Es ist die Nacht des 14. April 1912. Der Passagierdampfer RMS Titanic, etwa so lang wie der Eiffelturm hoch, befindet sich seit vier Tagen auf der Jungfernfahrt vom südenglischen Southampton nach New York. Anmutig gleitet das luxuriös ausgestattete Schiff auf den Wogen des Nordatlantiks, über ihm der tiefschwarze Sternenhimmel. Die Luft ist eisig. Der seinerzeit größte Dampfer der Welt gilt als unsinkbar, entsprechend unbeschwert ist die Stimmung an Bord. Um 23.07 Uhr sind die meisten Passagiere in ihren Kabinen, als die Funkstation eine Eisberg-Warnung empfängt. Die Nachricht wird als nicht dringend eingestuft und ignoriert. Nach 22 Minuten meldet der Ausguck Frederick Fleet von seinem Beobachtungsposten: „Eisberg direkt voraus!“
Sofort wird gegengesteuert, die Crew der Titanic versucht auszuweichen. Doch ein Koloss dieser Dimensionen reagiert träge. Es ist zu spät. Der Dampfer stößt an der Steuerbordseite mit dem gut 30 Meter hohen Eisberg zusammen. Die kurze Kollision reicht aus, um sofort Wasser durch ein Loch im Rumpf strömen zu lassen und vier Kesselräume zu fluten. Innerhalb von zwei Stunden versinkt das Schiff in den Tiefen des Atlantiks. Anhand von Augenzeugenberichten und Expertenstimmen rekonstruiert die vierteilige ARTE-Dokureihe „Titanic – Die Nacht der Katastrophe“ den Untergang aus der Perspektive der Passagiere und der Crew. Minute für Minute.
High Society mit an Bord
Mehr als ein Jahrhundert nach dem Unglück ist die Geschichte der Titanic eine moderne Legende – immer wieder neu erzählt in Filmen, Büchern, Musicals und Museen. Doch was fasziniert und schockiert die Menschen so sehr? Ist es das tragische Scheitern eines technischen Wunderwerks, das so gut als Symbol für menschliche Hybris taugt? Oder sind es die sehr unterschiedlichen Schicksale der rund 1.500 Menschen, die in jener Nacht ums Leben kamen? Auf der Titanic trafen sich fast alle sozialen Schichten des anbrechenden 20. Jahrhunderts: Auswanderer und Arbeiter waren ebenso an Bord wie wohlhabende und prominente Persönlichkeiten der internationalen High Society, darunter der US-amerikanische Erfinder und Unternehmer John Jacob Astor, der US-Geschäftsmann Benjamin Guggenheim und der deutsch-amerikanische Unternehmer Isidor Straus.
In Deutschland gibt es, wie sollte es anders sein, einen Titanic-Verein – bestehend aus einem kleinen, spezialisierten Kreis an Enthusiasten, Historikern und Sammlern. Die Mitglieder beschäftigen sich mit den deutschen Bezügen und Lebensläufen des Schiffsunglücks. „Etwa 18 Bürger des Deutschen Kaiserreichs waren an Bord der Titanic“, sagt Malte Fiebing-Petersen, Vorsitzender des im baden-württembergischen Ludwigsburg ansässigen Vereins, im Gespräch mit dem ARTE Magazin. Der Großteil davon stammte aus dem damaligen Ostpreußen. Was Fiebing-Petersen fasziniert: „Der Untergang lässt sich als perfekte Katastrophe bezeichnen. Das größte, luxuriöseste und schönste Schiff der Welt, praktisch unsinkbar, stößt auf seiner allerersten Reise mit etwas Profanem wie einem Eisberg zusammen.“ Die Titanic symbolisiere für ihn den Größenwahn, mit dem die Menschen Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Welt stolzierten. Tatsächlich war es eine Zeit, in der alles möglich schien: Radios, Autos und Flugzeugen fanden immer größere Verbreitung und man glaubte noch ernsthaft daran, dass der Mensch die Natur mit Stahl, Dampf und Ingenieurskunst in die Schranken weisen könne. Mit dem Untergang der Titanic zerfiel diese Illusion ein gutes Stück weit – für manche brach sogar ein ganzes Weltbild zusammen.
