Zwischen den Reihen

Er steht für den Arthouse-Film wie kaum ein anderer deutscher Schauspieler: Franz Rogowski spielt im Berlinale-Drama „Disco Boy“ einen Grenzgänger der Gesellschaft.

Porträt von Franz Rogowski
Foto: Sebastien Vincent / Contour / Getty Images

Franz Rogowski steht in „Disco Boy“ als Alexej auf einem militärischen Übungsplatz stramm, eingereiht unter jungen Männern in identischer Uniform. Die Abläufe sind einstudiert, auf Kommando setzt sich die Gruppe gleichzeitig in Bewegung. Alexejs Blick hebt sich kurz prüfend aus der Reihe, dann gliedert er sich wieder ein: ein Körper, der versucht, sich einer Ordnung anzupassen. Und ein Mann, der sich fragt, wo er hingehört. Einige Szenen später steht er allein auf der Tanzfläche eines Nachtclubs, Stroboskoplicht und Bass geben den Takt vor. Die Tänzer um ihn herum verschwimmen zu einer anonymen Masse; Rogowski tanzt ekstatisch – und verbindet sich im Trancezustand mit anderen.

Disco Boy

Drama

Mittwoch, 11.2.
— 23.00 Uhr
bis 11.4. auf arte.tv   

Das Spielfilmdebüt des italienischen Regisseurs ­Giacomo ­Abbruzzese, das ARTE im Februar ausstrahlt, wurde bei der Berlinale 2023 uraufgeführt. In „Disco Boy“ kreuzen sich die Wege zweier junger Männer: Der Belarusse Alexej schließt sich nach seiner illegalen Flucht aus der Diktatur seines Heimatlandes der französischen Fremdenlegion an. Er hofft auf die Staatsbürgerschaft Frankreichs, während Jomo (Morr N’Diaye) als Mitglied der Rebellengruppe MEND (Movement for the Emancipation of the Niger Delta) gegen die Machenschaften großer Ölkonzerne im Nigerdelta kämpft. Durch die Geiselnahme von Führungskräften einer Ölfirma verbinden sich ihre Schicksale. Abbruzzese befasst sich in seinem Antikriegsfilm damit, was Anderssein bedeutet. Dabei verzichtet er auf die gewohnte Sichtweise, das Publikum moralisch auf eine Seite des Konflikts zu ziehen.

Wie Alexej musste auch der in Berlin lebende deutsche Schauspieler Franz Rogowski seinen Platz erst finden: „Ich bin jemand, der sich immer wieder fragt: Wo ist eigentlich meine Position in der Gesellschaft? Wo bin ich zugehörig? Und was macht mich aus?“, sagt er im Gespräch mit dem Podcaster Matze Hielscher („Hotel Matze“). „In meinem Alltag bin ich jemand, der oft gerne in den Pool springen würde, sich aber eigentlich am Rande der Gesellschaft am wohlsten fühlt.“ Rogowski ist neurodivergent und hat eine eigene Art, sich auszudrücken; man hört ihm genau zu. Als Kind hatte er eine Lippenspalte, auf dem einen Ohr kann er nur 15 Prozent hören, auf dem anderen ist er taub. Seine Wörter klingen, als hätte er den Schlüssel zu einem Geheimnis, das er nicht preisgibt.

Am System der Leistungsgesellschaft ist der gebürtige Schwabe immer wieder angeeckt. Es gebe Orte, die jenen vorbehalten seien, die nach bestimmten Kriterien als dysfunktional gelten, kritisiert Rogowski. „Man kann damit Penner am Kotti werden. Oder man kann, wenn man wie ich aus dem Bildungsbürgertum kommt, einen künstlerischen Beruf erlernen.“ Begonnen hat seine Laufbahn als Tänzer; Schauspiel wurde für ihn zum Hoffnungsschimmer. Bevor es so weit kommen sollte, spielte er Saxofon in der U-Bahn, war Antiquariats-gehilfe, besuchte eine Schweizer Clownschule, wollte Physiotherapeut werden, war Choreograf. Seine erste Erfahrung mit einem Filmfestival bestand darin, auf dem Marktplatz von Locarno als Clown vor einem Café aufzutreten. Zehn Jahre später wurde Rogowski für seine Hauptrolle in „Luzifer“ (2021) persönlich zum Festival in Locarno eingeladen.

Franz Rogowski in
Alexej (Franz Rogowski) kämpft für einen französischen Pass in der Fremdenlegion. Aus dem Nigerdelta kommt er traumatisiert zurück: Die Gespenster des Krieges verfolgen ihn bis in die Pariser Clubs. Hélène Louvart gewann 2023 den Silbernen Bären für ihre Kameraarbeit. Foto: Films Grand Huit / ARTE F

Im Arthouse-Kino zu Hause

Entdeckt wurde der 1986 in Freiburg geborene Schauspieler vom Berliner Regisseur Jakob Lass: Nach dem Achtungserfolg von „Love Steaks“ (2013), in dem Rogowski als unbeholfener Masseur seine Probezeit in einem Wellness-Hotel an der Ostsee verbringt, kam 2015 sein Durchbruch mit „Victoria“. Seitdem ist Franz Rogowski im internationalen Arthouse-Kino zu Hause. 2018 wurde er bei der Berlinale als European Shooting Star ausgezeichnet und gewann den Deutschen Filmpreis. In seinem jüngsten Film „Bird“, einer optimistischen Coming-of-Age-Story der englischen „American Honey“-Regisseurin Andrea Arnold, spielt Rogowski einen schrägen Vogel in der Sozialsiedlungstristesse im südostenglischen Kent. Als Landstreicher im Schottenrock scheint er nirgendwo dazuzugehören, bis er sich mit einer anderen Außenseiterin anfreundet. „Ich bin auch privat der Typ an der Bar, der sich verkrampft am Bier festhält und voller Sehnsucht auf die Tänzer guckt“, sagt Rogowski im Interview mit Matze Hielscher. Seine Gedankenwelt beschreibt er darin so: „Während ich apathisch zwischen meinen Designermöbeln rumrenne und mich frage, was eigentlich meine Aufgabe ist, bin ich so vereinzelt in meinem Auftrag, mich selbst zu verwirklichen. Dabei ist ein wichtiger Teil von mir, mich mit anderen zu verbinden.“ Erst in einer Filmcrew werde er auf einmal Teil einer Gruppe, wie er es sonst nicht sein könnte.

Ich suchte nach meinem Platz in der Gesellschaft

Franz Rogowski, Schauspieler
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