Was die Leser glücklich macht

Essay Papier, Einband, Schriftart – ein glücklicher Leser ist kein Zufall und ein gutes Buch mehr als die Summe seiner Worte. Verlegerin Birgit Schmitz über die Kunst des Druckens und Setzens.

Illustration: Kat Menschik
Illustration: Kat Menschik

Der Typograf Erik Spiekermann sagte einmal den schönen Satz: „Ein Buch ist erst ein Buch, wenn es ein Buch geworden ist.“ Vorher sei es nur eine Ansammlung von Buchstaben auf Papier. Doch halt! Stop! So gelungen diese Pointe ist, natürlich braucht es vorher die Fantasie von Autoren, die aus einer Idee eine Geschichte machen, in der dann vor unserem inneren Auge eine traurige Gestalt gegen Windmühlen kämpft, uns durch einen Kaninchenbau ins Wunderland führt oder über Gleis 9 3/4 in eine zauberhafte Welt. Mit Wörtern so umzugehen, dass das gelingt, davon geht bis heute eine ungeheure Faszination aus. Und das gilt für Autoren und Leser.

Doch Spiekermann hat schon recht, wenn er auf die anderen Magier der Buchwelt hinweist: die Buchgestalter, Setzer, Typografen und Drucker.

Die Sendung auf Arte

Die ARTE-Reihe „Wo Bücher die Welt bedeuten“ gibt es ab Montag 14.10.2019 um 17:10 Uhr bei ARTE.

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Es sind Künstler, zu deren Kunst es gehört, dass man sie nicht bemerkt. Nehmen Sie also ein Buch zur Hand. Was spüren Sie? Sein Gewicht. Sollte es sich um ein Werk um die 500 Seiten handeln, dürfte es etwas schwerer in der Hand liegen. Aber zu schwer und klobig darf es auch nicht sein. Jedenfalls, wenn das Buch zum Lesen gedacht ist und nicht zum Blättern. Halten Sie das Buch jetzt eine bequeme Armlänge von sich entfernt und schlagen Sie es auf. Bricht jetzt schon der Rücken oder fällt das Papier angenehm zu beiden Seiten? Dafür sorgen Drucker, indem sie aus unzähligen Papiersorten auswählen. Das Papier darf nicht zu weiß strahlen, das ist unangenehm für die Augen, es darf nicht zu fadenscheinig sein, damit die Schrift nicht zu sehr auf der anderen Seite durchscheint, und nicht zu leicht sein von der Grammatur, also dem Gewicht des einzelnen Papierbogens. Vielleicht haben Sie sich andererseits schon mal gewundert, wenn Sie ein voluminöses Werk aufschlagen, doch die Seitenzahl bei 280 aufhört. Da hat wohl der Verlag entschieden, dass der Eindruck entstehen soll, dass wir es hier eher mit einem Schmöker als mit einem feingeschliffenen Essay zu tun haben.

Und dann sind da die Buchgestalter und Setzer, die aus unzähligen Schriften jene auswählen, die dem Text und seinem Inhalt entspricht. Sollten Sie einmal beim Lesen eines Romans mit vielen Dialogen häufiger hängen geblieben sein, dann könnte es nicht nur an dem liegen, was da steht, sondern wie es da steht. Schon falsch gesetzte Anführungszeichen – sie stehen am besten ein wenig vor der Zeile, kleben nicht zu nah am ersten Buchstaben, brauchen aber auch keine richtig große Lücke – behindern den Lesefluss. Und sind die Zeilen zu lang, wird es für unsere Augen zu einem Kraftakt, den Wörtern zu folgen.

Einem Romantext schenken wir bis heute größtes Vertrauen, wenn er in der Garamond gesetzt ist – einer Schrift, die aus dem 16. Jahrhundert stammt. Der Franzose Claude Garamond wollte, dass sie nicht handgeschrieben aussah, was damals einer Revolution gleichkam. Die Schrift sollte nicht zu komplex sein, dafür warm und elegant. Im Garamond-e steckt schon die ganze Kunst des Einfachen. Nur beim Et-Zeichen (&) hat der Schriftenmacher noch mal alles an Geschwungenem, Opulentem und Verspieltem einfließen lassen. Womöglich eines der schönsten Schriftzeichen der Welt. Bis heute werden die Bücher von F. Scott Fitzgerald, Amos Oz oder Raymond Carver in dieser Schrift gesetzt. Und auch „Harry Potter“.

Die Leere zwischen den Buchstaben

Dabei gestaltet der Typograf und Setzer nicht nur das Schwarze, sondern viel Arbeit steckt er in die Leere zwischen dem Gedruckten, also in den Abstand zwischen den einzelnen Zeichen, den Wörtern und Zeilen. Erst wenn beim Lesen nichts stört, ist es gut. Sonst ist das Buch am Ende noch unlesbar. Was man sonst eher bei manchem Inhalt denkt.

Während also die einen von den neuen digitalen Möglichkeiten schwärmen und das Ende des Buches verkünden (und am liebsten gleich das Lesen mit abschaffen würden, wenn da nicht das Problem wäre, dass eine beträchtliche Zahl der aktuellen Serien und Filme auf Buchvorlagen beruhen), ist es gut, sich daran zu erinnern, dass Buchmenschen seit vielen hundert Jahren ihr Medium so verfeinert und durchdacht haben, dass wir in den Geschichten regelrecht versinken – mit Alice im Wunderland tanzen, den großen Gatsby eine Party feiern lassen oder darüber rätseln, wovon wir sprechen, wenn wir von Liebe reden.

Dazu braucht es keine besondere Ausstattung wie Leineneinbände oder Farbschnitte. Aber es braucht jemanden, der sich viel Mühe damit gegeben hat, dass wir das Lesen selbst nicht bemerken und die Magie der Literatur wirken kann. Wenn Sie mich nach der Zukunft des Buchdrucks fragen, lautet meine Antwort ganz eindeutig: Geschichten auf Papier werden locker noch ein paar Jahrhunderte existieren.