»Es ging um etwas Größeres«

Nach dem Dreh eines regimekritischen Films im Iran mussten Mahsa Rostami und ­Setareh ­Maleki ins Exil fliehen. Ein Gespräch über schmerzhafte Verluste und das Leben zwischen zwei Welten.

Schauspielerinnen Setareh Maleki (r.), Mahsa Rostami (M.) und Co-Darstellerin Niousha Akhshi
Während die „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste im Iran eskalieren, steigt ein Mann am Revolutionsgericht zum Ermittlungsrichter auf. Seine Töchter Sana (Setareh ­Maleki, ­Foto r.) und ­Rezvan (­Mahsa Rostami, M.) sind fassungslos. Für die Schauspielerinnen Setareh Maleki (r.), Mahsa Rostami (M.) und Co-Darstellerin Niousha Akhshi ist Zusammenhalt das Wichtigste. Foto: Ronald Dick

Die Bedingungen hätten schwieriger nicht sein können: Weil der für seine regimekritischen Positionen bekannte iranische Filmemacher ­Mohammad ­Rasoulof für „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ keine Drehgenehmigung erhielt, musste er den Film heimlich realisieren. Die Dreharbeiten konnten abgeschlossen werden – doch kurz vor der geplanten Premiere bei den Filmfestspielen in Cannes 2024 wurde ­Rasoulof von einem iranischen Gericht zu acht Jahren Haft und Peitschenhieben verurteilt. Die Anklage: „Verschwörung gegen die nationale Sicherheit“. ­Rasoulof aber tauchte unter – und floh vor den Revolutionsgarden nach Deutschland ins Exil. Auch die Schauspielerinnen ­Mahsa ­Rostami und ­Setareh Maleki, die in dem preisgekrönten Familiendrama die Töchter eines Ermittlungsrichters am Revolutionsgericht spielen, mussten wenig später fliehen. Mit dem ­ARTE ­Magazin sprechen sie über den Verlust einer Heimat, die für sie nie sicher war – auf Farsi, weil es ihnen leichter fällt, über belastende Themen in ihrer Muttersprache zu sprechen.

Die Saat des heiligen Feigenbaums

Drama

Mittwoch, 13.5.
— 21.55 Uhr
bis 11.6. auf arte.tv   

 

ARTE Magazin Frau Maleki, Frau Rostami, Sie beide haben in „Die Saat des Heiligen Feigenbaums“ trotz vieler Gefahren mitgespielt und in der Folge den Iran verlassen müssen. Wie blicken Sie heute auf Ihre Entscheidungen?

Setareh Maleki Die Dreharbeiten begannen ein Jahr nach den „Frau, Leben, Freiheit“-Protesten. Wir wussten, dass es gefährlich war, im Land zu drehen. Wir alle kannten das Risiko. Trotzdem entschieden wir uns für den Film. Wir wussten, dass es um etwas Größeres ging als um Kino. Wir gingen das Risiko ein, weil wir an das Projekt glaubten. Trotzdem lässt du am Ende alles zurück, wenn du deine Heimat verlässt: deine Beziehungen, deinen Besitz, dein Zuhause, deine Familie, deine Mutter. Du lässt das alles zurück, ohne zu wissen, ob du jemals zurückkehren kannst.

Mahsa Rostami Als wir den Film drehten, dachte ich nicht über das nach, was danach kommen würde. Für mich zählte nur der Film. Ich wollte irgendetwas tun, aktiv sein, angesichts dessen, was bei den „Frau, Leben, Freiheit“-Protesten passiert war. Ich wollte eine Rolle bei diesen Ereignissen spielen; durch das Schauspielern konnte ich Stellung beziehen. Als wir Monate nach dem Dreh in Deutschland ankamen, ging die Unterdrückung der Menschen im Iran weiter, es wurde sogar schlimmer. Die Ereignisse überschlugen sich, und die schwierige Situation in meiner Heimat ließ mich nicht los. Im Iran konnte ich mich dafür entscheiden zu handeln, indem ich am Film mitarbeitete. Jetzt fühle ich mich machtlos. Was kann ich noch tun, nachdem ich den Iran verlassen habe?