Nach Ansicht von Grit Hein, Psychologin und Neurowissenschaftlerin an der Universität Würzburg, speist sich die anhaltende Faszination an dem historischen Ereignis auch „aus der Brücke zur eigenen Lebenswelt“, die es schlägt. Entscheidend sei vor allem die Identifikation mit den Einzelschicksalen: Der Gedanke daran, was die Passagiere in ihren letzten Momenten erlebten, was sie dachten und fühlten, als das Schiff im Meer versank, wecke starke Emotionen. Ebenso betont Hein, dass die besonders ausgeprägte Mischung an sozialen Hierarchien an Bord in den Menschen eine Sehnsucht wecke. Regisseur James Cameron hat diese Besonderheit verstanden: In seinem Hollywood-Blockbuster „Titanic“ aus dem Jahr 1997 stellt er die Kluft der Klassen und das Schielen nach oben dar – und macht aus dem Stoff eine packende Liebesgeschichte, die noch immer viele zu Tränen rührt. Erzählt wird darin die tragische Liebe zwischen Jack (Leonardo DiCaprio) und Rose (Kate Winslet), dem wohl berühmtesten ungleichen und zugleich unsterblich verliebten Paar der Filmgeschichte.
Die ARTE-Dokumentation richtet den Blick hingegen auf die realen Biografien hinter dem Mythos. Eine von ihnen sticht besonders hervor. Es ist die Geschichte der englischen Auswanderin Charlotte Collyer, die mit ihrem Mann Harvey und ihrer achtjährigen Tochter Marjorie in der zweiten Klasse reist. Charlotte ist an Tuberkulose erkrankt. Auch deshalb setzt die Familie ihre Hoffnung auf einen Neuanfang in Amerika, auf ein milderes Klima, bessere Bedingungen und Genesung. Als die Titanic zu sinken beginnt, ist die Familie in ihrer kleinen Kabine. Charlotte und ihr Mann sind zunächst unschlüssig, was sie tun sollen. Schließlich bahnen sie sich ihren Weg auf das Deck, die kleine Marjorie zwischen ihnen. Dort herrscht Chaos. Die wenigen Rettungsboote werden zur See gebracht. Aus dem Stimmengewirr dringt ein klarer Befehl zu den Passagieren: „Nur Frauen und Kinder!“ Er drängt Charlotte zu einer schicksalshaften Entscheidung: Sie muss nun wählen, ob sie mit ihrer Tochter in das Rettungsboot steigt oder bei ihrem Mann an Bord bleibt. Sie entscheidet sich gegen den Tod – und zählt zusammen mit ihrer Tochter zu den rund 700 Titanic-Überlebenden.
Immersive Ausstellung in Leipzig
Im Vergleich zu anderen Großkatastrophen – man denke etwa an die Terroranschläge vom 11. September 2001 oder den Tsunami im Indischen Ozean im Jahr 2004 – fällt außerdem auf, dass das Unglück der Titanic zur Eventisierung taugt. Ein aktuelles Beispiel dafür ist eine immersive Ausstellung in Leipzig, die noch bis Anfang Mai die Katastrophe unmittelbar erlebbar machen will. Unterstützt vom Titanic-Verein Deutschland vebinden die Ausstellungsmacher 360-Grad-Projektionen mit detailgetreuen Raumnachbildungen, rund 300 Artefakten sowie Virtual-Reality-Elementen. Sie nennen das: „eine Verschmelzung von digitaler Immersion und greifbarer Historie“. Warum Menschen sich auf solche Reisen einlassen und Ausnahmesituationen mit allen Sinnen nachempfinden wollen, erklärt die Psychologin Grit Hein so: „Extreme Situationen ziehen uns an. Der Reiz liegt im Austesten und Spüren der Extremsituation. Wenn man sich gefahrlos hineinbegibt, kann man die Lücke zwischen Imagination und Vorstellung und eigenem Leben für wenige Minuten schließen.“ In den Menschen schlummere eine Art Todessehnsucht oder zumindest eine Faszination für den Tod. „Eigentlich müsste das Hineinversetzen in Ausnahmezustände der Personen am Deck der Titanic Stress auslösen, weshalb man sich normalerweise davon fernhält.“ Doch da Körper und Gehirn wissen, dass das Erleben nicht real ist, werde das Geschehen als ungefährlich wahrgenommen, ähnlich wie bei Computersimulationen oder Horrorfilmen. Nur wenn persönliche Erfahrungen oder emotionale Trigger die Situation zu nah erscheinen lassen würden, verliere der Reiz sofort seine Wirkung.
Das Wrack der Titanic liegt nun seit mehr als 100 Jahren auf dem Grund des Nordatlantiks. Dort unten ist es karg und still, die Szenerie erinnert an eine Mondlandschaft. Der Rumpf des ehemaligen Luxusliner ist von Seetang bewachsen, das einstige Symbol des Fortschritts zerfällt. Warum das bekannt ist: Weil die Titanic noch immer Menschen anzieht – und sie sogar 3.500 Meter mit U-Booten hinabtauchen lässt, nur um der Legende für einige Augenblicke nahe zu sein.










