Erblüht und vergessen

Sie war gefragter als Rembrandt, dann verschwand die Malerin ­Rachel Ruysch aus dem Kunstkanon – wie viele weitere Zeitgenossinnen. Wie kam es dazu?

Das Werk „Blumenstrauß“, 1708, von ­Rachel Ruysch
Große Künstlerinnen dokumentierten in ihren Werken Naturkunde und Artenvielfalt – bis sie in Vergessenheit gerieten. Hier: Das Werk „Blumenstrauß“, 1708, von ­Rachel Ruysch. Foto: Rachel Ruysch / Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Staatsgalerie im Neuen Schloss / Bayreuth

Eine sitzende Gottesanbeterin mit aufgeschlagenen Flügeln, Arrangements mit früh blühenden Tulpen neben spätsommerlichen Sonnenblumen, eine Eidechse, die nach einem Schmetterling schnappt. Die Blumenstillleben der in Den Haag geborenen Malerin ­Rachel Ruysch (1664–1750), deren Familiennamen man ausspricht wie den des Fußballers Marco Reus, sind mehr als handwerklich akkurate Zierde. Was ihr Werk auszeichnet, sind wissenschaftliche Präzision und die Lust an der Inszenierung. In Ruyschs opulenten Bildern trifft zusammen, was in der Natur nicht zusammenpasst: Blumen, Insekten oder Reptilien außerhalb ihres natürlichen Lebensraums – irgendwie zusammengewürfelt, doch bis ins kleinste Detail beobachtet und dargestellt.

Flower Power: Niederländische Malerinnen im 17. Jahrhundert

Kunstdoku

Sonntag, 7.6. — 16.45 Uhr
bis 4.9. auf arte.tv    

Anfang des 18. Jahrhunderts war die niederländische Blumenmalerin eine Art Superstar und man nannte sie „Hollands Kunstwunder“; ihre Bilder kosteten damals bisweilen doppelt so viel wie etwa die von Altmeister Rembrandt van Rijn (1606–1669). Aber anders als bei Jan Van Eyck, ­Peter Paul ­Rubens oder ­René ­Magritte – flämische Größen, die auch heute noch nahezu jeder Kunstinteressierte kennt – gerieten Ruyschs Geschichte und Werk in Vergessenheit. Und so wie ihr ging es vielen anderen Frauen in der Kunst, darunter Alida ­Withoos, ­Clara ­Peeters oder ­Maria ­Sibylla ­Merian. Wie kann es sein, dass diese Malerinnen, denen ­ARTE im Juni mit „Flower Power – Niederländische Malerinnen im 17. Jahrhundert“ eine Dokumentation widmet und die unverzichtbar für die Entwicklung der visuellen Kultur waren, heute fast vergessen sind? Warum haben Sammler, Forscher und Institutionen die Leistung der Künstlerinnen systematisch übersehen?

„Hirschkäfer, Amphibien und Palmen“, 1705, von Maria ­Sibylla ­Merian
Virtuos: „Hirschkäfer, Amphibien und Palmen“, 1705, von Maria ­Sibylla Merian. Foto: Maria Moninckx / picture alliance / Heritage Images

In der Berliner Gemäldegalerie stammen nur etwa ein Prozent der ausgestellten Werke von Frauen. Auch weltweit betrachtet, sind Künstlerinnen in Museen unterrepräsentiert. Manche Galerien versuchen zwar inzwischen, Versäumnisse aufzuholen – doch fürs Nachkaufen fehlt oft das Geld. Sonderausstellungen von Künstlerinnen aus dem 17. und 18. Jahrhundert bleiben daher eine Sensation. In einer ersten großen Retrospektive wurde ­Rachel Ruyschs meisterhafte Feinmalerei von 2024 bis 2025 in der Pinakothek in München als „überfällige Verneigung“ (Der Spiegel) gefeiert. „Die männlich dominierte Kunstgeschichte kümmerte sich lange nicht um die Sichtbarkeit der wenigen weiblichen Vertreter des Metiers“, kritisierte die Kuratorin der Ausstellung, Selvi Göktepe.

