Als im Februar 2025 eine russische Kampfdrohne die Schutzhülle des havarierten Kernkraftwerks Tschernobyl trifft, schrammt Europa knapp an einer Katastrophe vorbei. Der Aufprall und die Explosion zerstören den Stahlmantel über der Reaktorruine auf einer Fläche von mehreren Quadratmetern. Daduch verliert die Schutzhülle – 110 Meter hoch, 160 Meter lang, 150 Meter breit –, die den zerstörten Block 4 des Kernkraftwerks seit 2016 überdeckt, ihre primäre Sicherheitsfunktion, wie die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) einige Tage später mitteilt. Um weitere Schäden zu vermeiden, seien sofort umfassende Reparaturen nötig, „damit die nukleare Sicherheit in der Ukraine und in ganz Europa gewährleistet ist“, lässt IAEA-Direktor Rafael Grossi verlauten.
Inzwischen wurde das Loch notdürftig geflickt, die Stahlkonstruktion steht noch. Doch bei einer weiteren Inspektion im November 2025 zeigte sich: Die Hülle ist stärker beschädigt als angenommen; radioaktive Strahlung könnte jederzeit in die Umgebung entweichen. Laut Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz, das die Lage regelmäßig prüft, ist dies bislang aber nicht der Fall. Dass der Schutzmantel bisher nur einmal getroffen wurde, obwohl in der Ukraine seit mehr als vier Jahren Krieg herrscht und russische Einheiten zu Beginn der Invasion Tschernobyl vorübergehend eingenommen hatten, grenzt an ein Wunder. Fast täglich überfliegen russische Drohnen laut Angaben der ukrainischen Armee die Gegend, um Ziele im Landesinneren anzugreifen. In der radioaktiv verseuchten 30-Kilometer-Sperrzone rund um den havarierten Meiler kam es allein im vorigen Jahr zu mehr als 100 Waldbränden – die meisten ausgelöst durch abgestürzte Lenkwaffen.
Gezielter Angriff
Wie es im Inneren des stählernen Kolosses aussieht, welchen Belastungen die dort Beschäftigten ausgesetzt sind und welche Schrecken die infolge der Havarie von 1986 zwangsumgesiedelte Bevölkerung durchlebt (hat) – das beleuchtet die dreiteilige Dokureihe „Tschernobyl – Der Insiderbericht“, die ARTE im April zeigt. Sie schildert zudem die Methoden, mit denen die sowjetischen Behörden den Nuklearunfall damals vertuschen wollten, bei dem die 400-fache Strahlungsmenge der Atombombe von Hiroshima aus dem Reaktor austrat.
„Bei dem Einschlag im vergangenen Februar handelte es sich allerdings nicht um eine fehlgeleitete oder abgestürzte Drohne“, sagt Greenpeace-Atomexeperte Shaun Burnie. „Das war ein gezielter Angriff auf die nukleare Sicherheit der Ukraine – und damit ganz Europas.“ Der Schaden sei immens, so Burnie, vermutlich müsse die gesamte Konstruktion erneuert werden.
„Die Drohne hat nicht nur die äußere Stahlhaut durchbohrt, sondern auch die innere Wand beschädigt“, erläutert Artem Siryj, technischer Betriebsleiter der Anlage. „Der Raum zwischen Stahlhülle und Innenwand war überdruckversiegelt, um kontaminierten Staub oder Aerosole nicht entweichen zu lassen. Dieses Sicherungssystem wurde lahmgelegt“, so Siryj. Die Explosion der Drohne habe zudem eine schwer zugängliche Kunststoffmembran im Inneren des Gebäudes in Brand gesetzt. Ein Löscheinsatz von außen sei zunächst unmöglich gewesen, erinnert er sich. „Einsatzkräfte mussten die Schutzhülle großflächig öffnen, um das Feuer unter Kontrolle zu bringen.“ Rund die Hälfte der Innenverkleidung des nördlichen Teils des Daches ist seitdem zerstört.
Sarkophag einsturzgefährdet
Die langfristigen Folgen des Drohnentreffers reichen über den direkten Schaden hinaus. Ursprünglich sollte die Schutzhülle den nach dem Super-GAU von zwangsverpflichteten Arbeitern errichteten Sarkophag entlasten. Viele der mit dieser Aufgabe betrauten Menschen sind seither infolge der hohen Strahlenbelastung gestorben.
Inzwischen gilt der Sarkophag als extrem einsturzgefährdet. „Unter dem Stahlmantel sollte im Lauf der kommenden Jahrzehnte der Rückbau des Reaktors stattfinden“, sagt Betriebsleiter Siryi. „Das geht allerdings nur, wenn die Schutzhülle dicht ist.“ Zurzeit erarbeitet ein Spezialistenteam ein Konzept für die Reparatur. Wann es umgesetzt werden kann, sei indes völlig offen, so Siryi, „auch weil die Finanzierung noch nicht steht“.






