Kurz vor Weihnachten traf in Brüssel eine Botschaft aus Peking ein. Keine festliche Grußkarte wohlgemerkt, sondern ein saftiges Zollpaket: Seit dem 23. Dezember 2025 erhebt China auf bestimmte Milchprodukte aus der EU sogenannte Anti-Subventionsabgaben in Höhe von bis zu 42,7 Prozent. Der Schritt sorgte in der EU-Kommission für einigen Unmut, von baldigen Gegenmaßnahmen war die Rede.
Der Disput reiht sich ein in das Gesamtbild: Nach Jahrzehnten der Isolation und innenpolitischen Machtkämpfe, wie sie die ARTE-Dokumentation „China – Wie eine Nation entstand“ schildert, habe Chinas Entwicklung seit den 1990er Jahren und sein heutiges Auftreten als Global Player „zunehmend imperialen Charakter“, sagt Nadine Godehardt, China-Expertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Der zeige sich außerhalb der unmittelbaren geografischen Einflusssphäre weniger militärisch, sondern vor allem durch Kontrolle von Infrastruktur sowie strategische Einflussnahme auf Politik und Wirtschaft in Drittstaaten. „Dadurch sollen chinesische Firmen im Ausland sowie die Exporte gestärkt und die Diskurshoheit der Volksrepublik in internationalen Organisationen durchgesetzt werden.“
Die Folgen dieser Politik sind bereits gut zu erkennen: Im November 2025 hatte der US-Ökonom Brad Setser vom Council of Foreign Relations in New York ermittelt, dass Chinas Exportüberschuss in vielen Ländern zu einer eklatanten Deindustrialisierung aufgrund sinkender internationaler Produktnachfrage geführt habe. Seit 2020 sei die Fertigung von Industrieerzeugnissen außerhalb Chinas um neun Prozent gesunken. Besonders betroffen sind die EU-Schwergewichte Deutschland und Frankreich. Beide Länder wollen das Thema daher auf die Agenda des G7-Gipfels im Juni in Évian setzen.
iDe Entwicklung Chinas kam nicht überraschend: Für viele Beobachter gilt Xis Agenda als konsequente Fortsetzung – und Verschärfung – eines Kurses, der mit Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation im Dezember 2001 begann. Seither beschleunigte sich der Aufstieg des Landes rapide. Exporte, Urbanisierung und ein von staatlichen Krediten getriebener Investitionsboom sorgten für oft zweistellige Wachstumsraten. Nach der Finanzkrise 2008 stabilisierten Konjunkturprogramme die Wirtschaft, hinterließen aber einen volatilen Immobiliensektor. Seit den 2010er Jahren versucht Peking, umzusteuern und die Risiken mit mehr Konsum und zuvorderst mit weiter steigenden Exporten abzufedern.
Auf dem Treffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Tianjin im Sommer 2025 hatte Staatschef Xi Jinping seine politische Agenda als Vierklang aus wirtschaftlicher Entwicklung, Sicherheit, nationaler Souveränität und Global Governance verkündet – ein Programm, das den Einfluss des Landes auf den Welthandel und dessen Regeln stärken soll. „Das war nicht bloß Parteisprech“, sagt Nadine Godehardt, „es war eine unmissverständliche Ankündigung.“ Hinter Chinas globalen Initiativen stecke „knallharte Interessenpolitik“. Die Botschaft: Welthandel und Geopolitik sollen fortan mit Pekings Interessen kompatibel sein – nicht nur mit denen der westlichen Welt.
China kauft Weniger Autos – und weniger Milch?
Die im Dezember verkündeten Zölle begründete Peking indes mit den vorläufigen Ergebnissen eines seit August 2024 laufenden Anti-Subventionsverfahrens des chinesischen Handelsministeriums. Demnach verzerrten Brüsseler Finanzhilfen für Unternehmen in der EU den internationalen Wettbewerb so sehr, dass die chinesische Milchindustrie erheblichen Schaden erlitten habe. Die Zollmaßnahme sei daher „absolut unvermeidbar“ und im Prinzip eine Art Selbstschutz. Vergleichbare Konflikte zwischen China und Europa schwelen seit Jahren.
Die EU setzt auf Handelsschutzinstrumente – etwa Ausgleichszölle nach Anti-Subventionsverfahren –, China auf gezielte Maßnahmen gegen ausgewählte Branchen, wie zuletzt die europäische Milchindustrie. Deutschland ist wegen des Handelsdefizits gegenüber China – 66,3 Milliarden Euro im Jahr 2024, mehr als 63 Milliarden Euro in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres – davon besonders betroffen. Nachdem traditionelle deutsche Exportschlager wie Autos oder Maschinen in China längst nicht mehr so gefragt sind wie in den vergangenen Jahrzehnten, droht nun auch das Geschäft deutscher Molkereifirmen im Reich der Mitte infolge der Schutzzölle einzubrechen. Ergebnis: offen.






