Klaffendes Schweigen

„Die Aussprache“ ist Sarah Polleys radikale Buchadaption über sexuelle Gewalt. Sie lässt ausschließlich Betroffene zu Wort kommen.

Filmszene Die Aussprache
In einer abgeschiedenen Glaubensgemeinschaft müssen Frauen nach der Aufdeckung brutaler Gewalt­verbrechen eine Entscheidung treffen: schweigen, kämpfen oder fliehen. ­Sarah ­Polleys Kammerspiel basiert auf dem Bestseller von Miriam ­Toews und wurde 2023 mit dem Oscar für das beste adaptierte Drehbuch ausgezeichnet. Foto: picture alliance / Collection Christophel / Michael Gibson

Die Sprachlosigkeit sei fast das Schlimmste. In dem „klaffenden Schweigen“ liege der wahre Horror, sagt eine Mädchenstimme im Drama „Die Aussprache“ aus dem Off. Zu diesem Zeitpunkt weiß man bereits, dass es um sexuellen Missbrauch innerhalb einer Glaubensgemeinschaft im ländlichen Kanada geht – ein Begriff, der viel zu nüchtern klingt für das, was den Frauen und Mädchen widerfahren ist. In einer der ersten Filmszenen wacht eine junge Frau mit blauen Flecken und Blut an den Beinen im Bett auf und ruft ängstlich nach ihrer Mutter. Immer wieder seien solche Übergriffe geschehen, erklärt die Erzählerin; betroffen waren fast alle Frauen und Mädchen der Mennoniten-­Gemeinde. Die Männer führten ihre Taten auf die Heimsuchung durch Dämonen zurück oder beschuldigten die Opfer gar der „wilden weiblichen Fantasie“. Heute würde man dies misogynes Gaslighting nennen, denn als schließlich ein Täter erwischt wird, kommt die erschütternde Wahrheit ans Licht: Männliche Gemeindemitglieder hatten die Frauen jahrelang nachts mit Narkosemitteln für Rinder betäubt und vergewaltigt.

Die Aussprache

Drama

Montag, 9.3. — 21.50 Uhr
bis 7.4. auf arte.tv   

Das Drama der kanadischen Regisseurin ­Sarah ­Polley, das ­ARTE im März zeigt, basiert auf Tatsachen: 2010 wurde aus einer mennonitischen Gemeinde in Bolivien bekannt, dass die Männer der Freikirchen-­Gemeinschaft mindestens 60 Frauen im Schlaf betäubt und missbraucht hatten. Mennoniten sind orthodoxe Protestanten, die aufgrund ihrer Glaubensgrundsätze moderne Technik, Gewalt, Reichtum und Macht ablehnen und den Kontakt zur Außenwelt meiden. Die Autorin ­Miriam Toews griff den Fall auf und machte ihn zur Grundlage ihres Romans „Women ­Talking“ (2018), der auf Deutsch unter dem Titel „Die Aus­sprache“ erschien. Statt die Ermittlungen oder Gerichtsverfahren zu zeigen, erfand Toews ein Gespräch: Acht Frauen müssen innerhalb von 24 Stunden entscheiden, wie es weitergehen soll – bleiben und vergeben, bleiben und kämpfen oder gehen. Ihre mitreißende Debatte wird von einem Lehrer und Außenseiter der Gemeinschaft protokolliert.

Wir sollten den Fokus darauf richten, was wir gestalten wollen

Sarah Polley, Regisseurin
Filmszene Die Aussprache, Kinder
Bedrohung: ­Salome (Claire Foy) und ­Ona (Rooney ­Mara) sind entschlossen, ihre Kinder zu schützen, denn die ländliche Familienidylle erweist sich als trügerisch. Foto: Orion Releasing LLC / ZDF

Ein Manifest für Selbstbestimmung

Sarah Polley stieß kurz nach Erscheinen des Buchs auf den Stoff und wusste sofort: Daraus muss ein Film werden. „Mir war klar, dass sich der Film episch anfühlen sollte, großes Kino auf Breitwandformat, eine archetypische Geschichte auf fast altmodische Weise erzählt“, sagt sie im Gespräch mit dem ARTE Magazin. Ihre Verfilmung verlagert die Perspektive vollständig in die Gedankenwelt der Frauen, gerahmt von einer Mädchenstimme, die sich an ein ungeborenes Kind richtet. Das ländliche Setting wirkt zunächst wie eine Idylle aus dem 19. Jahrhundert: lange Kleider, viele Kinder, geflochtene Zöpfe, Feldarbeit, Kutschen. Die Bilder sind in Sepiatöne getaucht, fließen beinahe traumhaft ineinander. Doch jeder scheinbare Kitsch wird von den Spuren der Gewalt durchbrochen. Die Erzählerin berichtet von der traumatischen Erfahrung der Frauen, aus der Wirklichkeit gefallen zu sein, sich für immer verändert zu fühlen.

Explizite Gewalt hingegen zeigt der Film bewusst nicht; Polley vertritt die Auffassung, dass solche Darstellungen oft die Täterperspektive reproduzieren. „Die Aussprache“ funktioniert fast ohne traditionellen Plot – es geht allein um Frauen, die reden. Sie sitzen in einem sakral ausgeleuchteten Heuschober, streiten, singen, zitieren die Bibel und ringen darum, ihren Glauben mit der brutalen Gewalt in Einklang zu bringen. Einige fürchten, dass jeder Akt des Widerstands ihren Eintritt in den Himmel gefährden könnte. Andere sind überzeugt, ohne Ehemänner und Söhne nicht überleben zu können. Wieder andere sind bereit, alles zu tun, um ihrem häuslichen Leben zu entkommen. Unterschiedliche Perspektiven treffen aufeinander: Sind nur die Männer schuld – oder auch die Frauen, die frühere Übergriffe verziehen und damit weiteres Leid ermöglicht haben? Oder ist es doch ein strukturell gewaltvolles System, das solche Zustände ermöglicht? Während die Stunden vergehen, zeichnet sich langsam ein gemeinsamer Entschluss ab. Dabei profitiert der Film von einem herausragenden Ensemble, darunter Frances McDormand, Rooney Mara und Claire Foy.

Erschreckend aktuell wirkt der Film im Licht realer Fälle wie jenem der Französin Gisèle Pelicot, die über zehn Jahre hinweg regelmäßig von ihrem damaligen Ehemann mit Medikamenten betäubt und im Internet anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten wurde. Dass Frauen jahrelang systematisch missbraucht werden können, während ihr Umfeld wegschaut, ist kein Phänomen abgeschotteter Gemeinschaften. Polleys Film zeigt, wie stark sexualisierte Gewalt in Strukturen eingebettet ist – und wie notwendig es ist, diese aufzubrechen. „Wir sollten den Fokus darauf richten, was wir gestalten, und nicht, was wir zerstören wollen“, sagt die kanadische Regisseurin.

Polley war ein erfolgreicher Kinderstar, bevor sie als Schauspielerin international bekannt wurde und 2006 mit ihrem Regiedebüt „An ihrer Seite“ eine Drehbuch-Oscarnominierung erhielt. Nach ihrem 2012 erschienenen Dokumentarfilm „Stories We Tell“ über ihre eigene Familie zog sie sich fast zehn Jahre aus der Filmbranche zurück. Mit „Die Aussprache“ zeigt sie, wie viele Aspekte von Missbrauch noch auszuleuchten sind. Man könnte den Film als Manifest bezeichnen.

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