»Eins der begehrtesten Gebiete der Welt«

Grönland rückt ins Zentrum globaler Machtkämpfe: Donald Trump will die arktische Insel den USA einverleiben – doch noch gehört sie zu Dänemark. Was bedeutet der wachsende Druck für Grönlands Unabhängigkeitsbestrebungen?

Die Stadt Ilulissat in Grönland aus der Vogelperspektive.
Rund 5.000 Einwohner hat die Stadt Ilulissat – fast ein Zehntel der Bevölkerung Grönlands. Foto: Eloi Omella/E+/Getty Images

Unlängst ließ Dänemarks König ­Frederik X. das Wappen der dänischen Krone umgestalten: Der Eisbär, der Grönland repräsentiert, nimmt darin nun deutlich mehr Raum ein als bisher. Der Spiegel deutete das neue Wappen als „subtile Botschaft“ an US-Präsident ­Donald Trump, der mehrmals gedroht hatte, die Insel unter US-Kontrolle zu bringen – notfalls auch mit militärischer Gewalt. Doch wie realistisch ist ein solches Szenario – und was wollen die Bewohnerinnen und Bewohner Grönlands? Marc ­Jacobsen, Professor am Royal Danish Defence College, spricht im ARTE Magazin über die Zukunft der Insel, die zunehmend zum geopolitischen Brennpunkt der Arktis wird.

ARTE Magazin Herr Jacobsen, wem gehört Grönland?

Marc Jacobsen Grönland gehört den Grönländern – formal ist es jedoch Teil des Königreichs Dänemark. Seit 2009 verfügt das Land über eine erweiterte Selbstverwaltung, die ihm ermöglicht, weite Teile der Innenpolitik eigenständig zu regeln. Davon ausgenommen sind unter anderem Außen-, ­Sicherheits-, ­Verteidigungs- und Währungs­politik. Wichtig ist: Grönland hat das Recht, jederzeit die Unabhängigkeit zu erklären. Das Selbstverwaltungsgesetz sieht vor, dass das Land nach einer Volksabstimmung ein eigener Staat werden kann, sobald Bevölkerung und Politik diesen Schritt für richtig halten.

Grönland – Der neue Rohstoffrausch

Geopolitsche Doku

Dienstag, 13.1.
— 21.45 Uhr
bis 23.4. auf arte.tv  

ARTE Magazin Was hält Grönland von diesem Schritt ab?

Marc Jacobsen Vor allem die fehlende wirtschaftliche Basis: Rund die Hälfte seines Staatshaushalts erhält Grönland weiterhin aus Dänemark.

ARTE Magazin Wie hat die historische Beziehung zwischen Dänemark und Grönland die aktuelle Situation geprägt?

Marc Jacobsen Grönland wurde 1721 von Dänemark kolonisiert und ist seit mehr als 300 Jahren eng an die dänische Krone gebunden. Im Zweiten Weltkrieg kamen erstmals die USA ins Spiel: Als die Nationalsozialisten Dänemark besetzten, übertrug der dänische Botschafter in den Vereinigten Staaten die Kontrolle über Grönland an die USA, um eine Besetzung durch die Nazis zu verhindern. Nach dem Krieg begann die schrittweise Dekolonisierung. Grönland wurde jedoch nicht wie Indien unabhängig, sondern zunächst als gleichberechtigter Teil Dänemarks eingegliedert und erhielt 1979 Home Rule – das heißt, es konnte einen Großteil seiner inneren Angelegenheiten selbstständig regeln. 2009 folgte die erweiterte Selbstverwaltung. Heute strebt eine Mehrheit der Grönländer langfristig vollständige Unabhängigkeit an.

ARTE Magazin Donald Trump will Grönland unter US-Kontrolle bringen. Was verspricht er sich von Grönland – gerade jetzt?

Marc Jacobsen Grönland war bereits im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg von großer strategischer Bedeutung, verlor danach jedoch an Gewicht. Seit den 2000er Jahren ist es für die nationale Sicherheit der USA wieder von höchster Bedeutung. Ein Blick auf den Globus zeigt, warum: Die kürzeste Route russischer Raketen in Richtung USA verläuft über Nordgrönland. Deshalb betreiben die USA dort mit der Pituffik Space Base einen ihrer wichtigsten Frühwarnstandorte, der potenzielle Angriffe über den Nordpol mit Vorlauf erkennt. Mit der zunehmenden Militarisierung der Arktis durch Russland sowie den verschlechterten Beziehungen zwischen den Großmächten wächst der geopolitische Druck weiter. All das macht Grönland heute zu einem der begehrtesten und strategisch bedeutendsten Gebiete der Welt.

ARTE Magazin Es geht Trump also um die Sicherheit der USA?

Marc Jacobsen Das ist zumindest die offizielle Erzählung. Neben geostrategischen Motiven dürfte jedoch auch sein Ego eine Rolle spielen: Trump möchte als bedeutender Präsident in die US-Geschichte eingehen. Die Vereinigten Staaten durch den Erwerb neuen Territoriums zu erweitern, fügt sich dabei gut in sein „Make America Great Again“-Versprechen ein.

