Verloren auf Hoher See

Für ihre Rolle in „Styx“ bekam Susanne Wolff 2019 den Deutschen Filmpreis. Eine drastische Geschichte über das Dilemma der europäischen Flüchtlingspolitik.

Susanne Wolff
Foto: Alexander Straulino

Eingepackt in einen dicken Daunenmantel kommt ­Susanne Wolff auf dem Fahrrad zum Interviewtermin. Im Café – mit zwei Jackenschichten weniger – überrascht es ein wenig, dass die 47-jährige Schauspielerin offensichtlich gerne Schmuck trägt. So überzeugend spielt sie die stets schlicht gekleidete Ärztin und Seglerin Rike in Wolfgang Fischers Drama „Styx“. Auf einer Solo-Segeltour von Gibraltar nach Ascension Island stößt die Protagonistin des Films mitten auf dem Atlantik auf ein überfülltes Flüchtlingsboot. Was als Abenteuerurlaub begann, wird so zur Hölle. Ein Gespräch über eine ausweglose Situation und die Macht der wenigen Worte.

arte magazin Frau Wolff, werden Sie leicht seekrank?
Susanne Wolff Ja! Leider. Das wusste ich auch schon vor den Dreharbeiten zu „Styx“.

arte magazin Was Sie aber nicht davon abgehalten hat, den Film zu drehen.
Susanne Wolff Ich habe mich vorher ausführlich beraten lassen, was man dagegen tun kann. Und hatte dann tatsächlich einen extra Koffer mit allen möglichen Lebensmitteln dabei, um meinen Magen stabil zu halten. Ich habe viel Zitrone zu mir genommen, keinen Kaffee, keinen Alkohol. Ich habe das durchgezogen. Aber irgendwann setzte die Seekrankheit dann trotzdem schleichend ein. Das ist auch ganz stark psychologischer Natur – Stress. Drehen ist Stress. Und das ging dann auch nicht mehr zurück.

arte magazin Wie kommt es da, dass Sie schon vor dem Film einen Segelschein besaßen?
Susanne Wolff Mein Vater hat das in unsere Familie gebracht. Er wollte, dass alle seine Kinder und Enkelkinder segeln lernen. Ich habe auf der Alster in Hamburg meinen Schein gemacht. Was im Vergleich zum Atlantik lustig klingen mag, aber das ist auch nicht ohne. Und seekrank wird man da auch.

arte magazin Im Film „Styx“ spielen Sie die Notärztin Rike, die alleine auf einer elf Meter langen Yacht von Gibraltar nach Ascension Island segeln möchte und auf ein überfülltes Flüchtlingsboot trifft. Was hat Sie daran gereizt?
Susanne Wolff Als ich das Drehbuch gelesen habe, wollte ich den Film sofort machen. Das entscheidet sich bei mir meistens nach den ersten paar Sätzen. „Styx“ zeichnete sich dadurch aus, dass das Buch über viele, viele Seiten erst einmal nur aus detaillierten Beschreibungen bestand. Insgesamt gab es sehr wenig Dialog. Das reizte mich. Und auch, dass es diese Art von Film – alleine auf dem Meer gedreht – noch nicht oft gab.

Styx

Drama

Mittwoch,
27.1. — 20.15 Uhr
bis 2.2. in der Mediathek

Susanne Wolff
Die Seglerin Rike (Susanne Wolff) ist verzweifelt – alleine kann sie den vielen ertrinkenden Menschen nicht helfen. Doch Rettung ist nicht in Sicht. Foto: Schiwago Film_ARTE

Bei einem Flüchtlingsboot wird nichts getan, bis es zu spät ist

Susanne Wolff, Schauspielerin

arte magazin Gab es für Sie ein politisches oder humanitäres Motiv, die Rolle anzunehmen?
Susanne Wolff Nein. Ich bin Schauspielerin, ich bekomme dieses Drehbuch, lese es und überlege mir, ob ich das spielen möchte. Sonst wäre ich Aktivistin geworden und würde Dokumentarfilme machen. Natürlich gibt es nicht nur das eine oder das andere. Und ich stehe auch voll und ganz hinter dem Thema des Films.

arte magazin Zu Beginn handelt der Film von Abenteuer und Mut, von Freiheit und der Stärke einer Frau, die alleine eine solche Reise unternimmt. Dann sieht man Menschen, für die es auf dem Meer um Leben und Tod geht – Mut und Freiheit bekommen plötzlich eine ganz andere Bedeutung.
Susanne Wolff Ich ziehe aus dem Film, dass alles mit allem zusammenhängt. Wir Menschen neigen ja dazu, Dinge, die wir nicht sehen oder anfassen können, zu verdrängen. Diese Frau nimmt sich eine Auszeit und möchte einen ökologisch und ökonomisch sinnvollen Urlaub machen. Alleine über das Meer. Sie möchte zu einer tropischen Insel, wo das Grün sie anstrahlt. Und dann begegnet sie der Realität. Mit ihrem Erscheinen springen die Menschen ja erst von Bord und ertrinken. Weil sie ihnen durch ihre zufällige Anwesenheit Hoffnung gemacht hat. Sie steckt mittendrin und kann nichts machen.

