»Mich interessiert Präzision«

Leonie Benesch spielt erfolgreich Frauen in Alltagsberufen. Es geht ihr um exaktes Beobachten und Handwerk, ohne Dramen am Set.

Porträt von Leonie Benesch
Mit „Das weiße Band“ startete 2009 die Karriere. Die Serie „Babylon Berlin“ brachte Leonie Benesch 2018 den Deutschen Schauspielpreis ein. „Das Lehrerzimmer“ (2023), „September 5“ (2024) und „Heldin“ (2025) waren jeweils Oscar-Anwärter. Foto: Matt Winkelmeyer / Getty Images

Fünf Minuten vorm vereinbarten Termin erscheint Leonie Benesch am Treffpunkt, einem Café in Berlin-Kreuzberg. Durch den lebhaften Betrieb lässt sie sich kein bisschen vom Gespräch ablenken. Typisch für die 34-jährige Schauspielerin, die auch in ihrem Beruf fokussierte Professionalität schätzt: Dazu zählen genau recherchierte und geschriebene Drehbücher ebenso wie diszipliniertes Arbeiten am Set. „Dann kann man schon mal eine halbe Stunde früher als geplant fertig sein“, sagt die gebürtige Hamburgerin, die mittlerweile in Berlin zu Hause ist. Seit sie mit 17 Jahren, noch vor dem Abitur, das Kindermädchen Eva in Michael Hanekes Historiendrama „Das weiße Band“ (2009) verkörperte und dafür unter anderem den Nachwuchspreis „Young Artist Award“ erhielt, beeindruckt ihr präzises Spiel Publikum und Kritik gleichermaßen. Das gilt auch für die mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnete Hauptrolle im Drama „Das Lehrerzimmer“ (2023) von Regisseur İlker Çatak, das ARTE im Februar im Rahmen des Schwerpunkts zur Berlinale zeigt. Als junge, engagierte Lehrerin Carla Nowak will sie Diebstähle an ihrer Schule aufklären, steht aber in einem Klima aus Misstrauen, Vorurteilen und Doppelmoral am Ende allein gegen alle. Warum sie auf Filme wie diesen stolz ist, als Kostüm am liebsten Alltagskleidung trägt und was sie von der Berlinale erwartet, hat Leonie Benesch dem ARTE Magazin erzählt.

ARTE Magazin Frau Benesch, Carla Nowak ist Idealistin, will alles richtig machen, aber am Ende laufen die Dinge komplett falsch. Ist Ihnen die Figur trotzdem sympathisch?

Leonie Benesch Ja, sie ist schon eine Lehrerin, die man sich für seine Kinder wünscht – oder die man selbst gern gehabt hätte. Ich finde es auch gut, wenn Menschen die Initiative ergreifen, um Verhältnisse zu verbessern. Die Kettenreaktion, die im Film ausgelöst wird, zeigt aber: Egal, wie gut die Absichten sind, Menschen sind Menschen, und Scheiße passiert.

Das Lehrerzimmer

Drama

Mittwoch, 18.2.
— 20.15 Uhr
bis 18.5. auf arte.tv   

 

ARTE Magazin Nach der Berlinale-Premiere des Films sagte ein Zuschauer, das sei das Unheimlichste, was er auf dem Festival gesehen habe. Können Sie das nachvollziehen?

Leonie Benesch Das kann ich sehr gut. Diese Mobbing-Kultur, das Worst-Case-Stress-Szenario, eine kleine Angelegenheit, die man bereinigen will, und wie das dann außer Kontrolle gerät – das ist wie ein Foltervideo für Lehramtsstudenten. Allein Marvin Millers Soundtrack ist reinstes Thriller-Material. Ich habe den Film vier Mal gesehen und war immer wieder überrascht, wie gestresst ich danach gewesen bin.

ARTE Magazin Sie waren Waldorf-Schülerin. Die Bedingungen waren vermutlich anders als in der Schule im Film?