ARTE Magazin Aufgrund des Internet-Shutdowns im Iran können Sie keinen Kontakt mit Ihren Angehörigen und Freunden haben. Was bedeutet das für Sie im Exil?

Mahsa Rostami Du bist weder hier noch dort. Auf der einen Seite bist du als Eingewanderte hier im Land und musst dein eigenes Leben aufbauen. Du musst dich um deine Beziehungen kümmern, neue Menschen kennenlernen. Aber niemand kann nachvollziehen, in welchem Zustand du innerlich bist. Es ist schwer, wenn Körper und Geist noch an einem anderen Ort verhaftet sind, während man physisch bereits hier ist. Du weißt nie, was am nächsten Tag, ja sogar in der nächsten Stunde passiert und wie es deiner Familie, deinen Freunden und Liebsten ergehen wird.

ARTE Magazin Die Islamische Republik bedeutet Gewalt und Unterdrückung, davon handelt auch der Film. Bei den Protesten im Januar 2026 hat das Regime Tausende, wenn nicht Zehntausende Menschen getötet. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Mahsa RostamiEs fällt mir schwer, Worte dafür zu finden. Ich habe so viele Videos gesehen, die zeigen, auf welch brutale Weise das iranische Regime junge Menschen getötet hat. Während wir miteinander sprechen, fällt mir Sonnenlicht ins Gesicht. In solchen Momenten bestaune ich die Schönheit des Lebens – und im nächsten Augenblick sehe ich wieder all diese Schreckensbilder vor mir, die Gesichter all dieser Iranerinnen und Iraner, die nicht mehr am Leben sind. Ich würde dieses Gefühl nicht als schlechtes Gewissen beschreiben. Es ist eher, als hätte ich den Zugang zu meinem Körper verloren, als lebte ich in ständiger Trauer um eine Welt, in der diese wunderbaren Menschen nicht mehr da sind, ich aber schon. Ich sehe ihre Gesichter, wenn ich morgens aufwache und abends schlafen gehe, wenn ich Freude empfinde oder Musik höre. Es ist so ungerecht: Sie leben nicht mehr – und ich schon.

Setareh Maleki Die Trauer über die Getöteten sitzt so tief, dass Worte ihre Bedeutung verlieren. Deshalb frage ich mich: Welche Freiheit kann es angesichts dieser Trauer überhaupt noch geben? Welche Freude? Selbst wenn das Regime fallen sollte – wie sollen wir nach diesen Massentötungen weiterleben? Ja, wir sind hier, wir leben noch. Aber wo sind die anderen? Als jemand, der überlebt hat und dessen Angehörige noch leben, frage ich mich: Was ist mit den Familien, die jemanden verloren haben? Ist Freiheit für sie diesen schmerzhaften Verlust wert? Wir wissen es nicht. Ja, es wird wunderbar sein, wenn die Menschen im Iran eines Tages Freiheit erlangen. Aber angesichts der überwältigenden Trauer in der Bevölkerung weiß ich nicht, was das wirklich bedeuten wird.

ARTE Magazin Der Zusammenhalt der Menschen im Iran scheint sehr groß zu sein. Das sieht man zum Beispiel daran, dass politische Gefangene, die freigelassen werden, oft sagen, dass sie über ihre Freiheit keine Freude empfinden können, solange ihre Mitstreiter noch im Gefängnis sind. Woher kommt dieses starke Gefühl des Zusammenhalts?

Setareh Maleki Freiheit ist nur dann etwas wert, wenn sie gemeinsam erlebt wird. Wenn nur du frei bist, ist sie doch sinnlos. Wir müssen sie alle zusammen spüren können. Wenn ­Mahsa und ich einen besonders schönen Moment erleben, etwas, das im Iran unmöglich gewesen wäre, fangen wir plötzlich an zu weinen – das ist uns jetzt schon öfter passiert. Es schmerzt, dass wir diese Freiheit erleben können, aber unsere Familie und unsere Freunde im Iran nicht. Hinzu kommt: Wenn das Regime an der Macht bleiben sollte, dann wird es noch schlimmer werden für die Menschen. Sie können ja das Land nicht verlassen! Für Iranerinnen und Iraner ist es extrem schwer, ein Visum zu bekommen. Das ist unglaublich grausam: Obwohl Krieg herrscht, werden für die Menschen weder Wege geschaffen, damit sie fliehen können, noch wird ihnen Schutz gewährt – es werden teilweise sogar Visa entzogen.

