Für einen Trip nach Las Vegas gibt es viele Gründe – Casinos, Shows, Heiraten, Party oder auch Business. Den wohl tragischsten lieferte der Film „Leaving Las Vegas“ aus dem Jahr 1995. „Ich bin nur hier, um mich totzusaufen“, verkündet darin der gescheiterte Drehbuchautor Ben Sanderson, oscarprämiert gespielt von Nicolas Cage. Auch ohne planmäßig herbeigeführte Alkoholvergiftung: Trocken ging es in der Stadt nie zu, nicht einmal zu Zeiten der Prohibition nach dem Ersten Weltkrieg. Kaum verborgen blühten Schnapsbrennerei und Schmuggel. Die Verantwortlichen sahen meist weg.
Den großen Durst stillen, das lag schon im Ursprung des Ortes in der Mojave-Wüste. Natürliche Quellen, die einzigen im weiten Umkreis, machten das von den Spaniern Las Vegas, die Auen, genannte Tal bereits im frühen 19. Jahrhundert zum bevorzugten Rastplatz von Händlern und Trecks Richtung Kalifornien. Wasser brauchte auch die erste Eisenbahnlinie, ihr Haltepunkt führte 1905 zur Stadtgründung im Nirgendwo von Nevada. Eine Mischung aus lockerem Umgang mit Alkohol und Glücksspiel plus reichlich Mafiageld erwies sich fortan als ausgesprochen fruchtbar. Binnen weniger Jahrzehnte stieg die Kleinstadt mit ihren verruchten Vierteln zur glitzernden Metropole auf – grell, laut, überdreht. Typisch amerikanisch.
Hollywood liebt den Mythos und Moloch Las Vegas. Vor allem die hedonistisch-coolen 1990er Jahre sahen eine regelrechte Vegas-Welle, etwa Martin Scorseses Mafia-Krimi „Casino“ und Paul Verhoevens Erotikdrama „Showgirls“ (beide 1995) oder die psychedelische Drogen-Odyssee „Fear and Loathing in Las Vegas“ (1998) von Terry Gilliam nach Hunter S. Thompsons gleichnamigem Roman. Exzesse bis zum kollektiven Filmriss der Protagonisten feierte Jahre später Todd Philips in seiner „Hangover“-Trilogie (2009–2013). Die Buddy-Blockbuster holten ein nicht nur bei Junggesellenabschieden ungeschriebenes Gesetz ins Kino: Was in Las Vegas passiert, bleibt in Las Vegas.
Welche schroffen Kontraste die Party- und Entertainment-Kapitale der USA im echten Leben in sich vereint, beleuchtet der Dokumentarfilm „Las Vegas und der amerikanische Traum“, den ARTE in diesem Monat zeigt. So haust etwa ein Heer von Obdachlosen in finsteren Kanalsystemen unter den neonflimmernden Hotel- und Vergnügungspalästen. Doch auch die Glamourwelt oben strahlt nicht ungetrübt, trotz spektakulärer Neuzugänge. Zu ihnen gehört das Hard Rock Las Vegas in Form einer riesigen E-Gitarre. Ihm musste das legendäre The Mirage weichen, in dem einst Siegfried und Roy mit ihren weißen Tigern aufgetreten waren. Der Gigant Las Vegas mit seinen rund 155.000 Hotelzimmern schwächelt – und das in einem international wachsenden Reisemarkt. Vergangenes Jahr zählte die offizielle Tourismusorganisation Las Vegas Convention and Visitors Authority 38,5 Millionen Besucher, ein Minus von 7,5 Prozent gegenüber 2024. Gemessen am stärksten Vegas-Jahr 2016 ging die Gästezahl innerhalb einer Dekade sogar um ein Zehntel zurück. Berichte über die Stadt in der Krise und im Niedergang häufen sich.
Kritik am gierigen Las Vegas
Die Gründe für das Fernbleiben der Gäste sind kaum weniger vielfältig als jene für einen Besuch. So kritisieren etwa US-amerikanische Reisende das gierige Las Vegas: Zu hohen Hotelpreisen kommen satte Aufschläge für Parken und andere Leistungen. Casinos heben die Mindesteinsätze an Spieltischen an. Ein Ehepaar aus Cleveland, ein Vierteljahrhundert lang eingeschworene Las-Vegas-Fans, klagte vergangenes Jahr im Nevada Independent, sie wollten „nicht 400 Dollar für jede Mahlzeit bezahlen“. Nachwachsende Generationen spielen lieber online als in Casinos. Deutlich ablesbar ist die Zurückhaltung internationaler Gäste, allen voran der fürs Geschäft wichtigen Kanadier. Ein Viertel weniger kamen 2025, als Folge des Umgangs von US-Präsident Donald Trump mit dem Nachbarland. Der Direktor des Circa Resorts & Casinos warb im Januar um kanadische Gäste mit einem Eins-zu-eins-Umtauschkurs für deren heimische Dollars – ein 30-Prozent-Rabatt. Auch europäische Touristiker spüren den Trump-Effekt. Zum generellen Image-schaden verunsichern potenzielle Kunden die Berichte über Probleme bei der Einreise.
Ungemach droht der Wüstenstadt noch von ganz anderer Seite: Allen Krisentendenzen zum Trotz zieht Las Vegas Menschen an, Besucher und Zuzügler. Sie alle brauchen Wasser. Seit fast einem Jahrhundert spendet das der Lake Mead, wo der Hoover Dam den Colorado River aufstaut. Der Pegel ist aufgrund klimatischer Veränderungen auf ein Drittel gesunken. Ausgerechnet Las Vegas, die Quelle für so viele Durstige, läuft Gefahr auszutrocknen.






