Was im Dunkeln liegt

Die seltsamste Seifenoper aller Zeiten: Mit „Twin Peaks“ hat David Lynch das Fernsehen geprägt. Die vielen Rätsel der Serie wollte er nie auflösen.

Szene aus der Serie
In der Serie "Twin Peaks" kommt ist auf der Beerdigung von Laura Palmer zu Zwischenfällen. Foto: picture alliance/Mary Evans/AF Archive/Twin Peaks Productions

Man kann sich kaum ein amerikanischeres Amerika vorstellen. In Twin Peaks ragen die Fichten in den Himmel, die Autos brettern über die Landstraße. Holzvertäfelte Schnellrestaurants verkaufen Milchshakes und Kirschkuchen, und der Doo-Wop summt aus den Radios. Das Städtchen im Nordwesten der USA könnte an ein Gemälde von ­Edward ­Hopper erinnern – wäre da nicht die Mädchenleiche, die am Fluss im Kiesbett liegt. Es ist die Highschool-Königin ­Laura ­Palmer, in Plastik gewickelt. Ihr Tod ist der Ausgangspunkt der gleichnamigen Serie, die Anfang der 1990er Jahre das Fernsehen neu definierte. Nicht weil die Handlung so überzeugend, die Dialoge so clever gewesen wären. Sondern weil „Twin Peaks“ so gut darin ist, eine Atmosphäre zu erzeugen: die vage Ahnung von einem Ort, der malerisch und skurril ist. Aber auch verdorben wie der Fisch, der dort mitunter im Kaffeewasser landet.

Twin Peaks

Serie

vom 8.1. bis 19.12. auf arte.tv  

Die Kombination war denkbar ungewöhnlich: Da gab ein großer US-Fernsehsender relative Carte blanche an einen Regisseur, der als Avantgarde galt und den Kritikern gefiel, beim Massenpublikum aber oft Verwirrung auslöste. David Lynch (1946–2025) hatte mit „Eraserhead“ (1977) und „Der Elefantenmensch“ (1980) Düsteres in Schwarz-Weiß gedreht, das Science-­Fiction-­Epos „Dune“ (1984) in den Sand gesetzt und den Flop mit dem Erfolg des surrealen Thrillers „Blue Velvet“ (1986) wettgemacht. Mit Vorabendprogramm hatte er wenig zu tun. Sein Interesse galt dem Unbehagen und den Dingen, die im Dunkeln liegen.

In „Twin Peaks“ ließ er nun den adrett gekämmten FBI-Agenten ­Dale ­Cooper an der Kleinstadtfassade kratzen. ­Cooper, gespielt von ­Kyle MacLachlan, wird in den Holzfällerort entsandt, um den Mord an ­Palmer zu klären, deren Leben weniger harmlos verlief, als man erwarten könnte. Er findet eine Gemengelage aus skrupellosen Geschäftsleuten und fehlgeleiteten Teenagern, Drogen, Missbrauch und bösen Geistern. Wenig ist, wie es scheint. Realisiert als aberwitzige Mischung aus Seifenoper, Mystery und völlig ernst gemeintem Klamauk, stellt die Geschichte Detektivarbeit und Übersinnliches auf eine Ebene – ein Rezept, das Serien wie „Akte X“ sich später abguckten. Dazu spielen Free Jazz und Synthesizer-Musik.

David Lynch, der Meister des Rätselhaften

Porträt

Freitag, 9.1.
— 00.00 Uhr
bis 7.4. auf arte.tv  

Szene aus der Serie
Kyle MacLachlan als FBI-Agent Dale Cooper (mit Sherilyn Fenn). Foto: picture alliance/Mary Evans/AF Archive/Twin Peaks Productions

Lynch, Jahrgang 1946, war größtenteils im Mittleren Westen der USA aufgewachsen und hatte später Kunst studiert. In seiner Arbeit versenkte er sich in jedes Detail. Entsprechend prägnant sieht „Twin Peaks“ aus: von den pinkfarbenen Sonnenuntergängen und den Fünfziger-Jahre-Pullovern bis zu den schwarz-weiß gezackten Fußböden, die Agent Cooper in seinen Träumen betritt. Überhaupt: Wo sonst sieht man einen Ermittler, der sich auf Traumeingebungen verlässt und über den Dalai Lama referiert? „Beim Filmemachen ist es, als würde man angeln gehen“, so erklärte der Regisseur einmal die Genese seiner Einfälle. „Die Lust auf eine Idee ist wie der Wurm an der Angel. Mit genug Geduld kann man eine Idee angeln.“

Ein Mord ohne Mörder

Beim Publikum traf er damit einen Nerv. Als „Twin Peaks“ 1990 debütierte, war der Erfolg kurz und heftig. 35 Millionen Menschen, ein Drittel der US-amerikanischen Fernsehzuschauer, schalteten ein. Innerhalb weniger Wochen entstand ein regelrechter Kult um die Serie, die weltweit verkauft wurde. Nach Lynchs Geschmack hätte es einfach so weitergehen können, denn er hatte keinerlei Interesse, das Rätsel um den Mörder von Laura Palmer aufzulösen. Die TV-Bosse aber wurden nervös und drängten darauf, einen Täter zu präsentieren. Lynch tat es und stieg mitten in der zweiten Staffel aus. Vermutlich hatte er längst anderes im Sinn, hatte man ihm doch gerade bei den Filmfestspielen in Cannes die Goldene Palme für das Roadmovie „Wild at Heart“ (1990) verliehen.

Schwarz-Weiß-Foto von David Lynch.
David Lynch (3, hier 1990) erhielt 2019 den Oscar für sein Lebenswerk. Foto: picture alliance/Samuel Goldwyn/Everett Collection

Danach wurde sein Werk noch rätselhafter. Die Filme „Lost Highway“ (1997), „Mulholland Drive“ (2001) und „Inland Empire“ (2006) ließen die Grenzen zwischen Realität und Alptraum verschwimmen. Irgendwann schien es, als könnte er dem traditionellen Kino nicht mehr viel abgewinnen – oder das Kino ihm.

Umso größer war die Euphorie, als bekannt wurde, dass Lynch und sein Co-Autor Mark Frost ihre Erfolgsserie nach einer Pause von 26 Jahren fortsetzen würden. „Twin Peaks: The Return“ erschien 2017. Als 18-stündiger Film konzipiert und in Cannes uraufgeführt, hebt die Fortsetzung den Fall Laura Palmer auf ein kosmisches Level. Agent Dale Cooper sitzt in einer Zeitschlaufe fest. Es gibt Atombombentests, Zeitsprünge, Doppelgänger: Während Fans Exegese betrieben, hatte Lynch traditionell wenig Lust, sein Schaffen zu erklären. Vielleicht, weil es schlicht keine Lösung für all die Mysterien gibt. Sein Publikum stört es nicht. Bei einer frühen Vorführung, so erzählte es der Regisseur der New York Times, seien die Filmrollen aus Versehen in falscher Reihenfolge gespielt worden. Aufgefallen ist es niemandem. „Die Leute haben sich trotzdem ihren Reim gemacht.“

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