit antisemitischen Eliten-Vorstellungen.

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