BRIEFKOLUMNE

ETIKETTE Ein Cafébesuch könnte so einfach sein, wäre da nicht einiges zu beachten: zwischen Dame und Herr, Französin und Deutschem.

Illustration: Uli Knörzer

Liebe Colombe,

neulich bin ich beim abendlichen Herumschalten in den Film „Fight Club“ geraten. Ein durchaus kurzweiliger, für meinen Geschmack aber allzu brutaler Film. Mir wird er vor allem in Erinnerung bleiben, weil darin die Frage erörtert wird, was denn nun höflicher beziehungsweise weniger unhöflich sei: dem Sitznachbarn, an dem man sich im Flugzeug oder im Zug vorbeidrängen muss, den Schritt zuzuwenden oder das Gesäß. Ich erzähle Dir das nur, um zu verdeutlichen, dass mich solch peinliche Alltagsprobleme sehr beschäftigen, ja manchmal regelrecht paralysieren. Wenn irgend möglich, würde ich mich am liebsten nie an jemandem vorbeidrängen, um nichts falsch zu machen in einer Situation, in der man meines Erachtens nur alles falsch machen kann. So mischt sich in meine Freude über Deine Idee, wir könnten uns in einem Café treffen, sogleich die Sorge, auch da gegen die Etikette zu verstoßen, sogar mich zu blamieren. Hoffentlich kannst Du mir helfen, ein wenig der galante Franzose zu werden, der ich gern wäre. Dieser würde einer Dame beim Betreten eines Cafés allein durch die Geste, mit der er die Tür aufhält, das Gefühl geben, es sei nur für sie erbaut worden. Ich hingegen wäre bereits unsicher, wer überhaupt zuerst hineingehen dürfte. Zwar habe ich gelernt, dass es der Herr ist, um der Dame Zusammenstöße mit herauskommenden Gästen zu ersparen, doch dabei käme ich mir recht ungehobelt vor. Auch weiß ich nicht so recht, ob ich Dir aus dem Mantel helfen und den Stuhl zurechtrücken sollte. Wäre das angemessen oder allzu beflissen? Und wer zahlt die Rechnung? Ich lade lieber ein, als eingeladen zu werden – darf ich daraus mein eigenes Prinzip ableiten? Ich freue mich auf Deine Antwort und werde, liebe Colombe, Deine Ratschläge beherzigend, vor unserer Begegnung noch ein paar Mal den Cafébesuch üben – mit mutigen Freiwilligen.

Herzlich

Dein Dirk

Karambolage

Magazin
sonntags •
18.55 Uhr
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Cher Dirk,

Dein Brief erreicht mich in Zeiten, in denen ich mir seit Wochen nichts sehnlicher wünsche als auszugehen. So wie ich davon träume, endlich wieder Filme im Kino erleben und nicht bloß auf meinem Sofa sehen zu dürfen. Im schlimmsten Fall wäre es mir sogar gleich, wenn ich zu spät käme und eine ganze Saalreihe für mich aufstehen müsste. Und ob ich dabei anderen den Schritt oder das Gesäß zuwende, wäre mir in dieser Situation ebenfalls einerlei. Aber zurück zu unserem Rendezvous. Gehen wir einmal davon aus, dass wir beide pünktlich sind. Die erste aller Höflichkeiten. Womöglich würden wir uns somit vor der Tür des Cafés begegnen. Der Ungeduldigere würde schließlich zuerst hineingehen. Eine besonders delikate Angelegenheit besprechen wir besser ein anderes Mal: das Vorangehen der Dame auf einer Treppe im Lokal und in diesem Fall den peinlichen Gedanken an Blicke auf meinem Hintern … Wir könnten jedenfalls einen Tisch mit Bank auswählen. Meinen Mantel bräuchtest Du mir so nicht abzunehmen; ich würde ihn einfach neben mich legen und auch ein Zurechtrücken des Stuhls wäre unnötig. Gleich zwei Probleme wären gelöst. Endlich säßen wir beide zusammen – nachdem du mich aufmerksamerweise zuerst Platz nehmen lassen würdest. Wenn Du, wie viele meiner deutschen Freunde, zu den Biertrinkern gehörst, könnte mir dann etwas passieren, das mich jahrelang schockierte: mit einem Mann zu sprechen, der dabei aus einer Flasche trinkt. Aus Freundschaft habe ich mich an diese „exotische“ Praxis gewöhnt. Dennoch fehlt mir in diesen Momenten eine Geste besonders: dass ein Mann mir Wein einschenkt. Diese charmante Einladung, gemeinsam einige beschwipste Worte zu wechseln, geht bei Deinen deutschen Geschlechtsgenossen – die zudem meist vergessen, sich zu erheben, wenn ich nach dem Händewaschen wieder an den Tisch trete – mit dem ersten Schluck aus der Flasche sprichwörtlich die Kehle hinunter. Was die Rechnung angeht: Die Zeiten haben sich geändert. Genier Dich nicht, Dich von mir einladen zu lassen. Du würdest darauf bestehen? Na gut, aber nächstes Mal wäre ich dran! Bis ganz bald!

Colombe