Verdrängen, vergessen, bloß nicht diskutieren. Knapp 25 Jahre nachdem die Geschichte der Treuhandanstalt ein Ende fand, sprechen Menschen im Osten und im Westen nur ungern über die Behörde. Zu umstritten ist die von ihr organisierte Massenprivatisierung der DDR-Wirtschaft. Politisch wird der Kampf um die Deutungshoheit dieses deutsch-deutschen Kapitels in jüngster Zeit jedoch wieder befeuert. In mehreren ostdeutschen Bundesländern stehen im Herbst Wahlen an, in deren Vorfeld die Linkspartei die Forderung nach einem neuen Treuhand-Untersuchungsausschuss platzierte. Zwei solcher Gremien hatte es bereits gegeben. Sekundiert wurde der Linken-Vorstoß im Bundestag von der AfD, die sich ihrerseits als ostdeutsche Interessenwalterin geriert. „Kritiker und Verteidiger der Treuhand peitschen sich gegenseitig hoch. Mit dieser Polarisierung ist aber kein Dialog möglich“, mahnt der Bochumer Historiker Marcus Böick. Er spricht als Experte in der ARTE-Doku „D-Mark, Einheit, Vaterland: Das schwierige Erbe der Treuhand“ und forscht seit Jahren an der Ruhr-Universität zur Treuhandanstalt.
Je nach Lesart gilt die Bilanz der Behördenarbeit als bemerkenswert oder erschreckend. Im Zeitraum von 1990 bis 1992 wurde von der Treuhand ein Großteil der 8.500 volkseigenen Betriebe mit fast vier Millionen Werktätigen privatisiert oder abgewickelt. Vom Plan zum Markt in 18 Monaten. Diese Turbo-Transformation der DDR-Wirtschaft war beispiellos, radikal – und folgenreich. Als treibende Kraft der Massenprivatisierung gilt Birgit Breuel. Die CDU-Politikerin übernahm die Verantwortung als Treuhandchefin, nachdem ihr Vorgänger Detlev Karsten Rohwedder im April 1991 von RAF-Terroristen ermordet worden war.
Während die einen aus den Überbleibseln alter Ostbetriebe optimistisch blühende Landschaften rund um industrielle Kerne wachsen sahen, blickten andere in einen Abgrund aus Arbeitslosigkeit und Abwanderung. Massenproteste und teils dramatische Aktionen wie der Hungerstreik von Arbeitern des Kaliwerks im thüringischen Bischofferode waren die Folge. Im kollektiven Gedächtnis blieben Schlagworte wie Goldrausch, Unterwerfung und Kolonialisierung. Im Osten wurde die Treuhand zum negativen Gründungsmythos des vereinten Deutschlands. Reale Korruptionsfälle und Betrügereien trugen dazu ebenso bei wie abstruse Verschwörungstheorien, die das Zerrbild einer flächendeckenden Bereicherung durch westdeutsche Glücksritter zeichneten. Die Bonner Politik nutzte die Behörde letztlich als Blitzableiter, um die Wut der enttäuschten Bürger im Osten von sich fernzuhalten.
Dass den Deutschen die Aufarbeitung der Treuhand-Geschichte bis heute schwerfällt, liegt laut Zeitgeschichtler Böick vor allem an den verhärteten Fronten der Politik. Neben dem treuhandkritischen Populismus von links und rechts macht er „eine Art marktliberalen Populismus“ aus, der das damalige Vorgehen der Treuhand als „alternativlos“ erachtet. Böick, der selbst in Ostdeutschland geboren wurde, sieht in der 1990 noch von der letzten DDR-Volkskammer gegründeten Einrichtung hingegen weder eine reine Erfolgs- noch Misserfolgsgeschichte.
Den mentalen Wandel vergessen
Aus Sicht des Magdeburger Psychoanalytikers Jörg Frommer, der sich eingehend mit den traumatisierenden Ereignissen der Wendezeit befasst, rächt sich im Fall der Treuhand ein grundsätzlicher Fehler der Vereinigungspolitik. Diese habe den Aufbau Ost zu sehr als ökonomisches Problem behandelt. „Das war ein großer Irrtum“, sagt der Direktor der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Es sei zu wenig über einen mentalen Wandel gesprochen worden. Frommer verweist in diesem Zusammenhang auf die US-amerikanische Re-Education im Nachkriegsdeutschland. Die Wende und ihre Folgen seien vergleichbar mit einer Migrationserfahrung ohne Ortswechsel. „Ein großer Teil der Menschen im Osten war darauf extrem schlecht vorbereitet“, sagt der in den 1990ern aus Düsseldorf nach Sachsen-Anhalt gekommene Wissenschaftler. Er sieht dafür zwei tiefere, durch das repressive System der DDR bedingte Ursachen: Zum einen seien die meisten Menschen schon mit 14 in eine Berufslaufbahn für das ganze Leben sortiert worden. Damit fehle ihnen eine Phase des Ausprobierens, die in der heutigen Gesellschaft entscheidend sei für die Persönlichkeitsentwicklung. Zum anderen habe die staatliche Unterdrückung eine Alltagstraumatisierung bewirkt. Nach 1989 war das verhängnisvoll. Frommer: „Die Menschen hatten plötzlich sehr viel Freiheit, mit der viele nichts anfangen konnten. Das äußere Gefängnis war zu einem inneren geworden.“