Leonie Benesch Nur weil der Unterricht und die Fächer anders sind, heißt das nicht, dass es kein Mobbing gibt – abgeschwächt vielleicht.

ARTE Magazin Was sagt „Das Lehrerzimmer“ über das deutsche Schulsystem aus?

Leonie Benesch Der Film spielt in der Schule, aber es ist eigentlich ein Kommentar zur aktuellen Debattenkultur. Alle sind nur darauf bedacht, gut dazustehen und recht zu haben, statt auf das Gegenüber einzugehen und ein tatsächliches Miteinander zu leben. İlker Çatak und Co-Autor Johannes Duncker haben gesagt, dass für sie die Schule eine spannende Struktur ist, ein Sinnbild für den Staat – mit der Direktorin als Oberhaupt, Lehrerinnen und Lehrern als Politiker und Schülerinnen und Schülern als Volk. Es gibt sogar ein Presseorgan, alles ist vorhanden.

ARTE Magazin Lehrerzimmer sind für die meisten eine Art Blackbox. Haben Sie sich speziell auf die Rolle vorbereitet?

Leonie Benesch Dafür war keine Zeit, ich kam direkt von Dreharbeiten aus Belgien. Die Frage ist: Welche Zutaten fehlen mir, um eine solche Figur zu verstehen und darzustellen? Ich könnte mir nie vorstellen, Lehrerin zu sein. Aber wir haben alle Erfahrungen als Schüler, kennen die andere Seite der Medaille. Ich konnte mich gut daran erinnern, wie man Lehrer dazu brachte, die Fassung zu verlieren, an Ticks oder Verhaltensweisen, die man peinlich fand. Es geht dabei für mich um körperliche Dinge: Wie verändert sich der Atem? Wie spricht jemand selbstbewusst vor einer Klasse, wie in dem Moment, wo die Kontrolle verloren geht? Das wird aber alles ins Drehbuch geschrieben.

ARTE Magazin Auch das, was sich in Ihrer Mimik abspielt, ein Blick oder ein leicht verzogener Mundwinkel?

Leonie Benesch Das ist eine etwas kindliche Vorstellung vom Beruf Schauspielerin. Mein Vater meint auch immer, ich würde so viel mit meinem Gesicht spielen. Mein Gesicht ist aber nicht in meinem Fokus. Willem Dafoe hat in einem Podcast gesagt: „Mein Gesicht ist mir scheißegal.“ Und das stimmt. Ich stelle mir nicht die Frage: Wann ziehe ich meinen Mundwinkel hoch? Um Figuren wahrheitsgetreu nachzuspielen, muss man die Situation verstehen und verkörpern, in der sie sich befinden.

ARTE Magazin Das heißt also: gerade nicht bewusst steuern?

Leonie Benesch Daran erkennt man meistens Kolleginnen und Kollegen, deren Arbeit ich nicht so schätze: wenn jemand sein Gesicht verzieht, um etwas darzustellen, und ich gezeigt bekomme, was ich fühlen soll. Es ist alles Manipulation, aber ich möchte auf eine Art manipuliert werden, dass ich es nicht merke.

Leonie Bensch im Film
Mit viel Engagement unterrichtet Carla Nowak (Leonie Benesch, Foto) an einem Gymnasium. Ihr Versuch, Diebstähle an der Schule aufzuklären, stürzt sie in Konflikte mit Kollegen, Eltern und Schülern. İlker Çataks preisgekrönter Film wirft einen kritischen Blick auf das System Schule. Foto: Almonde Film

ARTE Magazin In „Das Lehrerzimmer“ und in „Heldin“, in dem Sie die Pflegefachkraft Floria spielen, gibt es nur den Job, kein Privatleben. Macht das den Reiz der Rollen aus?

