Komplexe Leichtigkeit

Mia Hansen-Løve zählt zu den wichtigsten Stimmen des französischen Kinos. Bei ihr verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Privatem und Künstlerischem. Was macht die Ästhetik ihrer Filme aus?

Foto: Julien Mignot/ Contour by Getty Images

Die Kamera ist außerhalb eines Bads positioniert, mittels eines Spiegels filmt sie einen Mann beim Duschen. Zu sehen ist eine Folternarbe. ­Was man noch nicht weiß: Gabriel ­Dahan (­Roman ­Kolinka) ist Kriegsreporter und wurde soeben aus einer Geiselnahme in Syrien befreit. Die Ansicht auf den Duschenden ist frontal, der nackte Körper wird in einer langen Einstellung gezeigt. Gleichzeitig wahrt die Kamera Abstand und gewährt einen Schutzraum zwischen dem Protagonisten, der sich rezivilisiert, indem er seinen Bart stutzt, und den Zuschauern. „Diese Art der Distanz entspricht meiner Weltsicht: lieber nicht zu nah ran, aber auch nicht zu weit weg“, sagte Regisseurin ­Mia Hansen-­Løve kürzlich in einem ARTE-Interview. Die Szene stammt aus dem Drama „­Maya“ (2018), das ARTE im Januar zeigt, und ist exemplarisch für die Arbeit der Französin, die zu den wichtigsten Filme­macherinnen ihrer Generation gehört.

Mia Hansen-Løves Filme sind geprägt von spürbarer Aufrichtigkeit, authentischen Emotionen und einem ethischen Kompass. Dabei verarbeitet die 1981 in Paris geborene Regisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin offensichtlich ihre innere Suche nach sich selbst, die sie oftmals aus ihrer Heimatstadt herausführt, etwa nach Indien oder auf die schwedische Insel Fårö. Ohne autobiografisch zu sein, scheinen in ihren Filmen stets Themen aus ihrem eigenen Leben durch. Das alles passiert geradezu nebenbei, könnte man meinen, so minimalistisch und leichtfüßig, wie die Französin die komplizierteren Fragen des Lebens thematisiert. Filme sollten, so beschreibt sie es, immer „zum Licht führen“. 

Als 16-Jährige lernte Hansen-Løve in einem freien Casting für das Drama „Ende August, Anfang September“ (1998) den 26 Jahre älteren Filmemacher ­Olivier ­Assayas kennen. Später wurden die beiden ein Paar und bekamen eine Tochter. Während der Dreharbeiten entdeckte die junge, gänzlich unerfahrene Schauspielerin ihr Faible für die Regiearbeit: „Die kathartische Dimension des Kinos, seine emanzipatorische Dimension, das alles wurde mir bewusst“, erinnert sie sich. In der Folge produzierte sie zwei Kurzfilme, 2007 erschien ihr Spielfilmdebüt „Alles ist vergeben“, in dem sie die Trennung ihrer Eltern verarbeitet. Es folgten sechs weitere Filme, darunter „Eden“ (2014) – ein Tribut an die Musikszene, das sie mit ihrem Bruder schrieb, der selbst DJ ist – und „Alles was kommt“ (2016), ihr internationaler Durchbruch mit ­Isabelle ­Huppert in der Hauptrolle. Der Film unterscheidet sich von ihrem vorangegangenen Werk: Er handelt nicht von Jugend, sondern von einer reifen Philosophielehrerin, die sich mit der Vergänglichkeit des Lebens auseinandersetzt, wobei die Rolle an Hansen-­Løves Mutter angelehnt ist.

Ihre Drehbücher sind geprägt von Ellipsen und Handlungen, die bewusst im Off bleiben. Die eigene Vorstellung davon, was ein Film bewirken soll, setzt Hansen-­Løve präzise um – ohne komplizierte Einstellungen oder akrobatische Spezial­effekte. Da sie nie auf einer Filmhochschule war, habe sie sich anfangs eingeschränkt gefühlt in ihrem Filmvokabular, sagt sie. Dabei gelang es ihr immer wieder, daraus eine Stärke abzuleiten: „Minimalismus und Einfachheit transportieren genauso eine bestimmte Emotion; es geht um Menschlichkeit und im Grunde um Wahrheit“, erklärt Hansen-­Løve. Müsste man ihre Filmografie in einem Wort zusammenfassen, wäre „Subtilität“ wohl eine passende Zuschreibung. Kinematografische Tricks und Offensichtliches lehnt Hansen-­Løve ab, sie sucht das Skizzenhafte, das Simple. Wie viel Arbeit sich hinter der vermeintlichen Einfachheit versteckt, lässt sich nur erahnen.

Maya

Liebesdrama 

TV Montag, 10.1. — 22.10 Uhr

Minimalismus und die Reise ins Ungewisse

Ihren dänischen Nachnamen hat Hansen-Løve ihrem Großvater zu verdanken; auch darüber hinaus fühlt sich die Französin der skandinavischen Kultur verbunden. Nicht von ungefähr zieht es sie nach ihrer Indien-Produktion „Maya“ für ihre jüngste Produktion „Bergman Island“ (2021) auf die pittoreske Insel Fårö, Heimat von Film-Ikone Ingmar Bergman (1918–2007), Hansen-Løves Vorbild. Die Magie von Fårö habe sie eingeholt, selten habe sie sich so frei gefühlt, schwärmt die 40-Jährige: „Plötzlich konnte ich zwischen den Welten hin und her springen: Fiktion und Realität, Vergangenheit und Gegenwart. Es ging leicht und ungehemmt.“ Die Arbeit sei emanzipatorisch für sie gewesen, was viel mit der Insel selbst zu tun habe. Dort konnte sie ihre jahrelange Angst, zu versagen, erfolgreich überwinden.

Bei Hansen-Løve verhält es sich analog zu ihrem Protagonisten in „Maya“, der nach Goa geht, um die traumatischen Erlebnisse hinter sich zu lassen, und dort Gefühle für die deutlich jüngere Maya (Aarshi Banerjee) entwickelt. Wie er hatte sie das Bedürfnis, sich von alten Dingen zu befreien: „Den Blick, den ich in einem französischen Kontext habe, wollte ich beibehalten, während ich mich davon entferne.“ Wohin die Reise führt, bleibt offen – wie das Ende ihrer Filme. Denn, so die Filmemacherin: „Alles soll wie ein Fluss sein, der weiterfließt, auch wenn wir den Ort des Geschehens verlassen.“

Filme müssen mich zum Licht führen

Mia Hansen-Løve, Regisseurin