arte magazin Ein Junge schafft es, zu ihrer Yacht zu schwimmen. Ihn rettet sie.
Susanne Wolff Als ich die Szene zum ersten Mal nach dem Dreh gesehen habe, ist mir ganz anders geworden. Rike rettet den Jungen, wirft den Motor an und fährt davon. Hinter ihr das überfüllte Flüchtlingsboot, die Geräusche schreiender Menschen. Sie fährt dann nicht ganz weg, das kann sie nicht.

arte magazin Will uns der Film bewusst machen, wie gut es den Menschen in Deutschland geht?
Susanne Wolff Ja. Dazu dient auch die Unfallszene, in der man Rike als Notärztin sieht. Eine Person wird schwer verletzt und sofort entfaltet sich eine riesige Maschinerie an Polizei, Krankenwagen, Feuerwehr – alle sind für die eine verletzte Person sofort zur Stelle. Bei einem kenternden Flüchtlingsboot mit 60 oder 70 Menschen wird nichts getan, bis es zu spät ist.

Styx
Kingsley (Gedion Oduor Wekesa) schafft es, zu Rikes Yacht zu schwimmen. Seine Familie ist noch auf dem sinkenden Boot. Foto: Schiwago Film_ARTE_2

arte magazin Der Name „Styx“ bedeutet „Wasser des Grauens“­ und beschreibt in der griechischen Mythologie den Fluss in der Unterwelt, der die Lebenden von den Toten trennt. Inwiefern passt er zum Film?
Susanne Wolff In einem Gespräch mit Regisseur ­Wolfgang ­Fischer kamen wir beide darauf, dass ein Stück weit Rike selbst zum Styx für diese Menschen wird. Das Meer ist erst einmal nur das Meer – blaues Wasser, gewaltig, Tiere leben darin. Die Menschen wären ohne Rikes Erscheinen wahrscheinlich auch dem Tode geweiht gewesen, hätte sie niemand entdeckt. Aber durch die Begegnung von Segel- und Flüchtlingsboot werden das Meer und Rike selbst zum Styx.

arte magazin Sie erwähnten anfangs, dass es nur wenige Dialoge gibt. Wie schafft man es in einem solchen Fall, dass ein Film trotzdem funktioniert?
Susanne Wolff Durch Worte kann man leichter blenden. Hat man keine Worte, dann spricht der Körper. Das Geheimnis beim Spielen liegt, glaube ich, darin, dass man genau wissen muss, was man tut. Wenn ich eine Karte ausbreite, muss ich genau wissen, wie ich diese Karte ausbreite. Ich muss ruhig bleiben in den Gesten, entsprechend der Figur. Vielleicht liegt es auch daran, dass Menschen fasziniert davon sind, jemanden zu beobachten, der genau weiß, was er oder sie tut. Rike ist Ärztin und Seglerin. Auf ihren Gebieten ist sie Profi. Für mich war es eine große Herausforderung, zwei professionelle Ebenen darzustellen. Ich musste mich gut vorbereiten, konnte nicht einfach drauflos improvisieren. Gleichzeitig liebe ich an der Schauspielerei genau das: Einblicke in andere Berufe zu bekommen, Neues zu lernen und Menschen zu treffen, die mir diese Dinge erklären.

arte magazin Sie werden demnächst die österreichische Kaiserin Sisi vor der Kamera verkörpern. Wenn man Sie gerade in „Styx“ gesehen hat, wirkt das fast absurd.
Susanne Wolff In diesem Fall ist es für mich ausschlaggebend, wer den Film dreht: nämlich die Regisseurin ­Frauke ­Finsterwalder.

arte magazin Dann wird es keine kitschige Angelegenheit?
Susanne Wolff Biopics interessieren mich nicht die Bohne. Die Vorstellung, man würde mich jetzt in ein Trainingslager stecken, in dem ich lernen muss, wie man eine Gabel richtig hält, würde mich nicht glücklich machen. Und das ist auch nicht ­Fraukes Ansatz. Sonst wäre ich absolut die falsche Besetzung.

arte magazin Sisi wurde von ­der großen Romy ­Schneider gespielt. Wie bereiten Sie sich auf die Rolle vor?
Susanne Wolff Im Moment bekomme ich Reitunterricht, auf einem Pferd namens Devil. Dass Romy Schneider die Rolle verkörpert hat, muss ich erst mal vergessen. Sie ist für mich die Königin. Wie und was diese Frau gespielt hat, ist einfach unfassbar. Nicht unbedingt als Sisi, aber später in ihrer Karriere. ­Fraukes Drehbuch setzt aber erst an, als Sisi Mitte 40 war. Das hat man meines Wissens nach noch nicht gesehen.

arte magazin Stimmt es, dass Sie Männerrollen eigentlich mehr interessieren als Frauenrollen?
Susanne Wolff Ja. Ich habe die Sehnsucht nach der größtmöglichen Distanz zu mir selbst. Mich langweilt es, mich selbst darzustellen.