Eine Frau hat am Computer ein neues Dokument geöffnet. Sie tippt, vorsichtig, einzelne Buchstaben: „Ma vie …“ – „mein Leben …“. Leise vor sich hin murmelnd probiert sie unterschiedliche Schriftarten aus, sichtlich unzufrieden mit den Ergebnissen. Mit Serifen, ohne Serifen; mal sind die Buchstaben zu dünn, dann wieder zu dick. Es passt einfach nicht. Wie auch? Welche Schrifttype wäre geeignet, ein ganzes Leben zu repräsentieren? Die Summe aller Erfahrungen, Gedanken und Gefühle einer Frau von 55 Jahren?
Die erste Szene des Films „Mein Leben, mein Ding“, den ARTE im August zeigt, setzt den heiter-melancholischen Ton, mit dem die französische Regisseurin Sophie Fillières von einer Frau in der Krise erzählt: Ihre Ehe ist geschieden, die Kinder ausgezogen. An ihrem Arbeitsplatz in einer Werbeagentur haben Jüngere das Ruder übernommen, auf der Straße nimmt sie kaum jemand wahr, sogar ihr Therapeut scheint gelangweilt durch sie hindurchzublicken. In einer Szene steht sie nackt vor dem Spiegel und begutachtet kritisch ihren Körper: „Eigentlich müsste ich Bauchmuskeltraining machen, aber zuerst muss ich die Freude am Leben wiederfinden.“ Dann zeigt sie sich selbst – oder eher der Welt – den Mittelfinger.
Die in Frankreich sehr bekannte Schauspielerin Agnès Jaoui spielt die Hauptfigur Barberie Bichette ohne Larmoyanz und Pathos, als Frau, die „gewohnt ist, den Abgrund zu streifen“. So hat Agnès Jaoui das in einem Interview formuliert. Sie gibt der Figur Fragilität und Kraft zugleich. Selbst in den absurdesten Momenten, in denen sie von anderen als „komische Alte“ wahrgenommen wird, ermöglicht sie es Barberie, ihre Würde zu bewahren. Und absurde Momente gibt es viele in dieser Tragikomödie. Wo andere mit Klischees über Menopause und Altersgebrechen jonglieren, ist „Mein Leben, mein Ding“ immer schon einen Schritt weiter – oder besser: einen Schritt daneben. Denn auch wenn „Barbie“, wie die ganz und gar nicht puppenhafte Hauptfigur von allen genannt wird, sich selbst wegen ihrer Depression in die Psychiatrie einweist – das Erwartbare geschieht hier eben gerade nicht.
Die alternde Frau wird nicht als Opfer dargestellt. Als Heldin allerdings ebenso wenig. Es kommt zu skurrilen Begegnungen und noch eigenwilligeren Dialogen. Barbie lässt sich von einer wildfremden Frau dazu einspannen, ihr die Einkaufstüten nach Hause zu tragen. Warum, weiß sie selbst nicht. Im Café streitet sie sich mit einem Kellner, der zwei bettelnde, angeblich taubstumme Mädchen verjagen will – und wird schlussendlich selbst von ihnen beschimpft. Im Krankenhaus spricht sie das Personal – von der Krankenschwester bis zum Chefarzt – mit dem Kosenamen „Fanfan“ an. Warum? Weil sie es will.
Es ist die Sprache, genauer, die Poesie, mit deren Hilfe sich Barbie vorsichtig zu ihrem von den Anforderungen des Lebens und des Frauseins verschütteten Ich vortastet. Denn was dieses „Ich“ sein soll, das wisse sie auch mit 55 noch nicht, erzählt sie ihrem Therapeuten. Statt eines Slogans schreibt sie in ihrer Werbeagentur ein Gedicht auf das Flipchart. Von der Außenwelt erwartet sie keine Hilfe; als sie nach einem Notfallkontakt gefragt wird, antwortet sie: „Schreiben Sie mich selbst rein.“
Man kommt nicht umhin, „Mein Leben, mein Ding“ nicht nur als filmisches Selbstporträt der Regisseurin anzusehen, sondern auch als Vermächtnis. Denn Sophie Fillières verstarb 2023 wenige Wochen nach den Dreharbeiten mit 58 Jahren. Den Film stellten ihre beiden Kinder Agathe Bonitzer, selbst Schauspielerin, und Adam Bonitzer fertig. Sie präsentierten ihn auch beim Festival von Cannes, wo er 2024 uraufgeführt wurde. Fillières gilt in Frankreich unter Cineasten als Geheimtipp. Ihr Werk besteht aus sieben Spielfilmen, die von der Kritik hochgeschätzt sind. Ein bekannter Fan: die Regisseurin von „Anatomie eines Falls“, Justine Triet, die Fillières in dem Film sogar eine Rolle gab.
Ihre Vorliebe für Komödien erklärte Fillières in einem Interview mit Le Monde so: „Das Filmgenre ermöglicht es, sich auf gefährliches Terrain zu begeben, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.“ Dabei ist der Grad zwischen Lachen und Weinen schmal, der zwischen Schrulligkeit und medizinischer Diagnose ebenso. Das erfordert ein Vertrauensverhältnis zwischen Regisseurin und Schauspielerin. Hauptdarstellerin Agnès Jaoui ließ sich auf eine Quasi-Symbiose mit der Regisseurin ein, erzählte sie in der Berliner Morgenpost: „Ich habe mit ihren Kleidern gedreht, mit ihren Ringen. Jeden Morgen gab sie mir etwas von sich, und jeden Abend habe ich es ihr zurückgegeben. Natürlich war es ihre Geschichte, aber auch darüber hinaus waren wir auf seltsame Weise miteinander verschmolzen. Ich wurde ein Stück weit sie, es war fast telepathisch.“
Der Film hat ein Happy End, zumindest lässt es sich so interpretieren. Barbie findet einen neuen Platz im Leben. Wie der aussieht, wird nicht verraten. Nur so viel: Er ist sehr klein, dafür aber wild und schön.
Zur Person:
In ihren Filmen setzte sich die 1964 in Paris geborene Regisseurin und Drehbuchautorin Sophie Fillières mit der Suche nach ihrer Identität auseinander. Ihr eigenwilliger Stil brachte ihr viel Anerkennung ein. Sie verstarb 2023 nach langer Krankheit.