Blickt man auf die Lebzeit von Rachel Ruysch, stellt man fest, dass Frauen damals meist eine Ausbildung verwehrt blieb, nur in Ausnahmefällen gelang ihnen eine Karriere. Mit etwas Glück lernten sie in den Ateliers ihrer männlichen Verwandten und veröffentlichten unter deren Namen: „Ihre Arbeiten verschwanden oft in Werkstätten von Familienmitgliedern oder wurden später männlichen Künstlern zugeschrieben“, sagt ­Frederica van Dam, Kuratorin im Museum für Schöne Künste in Gent. Dort prägten anlässlich der Ausstellung „Unforgettable“ bis vor Kurzem Plakate mit der Aufschrift „Sie malte, er signierte“ das Stadtbild.

Maria ­Sibylla ­Merian, hier im Bildnis von ­Jacob Marrel, 1679
Maria ­Sibylla ­Merian, hier im Bildnis von ­Jacob Marrel, 1679. Foto: Jacob Marrel / Kunstmuseum Basel / gemeinfrei

Rachel Ruysch erging es anders. In einer Zeit des wissenschaftlichen Umbruchs warf sie ein neues Licht auf die Verbindung von Kunst, Forschung und Natur. Über ihren Vater ­Frederik Ruysch, der Direktor des botanischen Gartens in Amsterdam war, hatte sie Zugang zu einheimischen und exotischen Pflanzen, zu botanischen und amphibischen Präparaten – in Alkohol eingelegte Blüten, Kröten oder Eidechsen –, die durch die koloniale Expansion nach Europa kamen. Realistische Schmetterlinge schuf sie, indem sie die Tiere in frische Farbe drückte, Flügelreliefs und Pigmente sind also echt. Sie lernte im Atelier eines Amsterdamer ­Blumen- und Jagdbeute-Stillleben­malers, wurde das erste weibliche Mitglied der Haager ­Confrerie ­Pictura und Hofmalerin des Düsseldorfer Kurfürsten Johann ­Wilhelm von der Pfalz. Ihre Tulpen, Mohnblüten, Pfingstrosen, Libellen, offene Granatäpfel und Melonen waren so begehrt, dass sie es sich leisten konnte, nur wenige Sammlerstücke im Jahr zu produzieren. Selbst als Mutter von zehn Kindern und trotz einer beachtlichen Summe, die sie im Lotto gewann, legte sie den Pinsel nicht aus der Hand. Ihre Werke versammeln bis zu 30 Arten von verschiedenen Kontinenten. Noch heute können sie mühelos identifiziert werden.

„Schmetterlinge, eine Schlange und eine Schildkröte um eine blühende Agave“, zwischen 1686 und 1749, von ­Maria ­Moninckx 
„Schmetterlinge, eine Schlange und eine Schildkröte um eine blühende Agave“, zwischen 1686 und 1749, von ­Maria ­Moninckx. Foto: picture alliance / Fine Art Images / Heritage Images

Wiederentdeckte Künstlerinnen

Auch ihre Zeitgenossin Maria Sibylla Merian (1647–1717) schrieb als berühmte Naturbeobachterin und Künstlerin Geschichte. Sie zählt zu den Begründerinnen der modernen Entomologie, der Insektenkunde, und dokumentierte als Erste den Prozess der Metamorphose von der Raupe zum Schmetterling. Ihre Erkenntnisse fasste sie in ihrem Hauptwerk „Metamorphosis insectorum Surinamensium“ zusammen. Als alleinstehende Frau mit zwei Töchtern und erfolgreiche Unternehmerin reiste sie 1699 mit ihrer jüngeren Tochter auf eigene Initiative in den tropischen Urwald der damaligen niederländischen Kolonie Surinam, um dort tropische Insekten minutiös zu studieren und zu illustrieren. Wie Ruysch wird auch Merian heute wiederentdeckt: etwa in der Dauerausstellung des Museum Wiesbadens „Ästhetik der Natur“ – ein Hoffnungsschimmer, dass die marginalisierten Malerinnen der Kunstgeschichte nicht erneut vergessen werden.

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