Als Marco Polo auf Sumatra ein Einhorn sah, war er enttäuscht. So hatte er sich das Tier nicht vorgestellt: mit dem Kopf eines wilden Ebers und einer Vorliebe für Schlammbäder. „Zum Ansehen ist es ausgesprochen häßlich“, notierte der Reisende um 1291. „Diese Tiere haben mit unsern Einhörnern gar nichts gemein.“ Man kann die Irritation verstehen, denn tatsächlich hatte Polo im heutigen Indonesien kein elegantes Pferdewesen, sondern ein Rhinozeros beobachtet.
Dem Image des Einhorns konnte sein ernüchternder Bericht aber nichts anhaben. Seit Jahrtausenden beschäftigt es die Menschen, und dass die wenigsten je eins mit eigenen Augen gesehen haben, schmälert seine Prominenz nicht. Vor allem in den vergangenen Jahren hat das Einhorn eine regelrechte Konjunktur erlebt. Man sieht es überall: Es treibt als Schwimmtier durch Pools und wirbt als Marketingmaskottchen für Cupcakes und Legosteine. Mit wallender Mähne und klimpernden Wimpern ist es ein Elternschreck auf pinken Brotdosen. Wieder andere sehen es als Zeichen von Freiheit und Individualität. Als Protestierende kürzlich in den USA gegen das Vorgehen der Einwanderungsbehörde ICE auf die Straße gingen, schlüpften manche von ihnen in aufblasbare Einhornkostüme. Ein Symbol der LGBTQ+-Community ist es schon lange. Ist das Einhorn also Botschafter einer schöneren, friedlicheren Welt? Oder ein naives Wappentier des Kommerzes?
Wer heute über Einhörner nachdenkt, stellt sich vermutlich einen Schimmel mit Horn auf der Stirn vorn: heroisch und nahbar zugleich. Gerade diese Optik dürfte zum Erfolg des Einhorns in der Popkultur beigetragen haben. „Anders als die meisten anderen Fabeltiere ist es überwiegend positiv besetzt“, sagt Michael Philipp, Chefkurator am Potsdamer Museum Barberini, im Gespräch mit dem ARTE Magazin. Der Darstellung des Einhorns in der Kunst hat das Haus vor Kurzem eine große Ausstellung gewidmet, die nun im Pariser Musée de Cluny Station macht. Schuppigen Drachen hat das Tier etwas voraus. „Die meisten Fabelwesen, die in der Mythologie und in den Legenden auftauchen, sind unheimlich und eher unansehnlich“, so Philipp. „Dass das Einhorn so verbreitet ist, liegt auch an seinem guten Aussehen.“
Doch das war nicht immer so. In der Antike hielt man Einhörner keineswegs für freundlich, sondern im Gegenteil für wild und aggressiv. Auch ihr Aussehen galt als eher struppig, irgendwo zwischen Esel und Ziege. Dass sie existierten, bezweifelte aber niemand. Bis in die frühe Neuzeit beschrieben Gelehrte die Kreatur in Bestiarien und Naturkunden: Im Tierreich sah man sie als ein Tier unter vielen. Dass aus dieser Annahme Allgemeinwissen wurde, hatte auch damit zu tun, dass die Bibel das Einhorn erwähnte. Ganze acht Mal kommt es darin vor. Wie sich später herausstellte, lag das zwar an einem Übersetzungsfehler, der sich bei der Übertragung ins Lateinische eingeschlichen hatte. Doch Anlass zur Skepsis bestand nicht. Schließlich galt mindestens bis zum Ende des Mittelalters: Was in der Bibel steht, ist wahr. Im Einklang mit diesem Weltbild platzierten Maler das Einhorn auf Paradiesgemälden und in Darstellungen der Arche Noah. Immer wieder zeigte man es auch mit der Jungfrau Maria. Von Jägern verfolgt und im Arm der Heiligen Mutter wurde das Tier selbst zum Christus-Symbol.
Selten, scheu und schwer zu fangen
Die Beschäftigung mit dem berühmten Tier begann aber noch viel früher. Immer wieder wurde es naturkundlich erörtert: Ktesias von Knidos, ein Arzt am persischen Hof, berichtete im 5. Jahrhundert vor Christus von in Indien heimischen Einhörnern, die größer als Pferde seien, mit einem „weißen Körper, eine[m] purpurnen Kopf und dunkelblaue[n] Augen“. Der römische Gelehrte Plinius ergänzte später einen Hirschkopf, Elefantenbeine und den Schwanz eines Ebers. In der frühchristlichen Naturlehre „Physiologus“ identifizierte man das Einhorn dagegen als klein und ziegenartig. Auch deswegen zeigte man es später in der Kunst oft mit Ziegenbart. So unterschiedlich die Darstellungen waren: Fast immer galten die Tiere als selten und scheu. Und legendär schwer zu fangen. Diese Vorstellung mündete, ebenfalls angelehnt an den „Physiologus“, in der fixen Idee, dass die Einhornjagd nur mithilfe einer „schön ausstaffiert[en]“ Jungfrau gelingen könne. Lege man dem Tier die Frau „in den Weg“, werde es friedlich und ließe sich in ihrem Schoß nieder. Bereits hier vermischen sich allerlei Zuschreibungen, die man dem Fabelwesen anheftete – von Freiheitsliebe und Unschuld bis Verführung.
