Am Anfang steht das Ende: Ein historischer Fernsehbeitrag zeigt den Abriss der Reformuniversität Vincennes bei Paris im Sommer 1980. Während Studierende Matratzen und Bücher aus den Gebäuden tragen, reißen Bagger die Mauern nieder. Offiziell sind ein ausgelaufener Pachtvertrag, baurechtliche Probleme und der geplante Umzug nach Saint-Denis die Gründe. Kritiker sehen darin jedoch die Zerstörung eines Symbols der 1968er-Bewegung – eine Maßnahme des Staates gegen eine unbequeme Bildungsinstitution. Mit der Demontage dieses politischen Experiments beginnt die achtteilige Serie „Die Revoluzzer“. Original-Archivmaterial und fiktive Szenen gehen dabei nahtlos ineinander über. In warmen Sepiatönen und mit viel Humor erzählt die Serie von einer Zeit des Aufbruchs – und von Konflikten und Ideen, die bis heute nichts von ihrer Brisanz verloren haben.
Vincennes entstand aus den Studierenden- und Arbeiterprotesten vom Mai 1968. Mit dem Centre universitaire expérimental de Vincennes gründete die französische Regierung am Rand von Paris eine Hochschule, die zwei Ziele vereinte: Sie sollte das Bildungssystem reformieren und zugleich die Protestbewegung aus dem politisch aufgeladenen Quartier Latin an die Peripherie verlagern. Bildungsminister Edgar Faure setzte bewusst auf ein Experiment. Hierarchien wurden abgebaut und Vorlesungen teils durch Seminare und Projektarbeit ersetzt. Auch Berufstätige, internationale Studierende und Menschen ohne Abitur konnten sich einschreiben.
Doch das Experiment entwickelte bald eine Eigendynamik, die viele seiner Initiatoren skeptisch betrachteten. Vincennes wurde zu einem Zentrum der außerparlamentarischen Linken und zog Maoisten, Feministinnen, Gewerkschafter, Künstler und Antiimperialisten ebenso an wie einige der einflussreichsten Intellektuellen Frankreichs. Bis spät in die Nacht wurde auf dem Campus über Kapitalismus, Krieg, Sexualität oder Erziehung gestritten. Lehrende und Studierende begegneten einander vergleichsweise informell, Autoritäten wurden hinterfragt und neue Formen des Zusammenlebens und Lernens erprobt. Zu den prägenden Persönlichkeiten gehörte Gilles Deleuze (1925–1995), der von 1969 bis 1987 zunächst in Vincennes, später in Saint-Denis lehrte. Michel Foucault (1926–1984) baute den philosophischen Fachbereich mit auf, Jean-François Lyotard (1924–1998) wurde zu einem wichtigen Theoretiker der Postmoderne. Vincennes wurde so zum Bezugspunkt für unterschiedliche Strömungen, die später – vor allem im angloamerikanischen Raum – unter dem Begriff „French Theory“ zusammengefasst wurden.
Die Verbindung von Wissenschaft und politischem Engagement machte die Universität zunehmend zum Streitfall. Unter Präsident Valéry Giscard d’Estaing wuchs in den 1970er Jahren der Druck auf Vincennes. Kritiker interpretierten den Abriss des Campus 1980 deshalb auch als politische Machtdemonstration vor der Präsidentschaftswahl von 1981.
Fast 60 Jahre später sind viele der in Vincennes diskutierten Fragen noch immer aktuell. Hochschulen ringen weiterhin um Chancengleichheit: Laut dem Bildungstrichter des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) nehmen von 100 Kindern aus akademischen Elternhäusern 78 ein Studium auf – aus nicht-akademischen Familien sind es nur 25. Zugleich wird darüber gestritten, welche gesellschaftliche Rolle Universitäten einnehmen sollten: Soll Wissenschaft politisch Stellung beziehen oder neutral bleiben? Die Debatten über Klimaproteste an Unis, den Umgang mit dem Nahostkonflikt oder mit Parteien wie der AfD zeigen, dass dieses Spannungsfeld weiterhin besteht.
Die offenen Fragen von 1968
Auch aktuelle Debatten über Geschlechterverhältnisse, sexuelle Selbstbestimmung und Europas koloniales Erbe haben Vorläufer in Vincennes. Die Universität bot feministischen und antikolonialen Bewegungen früh einen institutionellen Raum. Hélène Cixous (*1937) gründete dort 1974 das Centre d’études féminines, eine der ersten Einrichtungen für Frauenforschung in Frankreich – Jahrzehnte bevor sich die Geschlechterforschung in Deutschland institutionell etablierte. Zugleich rückten Diskussionen über den Algerien- und den Vietnamkrieg koloniale Kontinuitäten in den Fokus. Heute werden diese Debatten in Seminaren zu Postkolonialismus, Rassismuskritik, Diversität und Identitätspolitik weitergeführt.
Vincennes erprobte neue Formen des Lernens und der Mitbestimmung, die damals provokativ erschienen. Interdisziplinäres Arbeiten und flachere Hierarchien sind heute vielerorts selbstverständlich. Über andere Fragen muss weiter diskutiert werden – oder, ganz im Sinne von Vincennes, gestritten.