Leonie Benesch Petra Volpe, die Regisseurin und Autorin von „Heldin“, wollte mich erst gar nicht zum Casting einladen, weil sie dachte, ich hätte bestimmt keine Lust, wieder eine gestresste Frau bei der Arbeit zu spielen. Ich fand das Buch aber sehr gut und wusste, dass darin für mich als Schauspielerin tolle Herausforderungen stecken. Bei Drehbüchern interessiert mich hauptsächlich die Präzision in der Beobachtung, die tiefe Kenntnis der erzählten Geschichte. Weil Petra eine Liebeserklärung an diesen Beruf verfassen wollte, war klar, dass alles ganz genau recherchiert ist. Meine Aufgabe war, jeden Handgriff so aussehen zu lassen, als würde ich ihn täglich machen.

ARTE Magazin Um dabei glaubhaft zu wirken, gingen Sie vor dem Dreh in ein Krankenhaus. Wie lief das ab?

Leonie Benesch Ich bin fünf Tage im Kantonsspital Baselland mitgelaufen. Begrüßt wurde ich zur ersten Frühschicht um 5.30 Uhr mit: „Ah, du bist die Schnuppi, oder?“

ARTE Magazin Also wie jemand, der in den Beruf reinschnuppert, um sich vielleicht darin ausbilden zu lassen?

Leonie Benesch Genau so wurde ich behandelt. Es wusste auch keiner, warum ich das mache.

ARTE Magazin Der Druck, der im Alltag auf Carla in der Schule und Floria in der Klinik lastet, überträgt sich in den Filmen geradezu körperlich. War das am Set spürbar?

Leonie Benesch Die Kamerafrau von „Das Lehrerzimmer“ und „Heldin“, Judith Kaufmann, fängt Bilder so ein, dass der Zuschauer den Eindruck hat, mittendrin zu sein. Beide Drehs liefen aber so entspannt, dass wir meistens eine halbe oder  ganze Stunde früher als geplant fertig waren. Es gab keine Dramen, Petra und İlker wissen genau, was sie wollen.

Nichts ist anstrengender als jemand, der seinen Text nicht draufhat

Leonie Benesch, Schauspielerin
Leonie Bensch in
Frauenbilder: In „Das weiße Band“ spielt Leonie Benesch (links, mit ­Christian ­Friedel) ein Kinder­mädchen im Ostelbien des Jahres 1913. Foto: picture alliance / Everett Collection / Sony Pictures

ARTE Magazin Professionalität ist Ihnen sehr wichtig …

Leonie Benesch … pünktlich sein, seinen Text können. Nichts ist anstrengender als jemand, der seinen Text nicht draufhat.

ARTE Magazin Erleben Sie bei so intensiven Rollen eine Identifikation auf Zeit? Nehmen Sie die Figuren mit?

Leonie Benesch Nein, das nicht. Wenn der Dreh zu Ende ist, will ich immer so schnell wie möglich nach Hause – einmal unter die Dusche, und dann ist der Tag vorbei. Umgekehrt war es beim Beginn der Proben für „Heldin“ so, dass ich vorher wahnsinnig anstrengende anderthalb Jahre hatte und total müde und erschöpft ankam. Da hat Petra gesagt: „Das versuchen wir gar nicht erst, irgendwie wegzuspielen.“ Sie fand, eine gewisse Grunderschöpfung passe zu der Figur.

ARTE Magazin Bekommen Sie Reaktionen auf die Filme von Menschen mit, die in den dargestellten Berufen arbeiten?

Leonie BeneschBei der Kinotour für „Das Lehrerzimmer“ waren immer mindestens die Hälfte der Zuschauer Lehrerinnen und Lehrer. Manche fanden den Film harmlos, es sei in Wirklichkeit noch viel schlimmer. Andere sagten, es sei übertrieben. Bei „Heldin“ haben Petra Volpe und ich so viel Feedback wie noch bei keinem anderen Projekt erhalten, Briefe und Nachrichten von Menschen quer durch die Gesellschaft – aus Patienten- und Pflegeperspektive. Das war schon besonders.   