Und ganz offenbar konnte man sich noch so viele Taktiken ausdenken: Die Natur des Tieres blieb flüchtig. Deswegen vermutete man es historisch immer dort, wo man selbst nicht war. „Zur Zeit von Julius Caesar lebten sie in den Wäldern auf der anderen Seite der Alpen – also im heutigen Deutschland. Im Mittelalter waren sie in Äthiopien, im Heiligen Land oder sogar in Mekka“, sagt Barbara Drake Boehm, frühere Kuratorin am New Yorker Met Museum, in der Dokumentation „Das Einhorn: Kulturgeschichte einer Sehnsucht“, die ARTE im April zeigt. Worauf die Einhornsichtungen fußten, die es durchaus hin und wieder gab, ist bis heute nicht ganz klar. Vielleicht waren die beschriebenen Paarhufer Antilopen oder Ziegen, die eins ihrer Hörner im Kampf verloren hatten. Oder man hatte die Tiere schlicht von der Seite gesehen, sodass ein Horn vom anderen verdeckt wurde. Auch Höhlenmalereien zeigten vermeintliche Einhörner nur im Profil. War der Mythos also bloß eine Frage der Perspektive? Ein Missverständnis?
Seiner Popularität schadete die geheimnisvolle Aura nicht. Im Gegenteil: Das Einhorn wurde zur Projektionsfläche für alles Mögliche. Wünsche und Ahnungen, Träume und Sehnsüchte flossen in die Geschichte des Tieres ein, das man im Zeitverlauf von der borstigen Ziege zum weißen Pferd beförderte. „Zwar war es nicht. Doch weil sie’s liebten, ward ein reines Tier“, dichtete Rainer Maria Rilke 1922 im Zyklus „Die Sonette an Orpheus“. In oft idealisierter Weise schlug sich seine Legende in Kunst und Kulturgeschichte nieder. Ob man auf die Gemälde der Romantiker blickt oder auf Fantasyfilme wie „Das letzte Einhorn“ (1982) und „Harry Potter“ (ab 2001): Noch immer gilt das Einhorn als Sinnbild des Außergewöhnlichen und Freigeist in Tierform. Als Vertreter sturer Unbeugsamkeit.
Mit diesen Merkmalen fügt es sich bestens in die Logik der Gegenwart. Heute bezeichnet man mit über einer Milliarde Dollar bewertete Start-ups als „Unicorns“ – sie sind so selten und kostbar, dass alle hinter ihnen her sind. Deswegen verfangen auch Produkte, die sich mit dem Fabelwesen schmücken, vom Frappucino bis zum Lidschatten. Es gibt kaum etwas, was sich mit dem Traumtier nicht vermarkten ließe. „Das Einhorn steht für unseren eigenen Wunsch, als außergewöhnlich wahrgenommen zu werden“, schreibt die Autorin Malika Rao in der New York Times. „Es erlaubt uns zu glauben, dass auch wir besonders sind – wenn wir nur ungezügelt leben dürften, wenn wir uns nicht an die Welt anpassen müssten.“ Das Einhorn ist das ultimativ eigenwillige Wesen. Und damit das passende Maskottchen einer Zeit, die Individualität hochhält – in der aber manche auch den Zauber des Rätselhaften und Unentdeckten vermissen.
Trotz all solcher Zuschreibungen gilt: Historisch war das Einhorn kein reines Fantasiekonstrukt. Denn lange gingen die Menschen von seiner Existenz aus, weil Informationen in diese Richtung zu deuten schienen. Zu solchen Indizien zählten mutmaßliche Einhorn-Hörner, die immer wieder in der Wildnis gefunden wurden. Man schrieb ihnen Heilkraft zu, auch darum gibt es heute noch so viele „Einhorn“-Apotheken. Hildegad von Bingen empfahl Einhornlederschuhe für gesunde Füße, und noch der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz behandelte das Einhorn in seinem Geologiebuch „Protogaea“. Erst in der frühen Neuzeit wurde langsam klar, dass die Faktenlage zum Thema wackelte. Und dass es sich bei den gefundenen Hörnern um die Zähne von Narwalen handelte, die im arktischen Ozean schwimmen. Für lange Zeit aber wohnte das Einhorn im kollektiven Bewusstsein: Seine Geschichte ist ein Gemisch aus Naturwissenschaft und Kunst, Wunschdenken und Fehlschlüssen.
Gerade darum sind die Metamorphosen des Fabeltiers so aufschlussreich, sagt Michael Philipp vom Barberini. Weil sie ein Schlaglicht darauf werfen, wie Erkenntnis entsteht – und wie Wissen sich ändert. „An der Geschichte des Einhorns lässt sich der Beginn der modernen Wissenschaft nachvollziehen“, so der Historiker. „Und es ist interessant, in einer Zeit von Fake News, in der selbst Regierungen Erkenntnisse und Wahrheiten infrage stellen, darüber nachzudenken: Was wissen wir eigentlich und was sind die Grundlagen dieses Wissens?“ Das Einhorn mag viele Formen angenommen haben. Dass es am Ende noch der modernen Empirie entschlüpft, passt gut ins Bild.
Das Einhorn steht für den Wunsch, außergewöhnlich zu sein.







