Es ist so einfach, Falco zu feiern – und dafür hat er, der Sprachvirtuose, der Pop-Pionier, wirklich viel getan. Unter Musikkritikern gilt er als einer der ersten weißen Rapper, weit vor Vanilla Ice, den Beastie Boys und Eminem. Es ist aber auch einfach, ihn zu verabscheuen. Man muss in den Internetarchiven nur ein paar seiner großkotzigen, misogynen Fernsehauftritte nachklicken, die ihm in den 1990er Jahren noch Applaus und Lacher einbrachten. Was nicht so leicht zu begreifen ist: wo die Trennlinie verläuft zwischen dem Österreicher Hans Hölzel (1957–1998) und der Kunstfigur Falco, die Mitte der 1980er Jahre zum weltweit erfolgreichsten deutschsprachigen Musikexport wurde.
Wenn Hölzels Wegbegleiter von seiner ständigen Zerrissenheit erzählen, von seinen Selbstzweifeln und Versagensängsten, fragt man sich schon: War Falcos sowohl penetranter als auch liebreizender Wiener Schmäh und sein elektrisierender Größenwahn nur ein durchkalkuliertes Schauspiel? Aber so einfach ist es nicht.
„Mir ist Angst und bange“
Vielleicht hilft zunächst ein Blick auf Falcos größten Hit „Rock Me Amadeus“ vom Album „Falco 3“ (1985). In den USA hielt der Song, der den Komponisten der Wiener Klassik fiktional als Punkgestalt verhandelt, Prince’ Discokracher „Kiss“ wochenlang von der Chartspitze ab; selbst bei den deutschskeptischen Briten erreichte er mit etwas Anlauf Platz eins. „Horsti, ich kann es noch gar nicht fassen, jetzt geht’s los, aber mir ist angst und bange“, soll Falco zu seinem langjährigen Manager Horst Bork gesagt haben, als der große Durchbruch plötzlich Realität war. Heute wundert man sich nicht über diese Aussage, denn Falco mochte seinen Welthit, der ihm von den niederländischen Produzenten Rob und Ferdi Bolland zurechtproduziert wurde, überhaupt nicht. Die Lyrics strotzten ihm zu sehr vor „Touristenklischees“, sogar das Wort „Leichenschändung“ soll Falco mehrfach in den Mund genommen haben. Nein, ausgerechnet mit diesem Lied in die Popgeschichte einzugehen, das passte Hans Hölzel nicht. Da konnte man ihm noch so sehr schmeicheln, wie genial und visionär sein Sprechgesang aus Deutsch und Englisch daherkam.
Was Falco vor allem ärgerte: Mit seinem zweiten Album „Junge Römer“ und der gleichnamigen Single hatte er kurz zuvor sein Gespür für den Zeitgeist der 1980er und die deutsche Sprache bereits eindrucksvoll bewiesen – und zwar ganz ohne abgedroschene Klischees. „Fragt nicht nach neuen alten Werten / Seht weißes Licht, seht nur Gefühl / Die Nacht gehört uns bis zum Morgen / Wir spielen jedes Spiel“, singt Falco in dem Lied über die Gier nach Dekadenz und Hedonismus jener Dekade. Was für eine Punktlandung – und dabei klang er auch noch so lasziv wie damals nur Morrissey von The Smiths. Die Sache hatte nur einen Haken: Die Verkaufszahlen von „Junge Römer“ blieben weit hinter den Erwartungen zurück, die Falco mit seinem ersten internationalen Achtungserfolg „Der Kommissar“ 1982 geweckt hatte. Das zehrte an dem jungen Künstler, zumal die nicht gerade zimperliche österreichische Boulevardpresse bereits Gefallen an ihm gefunden hatte.
„Ich fühle mich in Wien permanent beobachtet. Es ist unerträglich“, schimpfte der damals 25-jährige Falco. Seine Reaktion auf den Erwartungsdruck und hämische Artikel? Wutausbrüche und Vorwürfe an sich selbst, befeuert von Alkohol- und Drogenexzessen, wie Manager Bork in seiner Biografie „Falco – Die Wahrheit“ (2009) schilderte: „Marihuana, Kokain, Limbatril, Nootropil und anderes chemisches Feuerwerk begannen immer mehr Einfluss auf sein Verhalten zu nehmen.“
Dass Hans Hölzel das Zeug hatte, mit den ganz Großen im Pop mitzuspielen, hatte man in Wien früh geahnt. 1957 im Arbeiterbezirk Margareten geboren, wurde ihm bereits mit fünf Jahren beim Vorspielen an der Musikakademie ein absolutes Gehör attestiert. Mit 16 Jahren beendete er die Schule und konzentrierte sich voll auf die Musik. Ein Studium am Wiener Jazz-Konservatorium brach er zwar ab, auch der Umzug nach Berlin Ende der 1970er Jahre sollte nur ein kurzer Abstecher in die dortige Jazz- und New-Wave-Szene werden. Aber peu à peu setzte Hölzel den Ton für die Rolle seines Lebens.

Zurück an der Donau ließ er sich erst vom Rocktheater-Projekt Hallucination Company und dann von der Punkband Drahdiwaberl, die in der Tradition des Wiener Aktionismus performte, als Bassist engagieren. Dabei trat er erstmals unter dem Künstlernamen Falco in Erscheinung – inklusive exaltiertem Styling mit Designeranzügen und Gelfrisur. Als er schließlich bei Drahdiwaberl-Konzerten sein selbst geschriebenes Stück „Ganz Wien“ als Pausenfüller aufführte, war der Weg zur Solo-Karriere geebnet.