ARTE Magazin Wir sehen im Iran Menschen, denen Gesang und Tanz offenbar helfen, mit der schweren Situation umzugehen. Kann Kunst in einer Situation der Machtlosigkeit wirklich etwas ausrichten?

Mahsa Rostami Wenn es mir schlecht geht, versuche ich zu schreiben, ich führe Tagebuch. Ich versuche, meinen Schmerz in eine künstlerische Form zu gießen. Außerdem tanze ich. Ich habe ein Soloprogramm, das ich demnächst an einer Universität zeigen werde. Vielleicht kann ich durch meinen Tanz den Schmerz, der im Körper sitzt, verwandeln. Ich glaube, dass Kunst es ermöglicht, Schmerz sichtbar zu machen und zu transformieren.

Setareh Maleki Bei der Frage nach der Rolle der Kunst gibt es eine Schwierigkeit: Die Gesellschaft im Iran ist der Kunst oft einen Schritt voraus. Die Menschen zeigen so viel Mut und einen so starken Wunsch nach Veränderung, dass ich ihnen als Künstlerin nur staunend dabei zusehen kann – mit dem Gefühl, ihnen immer hinterher zu sein. Ich werde mit meiner Kunst vielleicht nie dorthin gelangen, wo die iranische Gesellschaft bereits ist.

ARTE Magazin In der Berichterstattung in Deutschland wird genau diese Realität von Menschen im Iran oft weggelassen. Sie beide haben Ihre Freiheit und Ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um diese Realität zu zeigen. Wie nehmen Sie Debatten um Krieg und Gewalt in westlichen Staaten wahr?

Setareh Maleki In meiner Wahrnehmung sind Medien im Westen oft sehr ungerecht gegenüber der Bevölkerung im Iran. Die Menschen werden dargestellt, als seien sie Teil eines Spiels. Es wird nicht über sie berichtet, sondern über politische Strategien. Dabei sind 90 Millionen Menschen im Iran seit Monaten vom Internet abgeschnitten. Es schmerzt mich, dass Menschen im Ausland für die Bevölkerung sprechen, obwohl nur die Menschen im Land wirklich erzählen können, was sie denken und was sie erleben. Die Menschen im Iran wollen vor allem Internet – damit sie für sich selbst sprechen können.

ARTE Magazin Sie haben ihre Heimat verlassen, ohne zu wissen, ob und wann Sie zurückkehren können. Was bleibt Ihnen derzeit an Hoffnung – und was wünschen Sie sich derzeit am allermeisten?

Mahsa RostamiDas ist eine schwierige Frage. Im Moment wirkt die ganze Welt sehr dunkel auf mich. Natürlich wünsche ich mir, dass die Welt zu einem besseren Ort für alle Menschen wird. Ich habe in meinem Leben
eigentlich immer versucht, Hoffnung zu haben, Licht im Herzen zu tragen. Aber diese Hoffnung ist sehr klein geworden, und alles wird immer finsterer. Es sind ja nicht nur ein oder zwei Probleme, die gelöst werden müssen. Es ist viel komplexer. Trotzdem wünsche ich mir, dass die Welt zu einem Ort wird, an dem alle Menschen gut leben können.

Setareh Maleki Ich hoffe, dass die Wünsche der ­Menschen im Iran in Erfüllung gehen. Und dass die Menschen dort endlich leben können – und zwar wirklich leben.

 

 

Zur Person

Setareh Maleki, Schauspielerin

1992 in Teheran geboren, spielte Maleki in diversen internationalen Produktionen mit, darunter die ARTE-Serie „Happiness“ (2025). 2024 floh sie zunächst nach Frankreich, heute lebt sie in Berlin. 

Mahsa Rostami, Schauspielerin

Die 1992 geborene Iranerin erlangte mit ihrer Rolle in „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ internationale Aufmerksamkeit. Im Jahr 2022 beteiligte sie sich an den „Frau, Leben, Freiheit“-Protesten. Seit ihrer Flucht 2024 lebt sie in Deutschland.

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