Briefkolumne

Der Jahreswechsel bietet Anlass für Rückblicke und gute Vorsätze: Unsere Autoren sinnieren über den Klimawandel, grüne Liebe – und hüpfende Frösche.

Briefkolumne Illustration_Elisabeth Moch
Illustration: Elisabeth Moch

Liebe Colombe,

die Zukunft ist eine Fata Morgana: Wir sehen sie immerzu vor uns, aber erreichen sie nie. Wenn ein Tag dann anbricht, ist er schon keine Zukunft mehr, sondern bereits Gegenwart geworden. Trotzdem lohnt es sich, darüber nachzudenken, wie wir einmal leben wollen – und über die Faktoren, die unmöglich machen könnten, dass wir so leben werden, wie wir wollen. Ich denke dabei, Du ahnst es, vor allem an den Klimawandel. Nun ist der Dezember ein Monat der Rückschau und des Ausblicks. Es stellt sich die Frage: Was müssen wir ändern, um nicht ständig eine Fata Morgana vor Augen zu haben, die uns mit Angst und Schrecken erfüllt; eine bedrohliche Zukunft also, die bald zur Gegenwart werden kann? Jenseits der Vorsätze, die ein Einzelner zur Jahreswende für sich fassen mag, ist es, so glaube ich, mehr denn je an der ganzen Gesellschaft, ihr Verhalten zu überdenken. Doch will sie das überhaupt? Laut einer Umfrage des Instituts für Zukunftsforschung sinkt das spezifische Problembewusstsein von uns Deutschen sogar: 2019 stimmten noch 83 Prozent der Aussage „Klimawandel und Wetterextreme werden zur größten Bedrohung der Zukunft“ zu, 2020 waren es 78 Prozent und 2021 nur noch 72 Prozent. Wollen wir die Zukunft etwa gar nicht so gestalten, dass sie noch lebenswert ist, sondern nur die Gegenwart verwalten? Ich befürchte Letzteres – und das erinnert mich an das Boiling-Frog-Syndrom, eine Beobachtung aus der Biologie: Setzt man einen lebendigen Frosch in kochendes Wasser, springt er sofort hinaus. Setzt man ihn aber in einen Topf mit kaltem Wasser und erhitzt diesen ganz langsam, bleibt er darin sitzen, bis er stirbt. Wir Menschen haben von der Zukunft – bitte verzeih die Drastik – offenbar so wenig Ahnung wie dieser Frosch. Wir sollten uns für das kommende Jahr vornehmen, sie besser zu verstehen. Und Du, liebe Colombe: Was sind Deine Vorsätze für 2022?

Viele Grüße,
Dein Dirk

Karambolage

Magazin

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Cher Dirk,

ah, bist Du missmutig? Der Weihnachtsmann ist noch nicht durch den Feinstaub ausstoßenden Schornstein gekommen, und Du denkst schon an die Klimakatastrophe? In Frankreich befinden wir uns mitten im Wahlkampf für die Präsidentschaftswahlen im Mai, aber das Klima steht nicht im Mittelpunkt der Debatten. Das sieht man auch an den Grünen: Deren Präsidentschaftskandidat ­Yannick ­Jadot steht in den Umfragen derzeit nur unwesentlich besser da als ­Anne ­Hidalgo, die Kandidatin der Sozialistischen Partei und Bürgermeisterin von Paris, die jedoch bereits angekündigt hat, dass sie kein Bündnis mit den Grünen eingehen wird. Bei diesem Krieg der Egos sieht es nicht gut aus für eine umweltfreundliche Regierung. Übrigens erinnert mich die Erfahrung Deines Frosches, dessen Wachsamkeit durch die Lauheit des Wassers eingeschläfert wurde, an eine der Fabeln von Jean de La ­Fontaine, unserem berühmten Dichter (1621–1695), der die Tierwelt zur Kritik an seiner Zeit nutzte und der in Frankreich jedem Schulkind beigebracht wird. Es ist die Geschichte vom Frosch, der so groß sein möchte wie der Ochse – und der so sehr anschwillt, bis er stirbt. Die Welt ist voll von Menschen, die nicht klüger sind als dieser eitle Frosch, wie La Fontaine warnt. Ich muss zugeben, dass ich als Babyboomer zu der Generation gehöre, die nicht viel klüger ist – mit ihrem egoistischen Genuss, die alles ohne Rücksicht auf den Planeten konsumiert hat. Und ich verstehe die Wut der Generation ­Thunberg. Selbst die Liebe macht heute nicht mehr blind. Der Beweis? Neue Partnervermittlungsseiten wie „Amours Bio“, „GreenLovers“ oder „Bioflirt“ werden von „öko-besorgten“ 18- bis 34-Jährigen besucht, die bei ihrer Liebeswahl den Umweltschutz in den Vordergrund stellen. Diese überschäumende Energie hat auf uns in etwa die gleiche Wirkung wie auf Deinen hüpfenden Frosch: Sie fordert uns auf, wachsam zu sein und die Zukunft zu schützen, bevor die Erde (uns) verbrennt. Also, guten Sprung!

Wachsame Grüße,
Colombe