ARTE Magazin Drei Jahre in Folge Oscar-Rummel: 2024 „Das Lehrerzimmer“, vergangenes Jahr „September 5“, das Drama um Olympia 1972, in dem Sie eine Dolmetscherin spielen, und jetzt „Heldin“. Belasten Sie die vielen Termine auf dem roten Teppich und die Interview-Marathons?

Leonie Benesch Ja, man verbringt sehr viel Zeit damit, sich und das Produkt zu verkaufen. Bei diesen Filmen mache ich das insofern gern, als dass ich auf alle drei sehr stolz bin. Und trotzdem kommt irgendwann der Punkt, an dem ich mich selbst nicht mehr reden hören kann. Man soll eben nicht nur gut spielen, sondern auch eine Werbefläche sein, Leute um den Finger wickeln, sich politisch äußern – all diese Dinge, die nichts mit dem zu tun haben, was man gelernt hat, dem Handwerk, werden erwartet und sind Teil des Marktwerts.

Leonie Bensch in
Pflege­fachkraft Floria in „­Heldin“ (rechts) ist ihre jüngste Hauptrolle. Der Film geht ins Oscar-Rennen. Foto: Salvatore Vinci / Zodiac Pictures

ARTE Magazin Inwiefern ist gesellschaftliche Relevanz für Sie ein Auswahlkriterium bei Projekten?

Leonie Benesch Wenn ich ein Drehbuch lese und denke, das ist spannend oder stellt eine Frage, die mich auch umtreibt, spielt das schon eine Rolle. Ein Buch über ein Thema, das mich nicht interessiert, würde ich wahrscheinlich nicht annehmen. Es sei denn, mir wird eine Million geboten (lacht).

ARTE Magazin Sie sind im Kinderzirkus gestartet, haben sich früh eine Schauspielagentur gesucht und als Teenager gleich mit Ihrer ersten Rolle mehrere Preise gewonnen. Danach haben Sie die Londoner Guildhall School besucht, sich einen britischen Akzent zugelegt und sind auch international gefragt. Das wirkt beinahe unheimlich planvoll.

Leonie Benesch Ich sehe es als Geschenk, so früh zu wissen, was man will. Ich habe einige Freunde, die das mit Mitte 30 immer noch nicht tun. Das fällt meiner Generation gerade auf den Kopf, dieses „Findet heraus, was ihr machen wollt“. Es reicht nicht, einfach nur das zu lieben, was du willst, du musst auch etwas verdienen. Mir ist es zum Glück leichtgefallen, lange Zeit alles in die Schauspielerei zu investieren. Jetzt komme ich, aber auch das ist vermutlich normal, von Zeit zu Zeit ins Zweifeln angesichts der Veränderungen in der Filmbranche. Es gibt gerade sehr wenige gute Drehbücher – und es werden kaum interessante Projekte finanziert.

ARTE Magazin Einige Jahre lang waren Sie häufig in historischen Rollen zu sehen. Haben Sie irgendwann beschlossen, da bewusst einen Schnitt zu setzen? 

Leonie Benesch Nein, ich würde auch nicht irgendetwas ausschließen, nur weil es historisch ist, muss aber dazu sagen, dass mich diese Kostüme unfassbar nerven, dieses ganze Geschnüre. Ich finde es nicht cool, ewig in der Maske zu sitzen und mir eine Perücke ankleben zu lassen. Ich weiß, es gibt viele Kolleginnen und Kollegen, die nichts toller finden. Gebt mir ein Kostüm, das jeden Tag dasselbe ist, das ich mir selbst anziehen kann – und ich bin so was von glücklich. Ich liebe es.

ARTE Magazin Sie waren mehrmals bei den Oscars in Hollywood und wiederholt bei der Berlinale, dort aber noch nie mit einem Film im Wettbewerb. Wäre das mal dran?

Leonie Benesch Ja, ich glaube, die Berlinale schuldet mir etwas.

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