Eines Konzertabends hörte der Produzent Markus Spiegel seine ersten Falco-Zeilen: „Das Hirn voll Heavy Metal und seine Leber ist hin / Seine Venen san offn und es riacht nach Formalin / Das alles macht eahm kan Kummer, weil er is in Wien / Ganz Wien is heit auf Heroin.“ Bäm! Noch am gleichen Abend bot Spiegel Falco einen Vertrag auf seinem Label Gig Records an. Zwei Jahre später stand „Der Kommissar“ vom Debüt „Einzelhaft“ an der Spitze der deutschen Charts, vier Jahre später schrieb „Rock Me Amadeus“ Popgeschichte. Bis heute ist es das einzige deutschsprachige Lied, das Platz eins der US-Charts erreicht hat. Doch die Unzufriedenheit, die Falco selbst im Moment seines größten Erfolgs spürte, sollte ihn bis zu seinem frühen Tod begleiten.
Dass sich der Privatmensch Hans Hölzel deutlich von dem stets vor Selbstbewusstsein überschäumenden Falco unterschied, blieb allerdings nicht unbemerkt. Die österreichische Jounalistin Conny Bischofberger, die rund um Falcos fünftes Studioalbum „Wiener Blut“ (1988) ein Porträt über den Künstler für das Schweizer Magazin Weltwoche schrieb, fasste es gut zusammen: „Ich wollte mit diesem arroganten Zyniker eigentlich nichts zu tun haben. Er war mir überhaupt nicht sympathisch.“ Kaum hatte sie Hölzel etwas besser kennengerlernt, fiel ihr Urteil jedoch so aus: „Ich habe nie zuvor und nie wieder danach einen Menschen kennengelernt, zwischen dessen wahrem Ich und dessen Person, die er in der Öffentlichkeit darstellt, eine ähnlich große Diskrepanz herrschte. Sogar seine Gesichtszüge veränderten sich mit seiner Rolle“, befand Bischofberger und hob Hölzels „verletztliche, weiche, empfindsame Seite“ hervor. Irgendwann verschwand die Grenze zur Bühnenfigur offenbar immer mehr. „Falco hörte auf, Hans zu sein. Wenn so etwas passiert, endet das meist in einer Katastrophe“, sagt die US-Fernsehjournalistin Lyndsey Parker in der Dokumentation „Falco – Mon Amour“, die ARTE im September zeigt.
Einer der wenigen, die immer zu Hölzel durchdrangen, war Horst Bork. Ihm erzählte der Künstler, wie sehr er sich eine „normale Familie“ wünschte, welche Pillen er schluckte und wohin er auf der Welt flüchtete, wenn er es in Wien nicht aushielt. „In der Zusammenarbeit mit Hans war es wichtig, ihn nicht mit Argumenten, Perspektiven oder Vorwürfen vollzutexten, sondern ihm Dinge zu erklären und Zusammenhänge aufzuzeigen“, schreibt Bork in seinem Buch. Mit teils großer Verzögerung hätte Falco dann Diskussionen angestoßen und auch Selbstkritik erkennen lassen. „Hans litt darunter, wie Falco sich seiner Umwelt präsentierte, denn seine Ausfälle waren ihm bewusst, aber zugleich musste er sich eingestehen, dass er ohnmächtig und machtlos neben sich stand“, blickt Bork zurück.
Sterben, um zu leben?
Schwindende Plattenverkäufe, abgesagte Tourneen – zu Beginn der 1990er Jahre hatte die Karriere von Falco einen kaum zu leugnenden Knick. „Wegen seines internationalen Erfolgs hatte sich die Wiener Szene von ihm losgesagt. Seine Interviews wurden meist als peinlich empfunden. Das änderte sich abrupt nach seinem tragischen Unfalltod“, schreibt Arnulf Rödler im Nachwort seiner 2022 veröffentlichten, äußerst düsteren Graphic Novel „Falco – Leben und Sterben des Hans Hölzel“. Mit 1,5 Promille und Kokain im Blut verunglückte Falco im Februar 1998 in der Dominikanischen Republik auf dem Heimweg von einer Disco. Er saß am Steuer eines Geländewagens und kollidierte mit einem Bus.
Die Popwelt zeigte sich geschockt, und Falcos Beerdigung geriet zu einer großen Huldigung mit viel Prominenz. Seitdem sei Falco in seiner Heimat allgegenwärtig, jedes böse Wort gegen ihn werde als Gotteslästerung empfunden, so Rödler. Für ihn bewahrheite sich damit, was Schauspieler und Kabarettist Helmut Qualtinger (1928–1986) einst bemerkte: „In Wien musst erst sterben, dass sie dich hochleben lassen. Aber dann lebst lang.“ Für Gänsehaut sorgte Falco in genau diesem Wortsinne, als wenige Wochen nach seinem Tod die in der Karibik geschriebene Single „Out of the Dark“ erschien. Falcos quasi letzte Textzeile ever: „Muss ich denn sterben, um zu leben?“ Der Song wurde zwar kein Welthit, erreichte in den deutschen Charts aber immerhin Platz zwei. Ob ihm das genügt hätte?
Der Erfolg ist ein Hund. Der Erfolg gibt dir immer recht