ARTE Magazin Welche Rolle spielen Rohstoffe?

Marc JacobsenGrönland verfügt über zahlreiche Ressourcen, darunter Seltene Erden, die unter anderem für Elektronik und moderne Waffentechnik benötigt werden. Diese Stoffe sind global jedoch nicht wirklich rar – auch die USA und Australien besitzen große Vorkommen. Grönlands Lagerstätten liegen vor allem im Süden, doch der Abbau ist extrem teuer und aufgrund des Eisschilds technisch schwierig. Hinzu kommt die fehlende Infrastruktur: Für jede Mine müssten Straßen, Häfen und Versorgungseinrichtungen erst gebaut werden.

Der Privatjet von Donald Trump.
Im Zuge der von seinem Vater angestoßenen Diskussion um die Übernahme von Grönland durch die USA reiste der Geschäftsmann ­Donald Trump Jr. im Januar 2025 mit einem Privatjet in die grönländische Hauptstadt Nuuk. Foto: picture alliance/Emil Stach/Scanpix 2025

ARTE Magazin Umfragen zufolge wollen nur sechs Prozent der Grönländer einen Anschluss an die USA. Was unternimmt Washington, um das Interesse der Menschen zu wecken?

Marc Jacobsen Die USA versuchen gezielt, das Bild Dänemarks zu beschädigen, indem sie Dänemark als unzuverlässigen Partner darstellen und dunkle Kapitel der gemeinsamen Geschichte hervorheben. Es stimmt zwar, dass es dunkle Kapitel gibt – doch die dänische Politik arbeitet seit Jahren an der Aufarbeitung und entschädigt Betroffene. Darüber hinaus lädt das US-Konsulat regelmäßig grönländische Politiker und andere einflussreiche Persönlichkeiten ein, um die Beziehungen zu vertiefen. Laut Umfragen zeigt all das jedoch wenig Wirkung: Die USA werden in Grönland höchst kritisch gesehen. Gleichzeitig kursieren Berichte, wonach im Weißen Haus durchgerechnet wird, was ein Kauf Grönlands kosten würde. Bei nur 55.000 Einwohnern wäre es für die USA ein Leichtes, jeden Grönländer zum Millionär zu machen.

ARTE Magazin Trump hat angedeutet, notfalls auch militärisch vorzugehen. Wie wahrscheinlich ist dieses Szenario?

Marc Jacobsen Die USA könnten Grönland ohne große Schwierigkeiten besetzen – sie sind die stärkste Militärmacht der Welt und verfügen seit dem Zweiten Weltkrieg über eine bedeutende Militärpräsenz vor Ort. Dennoch halte ich dieses Szenario für unwahrscheinlich. Auch die USA können nicht völlig im Alleingang handeln. Außerdem hat Trump es sich zum Ziel gesetzt, den Friedensnobelpreis zu gewinnen. Eine Militärinvasion Grönlands wäre dafür wohl hinderlich.

ARTE Magazin Wie verändert die Klimakrise Grönland – auch geopolitisch betrachtet?

Marc Jacobsen Der Klimawandel bedroht traditionelle Jagdformen und die grönländische Tierwelt, eröffnet dem Land wirtschaftlich aber zugleich neue Chancen: Wenn das Eis schmilzt, entstehen neue Schifffahrtsrouten und Rohstoffe werden leichter zugänglich. Viele Grönländer sehen den Klimawandel daher weniger als unmittelbare Gefahr. Global betrachtet ist die Lage dramatischer: Würde das grönländische Eisschild vollständig schmelzen, stiege der Meeresspiegel weltweit um circa sieben Meter – mit verheerenden Folgen für Küstenmetropolen von Kopenhagen bis Peking. Heute bauen auch nichtarktische Staaten – allen voran China – ihren politischen Einfluss in der Arktis aus.

ARTE Magazin Baut China seinen Einfluss auch in Grönland aus und wenn ja, auf welche Weise?

Marc Jacobsen Bis vor einigen Jahren verfolgte China wirtschaftliche Interessen, etwa durch Investitionen in Bergbauprojekte und den Versuch, am Bau von Flughäfen mitzuwirken. Doch die dänische Regierung schob diesen Plänen einen Riegel vor und machte klar, dass China in Grönland unerwünscht ist. Heute hat die Volksrepublik – anders als von Trump behauptet – keine Präsenz in Grönland.

ARTE Magazin Wird Grönland in absehbarer Zeit unabhängig?

Marc Jacobsen Langfristig wird sich Grönland in Richtung Unabhängigkeit bewegen. Sicherheitspolitisch bleibt das Land fest im westlichen Bündnis verankert; die Nato-Präsenz könnte sogar ausgeweitet werden. Selbst als voll souveräner Staat hätte Grönland nicht die Mittel, sein riesiges Gebiet ohne Partner zu verteidigen.

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