Die Sprachlosigkeit sei fast das Schlimmste. In dem „klaffenden Schweigen“ liege der wahre Horror, sagt eine Mädchenstimme im Drama „Die Aussprache“ aus dem Off. Zu diesem Zeitpunkt weiß man bereits, dass es um sexuellen Missbrauch innerhalb einer Glaubensgemeinschaft im ländlichen Kanada geht – ein Begriff, der viel zu nüchtern klingt für das, was den Frauen und Mädchen widerfahren ist. In einer der ersten Filmszenen wacht eine junge Frau mit blauen Flecken und Blut an den Beinen im Bett auf und ruft ängstlich nach ihrer Mutter. Immer wieder seien solche Übergriffe geschehen, erklärt die Erzählerin; betroffen waren fast alle Frauen und Mädchen der Mennoniten-Gemeinde. Die Männer führten ihre Taten auf die Heimsuchung durch Dämonen zurück oder beschuldigten die Opfer gar der „wilden weiblichen Fantasie“. Heute würde man dies misogynes Gaslighting nennen, denn als schließlich ein Täter erwischt wird, kommt die erschütternde Wahrheit ans Licht: Männliche Gemeindemitglieder hatten die Frauen jahrelang nachts mit Narkosemitteln für Rinder betäubt und vergewaltigt.
Klaffendes Schweigen
„Die Aussprache“ ist Sarah Polleys radikale Buchadaption über sexuelle Gewalt. Sie lässt ausschließlich Betroffene zu Wort kommen.

In einer abgeschiedenen Glaubensgemeinschaft müssen Frauen nach der Aufdeckung brutaler Gewaltverbrechen eine Entscheidung treffen: schweigen, kämpfen oder fliehen. Sarah Polleys Kammerspiel basiert auf dem Bestseller von Miriam Toews und wurde 2023 mit dem Oscar für das beste adaptierte Drehbuch ausgezeichnet. Foto: picture alliance / Collection Christophel / Michael Gibson



